Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1849)
- Date
- 1849-02-26
- Page
- Seite 121 (sequence 9)
- Language
- German
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121 rend ba$ Gemach rechts dem Geschäftsmann diente, und Kassen, Handelsdücher, Geschäftssachen rc. in Uebermaß enthielt, gehörte das links dem Gelehrten, indem es eine bedeutende, kostbar gebundene Büchersammlung, eine Reihe schöner Instrumente und mancherlei Kunstgegenstände umschloß, und die auf Ständern und Gesimsen aufgeschlagenen Bücher von dem emsigen Forschen des Besitzers zeugten. Das Ganze war so ein eigenthümlicher Ausdruck des Mannes, in welchem sich die mannigfaltigsten Beziehungen und Richtungen, die verschiedenartigsten Bestrebungen und Kampfe einheitlich gestalteten und friedlich zurechtelegten. Juda war um die Fünfzig. Eine hohe, aber hagere Gestalt, eine nur noch mit wenigen, fast schon ergrauten Locken umgebene Stirn, das bleiche, durchfurchte Antlitz, aus welchem die Adlernase scharf und kantig hervortrat, die schmalen Lippen, der kurze, spitze Bart gaben ihm das Aussehen eines, zwar scharfen, aber mehr mit den Details sich beschäftigenden Denkers, eines Mannes, der viel gekämpft, ohne einen allgemeinen Sieg erlangt zu haben, sondern viel gewonnen, aber ebenso viel verloren hat — wenn nicht das klare und sanfte, dabei doch feurige graue Auge, beschattet von, für sein Alter überaus zarten Augenbraunen bezeugt hatte, daß der Mann noch piel mehr sei, als er unter dieser Hülle verrieth, daß in ihm eine Welt von Empfindung und Phantasie lebe. Pergamente lagen auf seinem Tische genug. Aber er beachtete sie nicht. In der Hand hielt er vielmehr ein entsiegeltes Schreiben, daffelbe, welches Abraham durch Mose ihn hatte übergeben lassen. Es war so einsam, so schweigsam im Zimmer, das nur von einer einzigen, von der hohen Decke herabhängenden Ampel erhellt ward; da Juda die Kerzen auf seinem Arbeitstische nicht angezündet hatte, füllte eine gewisse Düsternheit das Gemach; ringsum die höchste Stille, in die nur bisweilen aus dem Garten, auf welchen das Fenster des Zimmers hinausging, das Nachtrauschen der Platanen geheimnißvoll flüsterte. Mose hatte erst spät am Tage das Schreiben dem Ohm übergeben können; erst spat hatte sich Juda zurückziehen können, um es zu lesen; er hatte darauf Mosen sofort den Befehl gegeben, den Fremden zu ihm zu führen, mit aller möglichen Fürsorge ihn in dieses Gemach zu geleiten. Jetzt erwartete er ihn, und er hatte unterdeß den Brief, der ihm aufgefallen, noch einmal durchlesen. Was war es, das ihn so eigenthümlich berührt hatte? Große Geister drücken Allem, was von ihnen ausgeht, einen originalen Stempel auf. Oder war es die Form, die Handschrift? Schien sie ihm bekannt, und er wußte nicht, woran er sich erinnern solle?..» Abraham hatte geschrieben: „Die Wege des menschlichen Lebens haben sich so mit Dunkel bedeckt, daß sie nicht immer am hellen Mittage über den Markt der Oeffenllichkeit laufen können. Gewalt und Hinterlist haben sich da ohne Scheu auf die Throne der Welt gesetzt, daß die Gerechtigkeit in Umwegen um den Flecken herum schleichen muß. Darum verzeihe, wenn ich nur unter den Schleiern der Mitternacht zu Dir komme. Aber ich würde dies dennoch nicht wagen, wenn nicht die, welche mich gesandt, an einem Orte wohnen, wo sich das Licht der Welt verborgen hat, wo es untergegangen vor vielen Jahrhunderten im Flammenroth der Zerstörung, „An dem Orte, wo sich Gott Hell und deutlich offenbarte Deinen Sehern, deinen Boten;".... „wo die Erde sich geöffnet, Deine Lade zu empfahen, Und die Cherubim, die standen In dem Allerheiligsten ...." *) „Diese haben zu Dir gesprochen, aber durch den Mund der Feinde. Jetzt wollen sie ihr Wort an Dich gelangen lassen von den Lippen des Freundes. Sie haben mich dazu ausecsehen. Ja, ich spreche zu Dir: Würde meines Schmerzes Größe Sich im Thränenstrom ergießen. Sprich, wo würd' ein Raum zum Ruhen Bleiben eines Menschen Füßen? Aber wie des Schöpfers Schwur Noa's Fluthen gab die Grenze: Also hat er Fciedensbogen Meinen Zähren auch gezogen. **) „Laß, großer Juda, diesen Friedmsbogen um die Mitternacht in Deinem Gemache stehen." Dieses Schreiben berührte Juda mannigfach. Das Verständniß war ihm leicht, nachdem er des Tages zuvor das Schreiben der Vater von Jerusalem aus den Härrden des Gesandten des Großmeisters entgegengenommerr. Aber die feine Anspielung aus einem Liede, das er selbst für Eines seiner gelungensten hielt, und das sich bereits bei den Juden des ganzen Welttheils verbreitet hatte, so daß sie es am Tramrcage Jerusalems zu rezitiren pflegten, und dann die, sehr künstlich angelegten Verse des *) Aus einem Zionsliede von Juda Hallevi. **) Aus einem Gedichte Abrahams. 9*