Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1849-01-29 · Heft 5 (29.1.1849) · p. Seite 71

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
13 (1849)
Issue
Heft 5 (29.1.1849)
Date
1849-01-29
Page
Seite 71 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225606-3225612--09968-3239988
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

71 der übrigen Wissenschaften schon so ziemlich durchgekostet. Kordova war aber damals der Sitz der vorzüglichsten Lehrer der Astrologie, wie diese überhaupt zu aller Zeit an den Höfen ganz besonders reüssirte. Aber die Astrologie erforderte mehr. Sie bedurfte zu einem tiefern Studium kostbarer Manuskripte, und noch kostbarerer Instrumente, zu deren Besitz Abraham alle Mittel fehlten. Dabei kam er namen- und besitzlos nach Kordova. Ein Kampf seines Wissensdranges und seiner Erinnerungen ging in ihm vor. Sollte ec Juda Hallevi angehen um Unterstützung, angehen um den Gebrauch seiner ausgezeichneten Bibliothek und Instrumente? Der Geist seines Vaters wies ihn zurück. Aber, sprach er zu sich selbst, mit dem Namen habe ich meine Vergangenheit abgelegt. Ich bin nur Abraham, und Nichts weiter. Ich habe keine Familie, keinen Vater. ... Das Bedürfniß siegte. Er schrieb einen kurzen, aber eindringlichen Brief an Juda Hallevi. Ein Jüngling, der auf dem Wege der Wissenschaft nur ein Hinderniß kennt, die Armuth, will ein kleines Pfund vom reichen Juda Leihen, damit es in seiner Hand wuchere und reiche Früchte trage. Juda, der große Gärtner Israels, wird den kleinen, abgerissenen Zweig nicht verachten, und ihn in einen wasserreichen Boden verpflanzen. Aber wer bemißt die Wege der Vorsehung? Hat Juda den Brief nicht erhalten? ist er ihm im Drange der Geschäfte abseits gekommen? oder war es eine Laune, der auch der Mildthätigste nicht entgeht, wenn gerade vielleicht eine große Hoffnung getäuscht, ein mühevolles Werk vereitelt worden? Das Schreiben Abrahams blieb ohne Antwort, Wochen lang harrere er des Botens, und ec kam nicht. Da wurde sein Herz bitter gegen Juda, und unbewußt überschlich ihn der Verdacht, daß Juda zwar im Lichte des Tages seine Wohlthaten spende, aber die Verborgenheit verschmähe. Er mußte sich auf sich beschranken. Er übernahm das Amt eines Abschreibers, jedoch nur für astrologische Werke. Bei seiner großen Sauberkeit, bei der Genauigkeit und Eleganz seiner Zeichnungen brachte er es darin zu einigem Rufe. Kein Blatt ging jedoch aus seinen Händen, er hätte es denn auch für sich kopirt. Mit Hilfe dieser Uebungen und bei der Fülle seiner Einbildungskraft und seines eisernen Gedächtnisses konnte er denn auch mit seinen Fortschritten in der Astrologie zufrieden sein. Durchschaute er auch nach und nach die Unsicherheit der Anwendung astrologischer Berechnungen auf die Geschicke der Menschen, so bot sich ihm Ersatz genug in der Erforschung der Himmelskörper und des Weltbau's an sich. Dennoch führte ihn auch diese Beschäftigung noch einmal in das Haus Juda's Hallevi. Dieser besaß ein astrologisches Manuskript in persischer Sprache, das sonst nicht wieder vorhanden war. Er hatte es als Gegengeschenk aus dem heiligen Lande erhalten. Der Fürst, der davon Kunde bekommen, verlangte eine Abschrift für die Bibliothek der Universität. Man berief den bekannten Abschreiber Abraham zu Juda. Dieser schwankte nicht. Er trat vor Juda, und empfing mit vielen Betheuerungen der Sorgfalt das Kleinod. Anderes kam nicht zur Sprache. Mit eisernem Fleiße warf sich Abraham auf die ihm noch unbekannte Sprache, und vollendete bald mit Fertigkeit die Abschrift. Er brachte Original und Kopie in das Haus Juda's, dieser aber war abwesend, und man wies ihn an dessen Tochter, an Hulda. Hulda, in der frischesten Blüte der Jugend, machte einen tiefen Eindruck auf Abraham. Sie beachtete ihn kaum, flüchtigen Blickes nahm sie ihm die Schriften ab, lächelte blos über die sonderbaren Charaktere und Figuren, und ließ ihm den Solo auszahlen. Aber dieser Blick, dieses Lächeln, dieser Wohlklang der Stimme, gruben sich dem Herzen Abraham's unverwischbar ein. Seitdem hatte er keine Verbindung wieder mit Juda Hallevi. Aber seine Ruhe war dahin. Er vernachlässigte seine Studien und seine Abschriften. Er schweifte umher in den Wäldern um Kordova, um zu träumen. Er suchte nach Gelegenheit, Hulda zu sehen. Sein erfinderischer Geist fand diese oft genug aus heimlichem Versteck heraus. Immer tiefer wuchs diese Liebe in sein Herz hinein.... Da erwachte er einst. Eine unbedeutende Veranlassung machte ihn auf seine Gemüthsstimmung, auf seine Lage aufmerksam. Sein Verstand sagte ihm, so könne es nicht bleiben, wolle er nicht untergehen.... Da ermannte er sich; er verkaufte seine kleine Büchersammlung, die Erzeugnisse seines Fleißes, und bestieg ein Schiff, ihn nach dem verlorenen Lande der Vater zu führen. Wir kennen seine Erlebnisse allda. Wir wissen, wie bald ihn sein Geschick zurückschleuderte nach Spanien, ihn Hulda aus den brausenden Wassern retten ließ, ihn jetzt unter den Zweigen der Platane, in der Stille der Mitternachtsstunoe zu harren zwang des Boten, der ihn zu Juda Hallevi geleite. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.