Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1849)
- Date
- 1849-04-23
- Page
- Seite 222 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225606-3225624--10131-3240163- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
222 die ungeheure Mehrzahl der Gemeinden im deutschen Daterlande, besonders in Ihrem Staate der Intelligenz, im lieben Preußen, die noch ganz so dastehen. Wie? Da stehen ganze Schaaren sonst ganz vernünftiger und einsichtsvoller Menschen, und plärren 3 — 4 Stunden Gebete her, von denen sie kein Wort verstehen, und glauben damit einen Gottesdienst gehalten zu haben? Und da die innere Ungeduld sie treibt, und das Ding doch etwas zu lang und viel ist, werden die Worte nur so dahingejagt, zum größten Theile verschluckt, zum Theil ,,überhüpft"? Von den gewöhnlichen Gebeten will ich gar nicht sprechen; ihr Verstandniß ist noch zu erlangen, die deutsche Uebersetzung steht daneben, und zu ausgedehnt sind sie nicht. Aber die Piutim? Das unverdaulichste, sprachlich und inhaltlich verworrenste Zeug wird dahingejagt, halbe Stunde nach halber? Und dann das Hohelied Salomonis (Sliir hascliirim)? Wie kommt dies in den Gottesdienst? Wie wird es von dannen getrieben? Und dann eine große Lektion aus der Tora, wie wird sie abgeleiert, ohne daß Einer mehr als auf die Worte und den Sangton merkt, ob er auch der richtige ist, an den Inhalt denkt Keiner! Und dann ein Stück aus den Propheten, die Haphtora, wie wird sie vom ersten Besten, der kein Wort davon versteht, in den Bart gemurmelt, der eine Theil murmelt mit, der andere, größere plaudert und lacht inzwischen, der dritte lauft rein und raus-Himmel! das ist Gebet, das ist Gottesdienst — da läuft Einem doch der Verstand davon, wie vernünftige Menschen sich hierzu hergeben können! Solcher Unsinn soll eine Pflicht sein! Dazu soll der Israelit eine Verpflichtung fühlen! Nun, fürwahr, da dachte man doch, wer nur seine fünf Sinne bei einander har, der muß alsbald einsehen, daß dies Ding, dies Treiben weder ein Gebet, noch ein Gottesdienst ist, sondern daß jeder nicht wahnwitzige Mensch dies als eine Entheiligung ansehen muß, der sich zu entziehen eine heilige Pflicht ist. Ja, so weit ist es in Israel gekommen, daß Vernunft, Herz, frommer Sinn und die israelitische Religion selbst gegen solch einen Gottesdienst protestiren muffen-aber er bleibt doch bestehen, vor wie nach, und die ihn vertheidigen, rhun noch eine fromme Miene an, und geben sich das Air, als ob sie den Himmel verteidigen. Den Himmel? Wüßtet Ihr es nur, es sind ja nur die Produkte der Herren Kalir und Genossen, die erst siit einem Paar Jahrhunderte im Grabe ruhen. Aber diese haben gelebt, und darum Recht, wir leben blos, und haben Unrecht. Gott bessre es! — Ich bin ein zu kleines Licht, als daß ich mich mit großen Männern messen möchte, allein Eines muß ich doch erwähnen, was mir oft schwer aufs Herz gefallen ist. Nämlich: wir schlagen zu vielen Lärmen von unseren Paar „großen Männern", und was noch schlimmer ist, wir gehen dabei nicht immer gerecht zu Werke, wir machen es, wie der große Hausen es immer macht, wir folgen dem Erfolge. Spielt Einer eine große Rolle, dann Lob und Preis ihm, und wir sonnen uns in den Strahlen seines Glanzes — verliert er auf der Bühne der Welt, dann kehren wir ihm den Rücken zu. Namentlich aber in politisch erregten Kelten ist es angemessen, darin Zurückhaltung zu bewahren, denn die Partei, die heute unten ist, kann morgen oben sein, und mit der gestürzten Partei sind immer die im Nachtheil, welche ihr zu laut gehuldigt haben. Dem nach Berlin in der Deputation ziehenden Riesser wird überall Weihrauch gestreut; aber in die einsame Kerkerhaft Fi sch h o f's dringt kein Ruf des Beileids, man will seiner vergessen. Als Ministerialrath nannte jeder Jude seinen Namen mit Stolz; als Gefangener, verstummt jede Lippe bei Nennung seiner. Und wenn Riesser die klügere Partei ergriffen, stand er darum auf der bessern Seite? Dies ist doch die Frage. Als Vizepräsident hat er seinen Charakter nicht glänzend bewahrt, und Leidenschaftlichkeit hat ihn außerdem wiederholt zu unangenehmen Auftritten hingerissen. Ich glaube jetzt, wo Riesser auf der Sonnenhöhe seines Ruhmes steht, wird man es nicht für feige halten, daß ich hieran erinnere, und Ihre Zeitung hat ihm schon Lob genug gespendet, um parteiisch zu erscheinen, wenn sie meine Worte wiedergiebt. Ich theile Riesser's politische Ansichten nicht, ich sehe in dem, was geschehen, und woran er mitgewirkt, weder'die Erfüllung, noch die Befriedigung — demungeachtet verdenke ich es denen, die seiner Meinung sind, nicht, daß sie ihn preisen — aber den Juden als Solchen verarge ich es, weit sie sich dadurch selbst zu Parteigängern machen. Man weiß, daß die Juden noch eben als Wühler und Demokraten vielfach verschrieen wurden; drängen sie sich jetzt in Huldigungen der Konservativen hervor: so wird man sagen, sie halten es stets mit der herrschenden Partei; man wird sich dann erinnern, daß die Juden in den Zeiten des Absolutismus sich immer für höchst loyale Unterthanen anerkannten, und darauf pochten. Die Meinung aber, daß die Juden Wetterfahnen sind, die es mit den jeweiligen Machthabern halten, wäre aber die übelste, die sie treffen könnte, denn sie würde sie zum Gegenstände der Verachtung für alle