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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-05-28 · Heft 22 (28.5.1849) · p. Seite 295

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 22 (28.5.1849)
Date
1849-05-28
Page
Seite 295 (sequence 11)
Language
German
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295 bem und seufzt unter den Zypreffeirhaknen. Die Palme zittert, wenn er vorüberrauscht, als ob es ein Geist der Trauer wäre. Ist es wirklich der Wind, der über die Ebene von Saron vom Meere herübergekommen tfi? Oder ist es die Geisterstimme der Propheten, welche über die Stadt trauern, die sie nicht retten konnten? Ihre Geister möchten gewißlich über dem Lande weilen, über dessen Schicksal die Allmacht weinen würde, wenn sie menschliche Thranen besäße! Das letzte Licht verlöscht im Dorfe Bethanien. Der wehklagende Lufthauch ist ein stöhnender Wind geworden, ein weißer Nebel breitet sich über den purpurnen Himmel; die Sterne sind verschleiert, die Sterne sind verhüllt, Alles wird so finster, wie die Wasser des Kidron und das Thal Josaphat. Der Thurm Davids verschwimmt in die Dunkelheit, nicht mehr schimmern die Minarets der Moschee Omar's, Bethesda's heilige Fluchen, der Hügel von Salem und die Anhöhen von Scopas sind nicht mehr zu unterscheiden. Alle großen Dinge sind von den kleinen Nationen vollbracht worden. Der Jordan und der Jlissos sind es, welche die Völker der modernen Welt zivilisirt haben. Ein arabischer Stamm (die Hebräer) und ein Klan des agäischen Meeres (die Hellenen) sind die Verbreiter aller unserer Erkenntniß gewesen, und wir würden niemals von den Pharaonen, von dem großen Babylon und dem stolzen Ninive, von Cyrus und von kerxes gehört haben, wenn es kein Jerusalem und Athen gegeben hätte. Das Leben und das Eigenthum Englands wird von den Gesetzen des Sinai geschützt. Dem rastlos arbeitenden Volke wird in je sieben Tagen durch die Gesetze des Sinai ein Ruhetag gesichert. Und doch verfolgt es die Juden, und beschimpft das Volk, dem es die erhabene Gesetzgebung verdankt, welche das unvermeidliche Loos der arbeitenden Menge erleichtert. Und wenn diese arbeitende Menge eine Seit tanq die Arbeit ruhen laßt, welche fast der egyptischen Knechtschaft gleich kommt, und jenen Darleger der Geheimnisse des Herzens, jenen Tröster des betrübten Geistes verlangt, den die Poesie allein gewahren kann — zu wessen Harfe flieht das Volk von England um Mitgefühl und Tröstung zu finden? Wer ist der volksthümlichste Dichter in diesem Lande? Ist er unter den Mr. Wordsworths und dm Lord Byrons, unter ausschweifenden Träumereien oder Monologen erhabener Uebersättigung zu finden? Sollen wir ihn unter den Witzlingen der Königin Anna suchen? Können wir selbst die tiefsinnigen Shakespeare die Palme zuerkennen? Nein, der volksthümlichste Dichter kn England ist der sanfte Sänger Israels. Seit den Tagen des Erbes gab es niemals ein Volk, welches so oft die Oden Davids sang als das Volk von Großbritanien. So ungeheuer auch die Verbindlichkeiten der ganzen Menschenfamilie gegen das hebräische Geschlecht sind, so verdankt demselben doch kein Theil der modernen Bevölkerung so viel als das britische Volk. Es war das Schwert des Herrn und Gideons, welches die gerühmten Freiheiten Englands gewann; dieselben Lieder singend, welche das Herz Juda's erfreuten, erkämpften die Schotten an den Abhängen ihrer Hügel ihre Religionsfreiheit. Weshalb verfolgen nun diese sächsischen und zeltischen Gesellschaften das hebräische Geschlecht, von welchem sie die Gesetze erhabenen Wohlwollens angenommen und in dessen Literatur sie fortwährend Entzücken, Belehrung und Trost gefunden haben? Das ist eine große Frage, die in einem aufgeklärten Jahrhundert mit Recht gethan werden kann, auf welche aber sogar das selbstgefällige neunzehnte Jahrhundert nur mit Mühe eine Antwort finden würde. Steht es so? Abgesehen von seinen bewundernswürdigen Gesetzen, welche unfern Zustand erheben, und der herrlichen Poesie, die unfern Zustand verschönert, abgesehen von seiner heroischen Geschichte, welche uns zum Streben nach politischer Freiheit angefeuert hat, verdanken wir dem hebräischen Volke unsere Erkenntniß des wahren Gottes und der Erlösung von unseren Sünden. Bevor wir das folgende Bruchstück mittheiten, müssen wir über d'Israeli für diejenigen unserer Leser, welche ihn nicht kennen, einige Bemerkungen voranschicken. D'Jsraeli ist der Sohn eines getauften Juden, also vom israelitischen Stamme, aber als Christ geboren. Er ist zugleich Engländer. Die Engländer sind bekanntlich in der Regel orthodox. D'Jsraeli in seiner dreifachen Eigenschaft, abstammend von Juden, geboren als Christ, erzogen als Engländer, ist daher zu einer eigenen Mischung von Glaubensansichten gekommen, welche wir übrigens in Deutschland in einigen getauften Juden ebenfalls schon beobachtet haben. Diese umfassen als Juden das Alte Testament mit größerer Liebe, als es gewöhnlich von den Christen geschieht, mit größerer Konsequenz,

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