Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 13 (1849)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1849)
- Date
- 1849-01-29
- Page
- Seite 62 (sequence 6)
- Language
- German
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62 Juden allein die Wühler, die Unzufriedenen? Wer wühlt jetzt am Meisten? Nicht blos die Demokraten, wenigstens in gleichem Maße die Aristokraten. Und sind die Juden die einzigen Demokraten? Das Häuflein würde bald auf den Strand laufen. Ist also die Masse der Demokraten eine große, so macht Ihr vergebens die Juden dafür verantwortlich, so droht Ihr auch vergebens. Nein! verstellet Euch nur nicht! Nicht fürchtet Ihr in zarter Besorgniß, das Vorurtheil gegen die Juden würde wieder erwachen — vielmehr erwacht es Euch nicht schnell genug, Ihr wollet es wecken! Welche tiefe Ironie liegt in dem Schluß: „Der Staat kann sich nachsagen, daß er seinerseits zur Ueberwindung und Abwendung dieser Vorurtheile Alles gethan?" O ihr Heuchler! weil die Verfassung auf dem Papiere Gleichheit der Konfessionen ausspricht, darum hat der Staat Alles gethan zur Ueberwindung und Abwendung der Vorurtheile gegen die Juden? Er, der diese Vorurtheile genährt mit aller Kraft bis in die neueste Zeit? Er, der die günstigen Paragraphen des Edikts von 1812 nach einander wieder gestrichen? der vor zehn Jahren die Juden zwingen wollte, nur altfränkische Namen zu führen? der den Juden vor fünf bis sechs Jahren noch eine alte Nationalität wahren und sie aus dem Heere stoßen wollte? der in dem Gesetzentwurf, der dem vereinigten Landtag vorgelegt wurde, sie aus den Stadtverordneten eliminiren wollte? der sie aller bürgerlichen Ehren beraubte, und sie nicht einmal zum Schiedsrichter zuließ, wenn die Mitbürger sie dazu wählten? Und so fort. Glaubt Ihr, daß Ihr so Herren der Volksgesinnungen seid, daß Ihr nun sagen könnt, weil Ihr geschrieben habt, was Ihr nicht lassen konntet: wir waschen unsere Hände in Unschuld, wir haben Alles gethan! Oft wollte schon in uns der Gedanke auftauchen, cs wäre gut, wenn sich in die großen politischen Wirren, die gegenwärtig die Welt durchstürmen, kein einziger Jude im Guten oder Schlimmen hineingemischt hätte! Aber dieser Gedanke siel bald in Nichts zusammen. Denn zuerst bedachte ich: das hälfe den Juden doch Nichts; bald würde es heißen — seht da, die Juden, sie haben ihr Schäfchen in's Trockne gebracht, nun sitzen sie still, und wollen nur den besten Nutzen für sich daraus ziehen; aber mitkämpfen, mitleiden wollen sie nicht, sie haben kein Herz für die großen Wehen der Gesellschaft, sie sind und bleiben die alten schmutzigen Trödler! So würde es heißen. Und dieser Ruf bliebe nicht ohne Nachhall. Und dann: kann denn Einer anders, als wie er muß, wie ihn der Geist treibt, und darf er anders? Wenn Einer eine glühende Ueberzeugung in der Brust hegt, muß sie nicht auf sein Wort und sein Thun Einfluß üben, kann er sich ihr entziehen? darf er sie sich abkaufen lassen durch irgend einen Vortheil? Also damit ist es Nichts. Aber ganz ohne Mahnung darf dieser Artikel und das ganze Verhältniß doch nicht bleiben. Ja, Genossen meines Glaubens und Stammes, lasset uns nach der Wahrheit unserer Ueberzeugung mitweben am großen Webetuche der Zeit, wohin und auf welche Seite unS auch diese Ueberzeugung stelle! Aber, seid vorsichtig, seid nicht vorlaut, seid nicht zudringlich, lasset Euch vielmehr suchen, und suchet nicht! Das müsset Ihr schon um der Sache willen, der ihr sonst mehr schadet als nützet. Denn, wenn Ihr Euch vordränget und geltend machet, dann sagt man: das sind Juden. Und besonders Ihr, Jünglinge: seid nicht eingebildet, eigendünklerisch! Glaubet doch ein Wenig, daß Ihr noch unreif seid, und wartet noch ein Wenig mit Eurer Weisheit, bis sie erst durch das Leben ein Wenig geläutert und bewährt worden ist. Was Juden öffentlich thun, das muß doppelt bedacht sein, doppelt geprüft und doppelt gut, weil es sonst doppelt geschmäht wird, darum weil es Nichts taugt und weil es Juden gethan. Ihr aber, die Ihr darum aus alle Juden Verdächtigung, Vorwürfe, Schmähung wälzet — Ihr seid noch die Alten, und alles Menschliche ist fern von Euch. Ihr könnet es uns nicht verdenken, wir sind mißtrauisch gegen Euch, Ihr nähret das Vorurtheil gegen Euch in uns — und das möchte Vieles erklären. —. Unsere berliner Kriminalgerichte leben noch wacker in der alten Zeit, und nehmen von der Verfassung wenig Notiz. Neulichst erließen sie in den hiesigen Blättern einen Steckbrief hinter den Redakteur der Zeitungshalle vr. Gustav Julius, bekanntlich früher Kandidat der christlichen Theologie; da hieß es: „hat als besonderes Kennzeichen jüdisches Aussehen". Schön, merkt Euch das. Magdeburg, 21. Januar. In den beiden Mecklenburgen und in Holstein-Schleswig,