Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1849)
- Date
- 1849-07-30
- Page
- Seite 437 (sequence 13)
- Language
- German
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437 etwa Ln den Gebeten für den Versöhnungstag erhalten hat, wird ohne Bedauern fallen. Ich habe hier besonders die ganz gewöhnlichen Gebete im Auge; auch sie machen unserer Anschauungsweise oft zu kühne Zumuthungen. Hat die Gewohnheit des altern Geschlechts, das sich durch lange Uebung mit Wort und Gefühl vertraut gemacht hat, diese Kühnheit überwunden, was soll die Jugend damit anfangm, welche mit harter Arbeit diese Gebete erlernen muß, bei der dieselben den weiten Weg vom Kopfe zum Herzen machen müssen? Wenn der Knabe sein Abendgebet mit dem Preise Gottes beginnen soll, „der durch Sein Wort die Abende werden läßt, mit Weisheit die Pforten öffnet, mit Vernunft die Zeiten ändert, die Zeitabschnitte wechselt, die Sterne in ihren Wachen am Firmamente ordnet nach Seinem Willen, Tag und Nacht schafft, das Licht vor der Finsterniß, die Finsterniß vor dem Lichte hinwegwälzt, den Tag dahin ziehen, die Nacht erscheinen läßt, zwischen Tag und Nacht die Grenze zieht" — wenn der Knabe also beten lernen soll, wird dieser unnatürliche Redeschmuck, diese ermüdende Wiederholung wirklich sein Gemüth andächtig zu stimmen im Stande sein? Es ist hier des Guten viel zu viel gethan, und an solchen Häufungen leiden viele unserer Gebete. „Es ist Wahrheit, feststehend, begründet, beständig, gerecht, treu, lieb, werth, lieblich, angenehm, furchtbar, mächtig, wohlgeordnet, annehmlich, gut und schön dieses Wort für uns," beginnt ein Morgengebet; „es steige auf, komme, nahe heran, werde sichtbar, wohlwollend ausgenommen, gehört, gedacht, in Erinnerung gebracht das Andenken und die Erinnerung an uns ... vor Dir zur Rettung, zum Guten, zu Gunst, Gnade, Barmherzigkeit, Leben und Frieden an diesem Tage," lautet ein anderes Gebet für ausgezeichnete Tage. Solche wuchernde Ueppigkeit muß beschnitten werden, wenn sie nicht den ganzen Baumwuchs zerstören soll. Ich habe große auffällige Beispiele gewählt; dieser Uebelstand wiederholt sich jedoch, vielleicht minder ausfallend, unzählige Mate. Wem fallen nicht z. B. hiebei die alphabetisch geordneten Sündenbekenntnisse ein, die die Weihe des Versöhnungstages eher stören, als erhalten? Mir diesen Auswüchsen würden wir leicht fertig werden. Aber eine andere weit größere Schwierigkeit tritt uns entgegen. Die Sprache unserer Gebete ist nicht unsere Muttersprache; das Hebräische lebt überhaupt nicht mehr, es ist in unseren Tagenrrnter uns nicht einmal mehr die Sprache der höhern Bildung und der frommen Gefühle. Wenn eine Sprache zu einer gewissen Zeit den ganzen Schatz des Wissens und der Frömmigkeit in sich getragen hat, so bleibt sie noch lange, wenn sie aus dem Lebensverkehre geschwunden, die Sprache der Gelehrsamkeit und der frommen Begeisterung. Aber allmälig entreißt ihr die neue Muttersprache auch dieses Gebiet; diese bleibt nicht die profane Vermittlerin für die niedrigen Bedürfnisse, sie steigt auch empor zu allen Höhen des Geistes, hernieder zu allen Tiefen des Gemüths. So ist es auch uns ergangen, und wir klagen nicht darüber, daß wir mit all unserem Denken und Fühlen Deutsche geworden, daß in dem deutschen Worte unsere Erkenntniß und Empfindung ihren wahren Ausdruck findet. Es wäre thöricht, wenn wir uns selbst täuschen wollten, mit der Vorspiegelung, das hebräische Wort drücke unsere tief empfundene Ueberzeugung besser aus, sein Klang rege das Gefühl mehr an. Wer möchte in unserer Gemeinde den Wunsch hegen, daß die allsabbatlichen deutschen Gebete für die Glieder der Gemeinde, für die Obrigkeit, für die Dahingeschiedenen, bei der Aussegnung einer Wöchnerin u. s. w., daß die deutschen Gebete für die Todtenfeier, beim Eintritt des Frühlings und des Herbstes wieder in hebräische umgewandelt würden? Sie sind freudig ausgenommen worden, sie bilden bereits einen Bestandtheil des Gottesdienstes, den man sich nicht gerne entreißen lassen möchte. Bei den hebräischen Gebeten merkt man nur zu sehr die andachtlose Stimmung, und wird die Andacht selbst dann nicht ganz eintrelen, wenn Inhalt und Ausdruck der Denk- und Gefühlsweise der Gegenwart mehr entsprechen werden. — Und dennoch muß man mit Recht zögern, für den öffentlichen Gottesdienst einen solchen völligen Tausch mit der Sprache zu machen. Bei dem Privatgebete ist er nothwendig und unbedenklich; der Einzelne versenkt sich in sich selbst und nur seine individuellen Gefühle erlangen den angemessenen Ausdruck. Auch das stille Gebet der Gemeinde wird am Besten in der Muttersprache gesprochen werden; auch bei ihm kehrt der Betende mehr in sein einzelnes Selbst ein, wenn er auch in der Versammlung sich befindet. Ein anderes jedoch ist es mit dem gemeinschaftlichen Gebet. Nicht als werde die sprachliche Umwandlung durch gewisse alte Vorschriften gehindert. Und waren sie! auch dagegen, die lebendige Empfindung des Herzens! dürste nimmermehr in das Grab todter Satzungen ein-! gesargt werden. Jedoch ist auch dieses Hinderniß nicht , einmal vorhanden; bereits die alten Lehrer waren so sehr