Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 49 (29.11.1847)
- Date
- 1847-11-29
- Page
- Seite 714 (sequence 2)
- Language
- German
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714 Ebenso mußte in der Menschheit eine Reaktion gegen die Religionsfthde entstehen; es machte sich allmalig die Ansicht immer geltender: daß die Religion allein Ln das stille Gebiet der persönlichen Ueberzeugung gehöre, daß, sobald die allgemeinen Grundsätze der Moral anerkannt sind, das Glaubensbekenntniß überall auf gesellschaftliche Verhältnisse keinen Einfluß haben dürfe. Noch mehr: man erkannte an und proktamirte gewisse, unverletzliche Rechte des Menschen, mit denen er in der Gesellschaft geboren werde, und die nicht durch Glaubensansichten, sondern nur durch Verbrechen aufgehoben werden können. Diese Ansicht, welche man mit dem Ehrennamen der humanen belegte, obschon sie nicht in der Humanität allein begründet ist, sondern auch in dem, was man als das Wesen der Religion gesetzt hat, fand Anklang in allen fühlenden Herzen und in allen vorurtheilslosen Geistern. Sie wurde daher bald im milden Hauche der Liebe, bald in der strengen Schärfe der Logik vorgetragen, und rang trotz allem Widerstreben den Gegnern sehr bedeutende Konzessionen für die bedrückten Glaubens- Parteien ab. Aber man sieht leicht ein, daß auch diese Ansicht eben nur ein Linderungsmittel für die bestehenden Schäden giebt, daß sie nur als ein Auskunftsmittet dasteht, aber das ganze bestehende Verhältniß nicht zu überwinden vermag. Blicken wir daher über die ganze jetzige Welt, so gewahren wir alle Erscheinungen mit einem Male. Allein in den nordamerikanischen Staaten sehen wir Religion und Gesellschaft ganz von einander getrennt, und unabhängig neben einander bestehen. In Europa besteht gesetzlich dieses Verhältniß nur in Belgien; aber auch da ringen unter der Oberfläche die beiden großen Parteien, die katholische und Liberale genannt, mit einander um die Obmacht. In Frankreich ist die „herrschende Religion" zu einer Religion „der Majorität der Franzosen" abgeschwächt, und die anderen haben immerfort gegen Uebergriffe sich zu wahren. In Großbritanien haben die Nichtbekenner der anglikanischen Kirche kaum noch alle bürgerlichen Beschränkungen mühsam abgeworfen, die anglikanische Kirche ist Staatskirche; in Irland, wo die anglikanischen Geistlichen die Zehenten einziehen, ohne in den meisten Sprengeln eine Gemeinde zu haben, und die katholischen Geistlichen vom Almosen des ärmsten Volkes der Welt leben müssen, hat der religiöse Druck noch seine festeste Wurzel geschlagen. In der Schweiz stehen eben 12-/2 protestantische und 7 katholische Kantone mit den Waffen sich gegenüber, um aus religiösen Motiven Bruderblut zu vergießen. In Italien hat außer der katholischen noch keine Kirche irgend eine Duldung erlangt. In Norwegen durfte bis vor wenigen Jahren bei Gefängnißstrafe kein Katholik die Grenze betreten; in Schweden steht auf den Uebertritt zur katholischen Kirche die ewige Verbannung. In Preußen ringt jetzt eine freiere Kirchenverfassung alle Stadien des Kampfes durch. In Rußland werden alle Mittel versucht, um alle Unterthanen in den Schooß der griechischen Kirche zu bringen. In den mohamedanischen Ländern trennen Mohamedaner und Rajah's sich in Herrscher und Beherrschte; der Hattischerif von Gülane, der eine gewisse Gleichstellung verhieß, steht nur auf dem Papiere. Den Engländern ist es noch wenig gelungen, die Ostindier aus den drückenden Banden der Braminen zu lösen, die Wittwen verbrennen sich noch, und der Götze von Dschaggernauck rollt noch über die Leiber der fanatisirten Inder- Hinweg. In Tibet ist der Dalai Lama Gott, seine Seele noch die des Fo, und seine Ausleerungen haben die höchste Heiligkeit und Heilkraft. In China wird jede fremde Religion furchtbar verfolgt, und der Kaiser ist der höchste Priester, der allein der Gottheit Opfer darbringen darf. Auf diese Weise ist der ungeheure Widerspruch vorhanden, daß, während man dem Wesen nach Religion und Gesellschaft völlig von einander trennt, jeder von beiden ein gesondertes Gebiet zuschreibt — dennoch in der Erscheinung, in der Wirklichkeit Beide auf einander den unermeßlichsten Einfluß üben. Bald beherrscht die Kirche den Staat, bald der Staat die Kirche; bald ist es eine einzige Kirche, die im Staate die „herrschende" ist, bald stehen mehre in paritätischem Verhältnisse, schließen aber alle anderen aus. Auf diese Weise ist es geschehen, daß die Religion die Entwickelung der Gesellschaft aufs Nachhaltigste gestört hat. Auf diese Weise ist es aber auch geschehen, daß die Gesellschaft die Entwickelung der Religion, der religiösen Gesittung aufs Nachhaltigste gestört hat; daß die gesellschaftlichen Leidenschaften sich der Religion zu ihrem Werkzeuge bedient haben, sie aus der Quelle der Liebe zur Quelle des Hasses gemacht, durch sie, statt die Menschheit mit dem Hauche des Friedens zu durchwehen, diese getrennt, gespalten, zum Kampfe auf Leben und Tod gegenüber gestellt haben. Es muß daher ein Grundfehler in der gesummten Auffassung und Stellung, die man der Religion und der Gesellschaft gegeben, vorhanden sein: so daß nur