Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1849)
- Date
- 1849-08-20
- Page
- Seite 481 (sequence 9)
- Language
- German
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481 man einmal in allen Lebensbeziehungen der allgemeinen Sitte nachgegeben hat, dann brüste man sich nicht gerade in dem einen Punkte, der freilich weder den Gewinn noch das Vergnügen, aber die religiöse Nahrung so Vieler betrifft, mit einem Beharren bei seiner Eigenthümlichkeit! Zhr macht den Sabbat zum Werk-, den Sonntag zum Erholungstage, die Religion aber soll bei jenem dem Drangen der Gegenwart, bei diesem dem Halten an der Vergangenheit ganz weichen muffen? Das ist Selbstbetrug, durch welchen das religiöse Leben ganz erlischt. Neben den Zeiten des öffentlichen Gottesdienstes giebt es noch viele Momente, in denen der Einzelne für sich allein oder im Kreise seiner Familie sich zum Gebete angeregt fühlt. Auch für diese Privatandacht muß das Gebetbuch sorgen. — Morgen- und Abendgebete, der Tischsegen, die Ergüsse des Gemüths bei den mannigfaltigen Lebensereigniffen dürfen in demselben nicht fehlen. Die Weihe des Hauses und wichtiger Lebensmomente hängt von der zweckmäßigen Benützung dieser Momente ab. Hier kann und muß das Gebetbuch in vollkommen freier Weise die religiösen Empfindungen der Gegenwart ausdrücken, und daß hiefür die Muttersprache die allein geeignete ist, ist schon oben bemerkt. Mit dem Gottesdienst in Verbindung stehende Gebräuche. Es giebt gewisse Gebräuche, die mit dem Gottesdienste sich verschmolzen haben und auf ihn von nicht unbedeutendem Einflüsse sind. Insofern dieselben lediglich dem Einzelnen überlassen sind, mögen sie auch ferner dem freien Ermessen anheimgegeben sein; dahin gehören die Tefillin bei dem Morgengottesdienste an Wochentagen, das Tallit bei jedem Morgengottesdienste. Anderes greift mehr in das Allgemeine ein. Dahin rechne ich die Beachtung der Aharoniden oder Kohanim. Sie nehmen thatsächlich keine besondere religiöse Stellung mehr ein, und ein auf Geburt begründeter Vorzug vertragt sich auf diesem Gebiete am Allerwenigsten mit unserer Auffassung. Bei dem Rufen zur Tora möge daher der Vorrang, der ihnen und den Leviten eingeräumt wird, gänzlich wegfallen. Den Priepersegen an den Festtagen möchte ich nicht entbehren; aber muß er gerade durch die Kohanim gesprochen werden? Weit besser ist, wenn eine Anzahl aus den Gemeindemitgliedern abwechselnd diesen Akt verrichtet unter Anführung des Rabbiners. Natürlich fallen alle sonstigen begleitenden Zeremonieen weg, der vorausgehende Lobspruch: „der uns geheiligt mit der Heiligkeit Aharons rc.", das Händewaschen u. s. w. — Eine andere Sitte ist durchaus veraltet, nämlich das Zählen der Tage zwischen dem Peßach- und dem Wochenseste. Sich auf eine falsche Bibelerklärung stützend, entstand dieselbe in der Zeit, da man kleinlich den Buchstaben preßte, in der Mischna wird sie nicht erwähnt; sie hat bei der feststehenden Zeit, in welcher diese beiden Feste gefeiert werden, gar keinen Sinn wehr. — Einer weit größern Anerkennung erfreut sich das Blasen des Schosar am Neujahre. Das Blasen wird überhaupt in der heiligen Schrift bei einer jeden öffentlichen religiösen Feier und nicht blos am ersten Tage des siebenten Monats vorgeschrieben; selbst die Mischna stellt in dieser Beziehung die Fasttage wegen öffentlicher Unglücksfälle, namentlich wegen Regenmangels, fast dem Neujahre gleich *). Offenbar würde bei uns eine ernste, würdige Musik das Schofac sehr gut ersetzen; zur Zeit der Mischna fand das Schofacblasen wirklich mit Trompetenbegleitung statt 2). Mögen jedoch immerhin die altgewohnten Töne in ihrem Rechte verbleiben, nur das Uebermaß, welches man hier wieder allmälig hineinbrachte, verdient beseitigt zu werden. Die Mischna kennt blos drei Stöße (Tekia, Tecua, Tekia) an drei verschiedenen Stellen des Gebets, wo sie bei uns auch Vorkommen; der skrupulöse Zweifel über die Art des Mittlern Tones vermehrte sie später zu vier. Aber noch nicht zufrieden damit, wiederholte man diese Töne, und zwar indem man sie zu dreißig anwachsen ließ, noch vor dem Beginne des Mußaf, angeblich aus dem Grunde, um den Satan zu verwirren3). Einem solchen Grunde ist nicht weiter nothig entgegenzutreten, und es würde gerathen sein, das Blasen an dieser Stelle ganz wegzulassen, wenn nicht gerade das Blasen vor dem Mußaf weit größeres Ansehen genösse als das während des Mußaf. Mag es daher bleiben, aber genug wird jedesfalls an zehn Stößen sein, und für den zweiten Tag dürfte es ganz wegfallen. — Der Feststrauß amHüttenfeste hat offenbar für uns nickt mehr die Bedeutung, welche er ehedem hatte, wo ein wirklich ländliches Fest mit Vortragung der verschiedenen Landesfrüchte gefeiert wurde. Mag dem Einzelnen hierbei überlassen bleiben, nach seiner Ueberzeugung zu verfahren, wenn nur der ästhetische Sinn dadurch nicht verletzt wird. *) M. Rosch ha-Schana 3, 3 und 4. 2) Das. 3.: Tn«» "MIN I'NNLN )72 rrnnatn "tuet rrmpE rrmtsrn. 3) Bab. Gemara das. F. 16 ad. 34*