Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 43 (18.10.1847)
- Date
- 1847-10-18
- Page
- Seite 638 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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638 Deutschland. Seesen, 13. September. (Privatmitth.) Seit dem tiefbetrauerten Hinscheiden des allgemein geachteten Di'. Wohlwill war die hiesige Jacobsonsschule ohne Dirigenten. Heute endlich ist dem Herrn Dr. 33. Ginsberg, welcher sechs Jahre der Gemeindeschule zu Strelitz Vorstand, und fünf Jahre Lehrer an der königl. Wilhelmsschule in Breslau war, von dem Kuratorium die Direktion unsrer Erziehungsanstalt übertragen worden. Nachdem der älteste Kurator Herr M. Jacobson, den Neugewählten mit herzlichen Worten in den Kreis der Lehrer und Schüler eingeführt hatte, sprach dieser selbst die Wünsche und Forderungen seines Herzens mit Wärme und Bestimmtheit den Versammelten aus. Bauend auf die gründliche Bildung und pädagogische Tüchtigkeit, wie auch auf die umsichtige Besonnenheit und das warme Gemüth des Herrn Dr. Ginsberg, dürfen wir erwarten, daß unsre Erziehungsanstalt unter seiner Leitung immer reichern Segen verbreiten werde. Walldorf (bei Meiningen), 3. Oktober. (Privatmitth.) Das seit dem November 1845 durch das Ableben des sel. Landrabbiners I. Hoffmann erledigte Landrabbinat wurde am Anfang des vorigen Monats durch den Rabbinatskandidaten Herrn Dr. M. Dreifuß, welcher sich schon frühereinen literarischen Ruf gegründet, und dessen Probe- und Antrittspredigt allgemeinen Beifall erworben, die auch dem Druck übergeben werden, würdig besetzt. Bei dessen Einführung sprach sich unter Anderm der Herr Oberamtmann v. Bibra sehr vortheilhaft über das rühmliche Zeitbestreben der hiesigen israelitischen Gemeinde aus, so wie über die nicht mehr fern liegende Zeit, in welcher eine bürgerliche Gleichstellung unfehlbar erfolgen wird. Einsender dieses geben sich der angenehmen Hoffnung hin, in Herrn Dr. Dreifuß den Geistlichen gefunden zu haben, der seine Stellung würdig ausfüllen wird. I. Sachs und Konsorten. Michelfiadt (auf dem Odenwalde, im Großh. Hessen), 29. September. (Privatmitth.) Eine Trauerseier seltener Art bewegte am 16. d. unsre Stadt. Der berühmte und würdige Rabbi Isaak Lob Wormser ist heimgegangen zu seinen Vätern. Schon längere Zeit mit den Beschwerden des Alters kämpfend, ist er am 13. d. gegen Abend gottergeben und noch mit sterbender Stimme seinen Herrn preisend, zur Ewigkeit eingegangen, im 76sten Jahre seines Lebens. Tiefe und aufrichtige Trauer erregt sein Tod nicht nur bei seinen Hinterlassenen, die nun durch diesen harten Schicksalsschlag aller Stütze und Versorgung beraubt, der bittersten Armuth und dem größten Elend preisgegeben sind, sondern auch bei seinen zahllosen Gönnern, Verehrern und Freunden in dem ganzen Rabbinatsbezirke und weit hin über die Grenzen Deutschlands, Europa's, ja selbst über den Ozean wird sein Hingang von gläubigen Herzen beklagt und betrauert werden. So einfach und geräuschlos sein Leben und Wirken in unsrer Mitte war, so berühmt und allgemein bekannt und hochgeschätzt war er durch seine Frömmigkeit, seine tiefe Lehrweisheit, seine felsenfeste Treue am Gotte Israels und seine unbegrenzte Wohlthätigkeit bei Jsraelietn und Nichtisraeliten. Sein ganzes Leben, das in Entbehrungen, Entsagungen und Aufopferungen bestand, war nur der Beglückung seiner Mitmenschen ohne Unterschied des Glaubens gewidmet, viele Thränen der Armuth und des Unglücks trocknete er, manches wunde Herz hat er geheilt und manchen Kummer als Freund und Tröster brüderlich getheilt und gelindert. In welch allgemeiner Verehrung und Liebe er hier und in der Umgegend gestanden war, bewies sein Leichenbegängniß, bei welchem eine gewiß sehr seltene Theilnahme bethätigt wurde, denn über achthundert verschiedener Konfessionen Angehörige schlossen sich dem Leichenzuge an. Schon Abends vorher und mit kommendem Tagesanbruch sah man von allen Seiten, zum Theil aus beträchtlicher Ferne, Freunde und Verehrer des Verstorbenen in Menge herbeiströmen. Gegen 19 Uhr bewegte sich der Zug in der musterhaftesten Ordnung durch die Stadt, wie folgt: Dem Sarge, getragen von den Vorständen des Rabbinatsbezirks, folgten drei israelitische Lehrer, welche große in Flor gehüllte Folianten, die geschriebenen talmudischen Abhandlungen des Verstorbenen, trugen. Den hierauf folgenden Angehörigen des Verstorbenen hatte sich die israelitische Schuljugend angeschlossen und dieser folgte Herr Rabbiner Dr. Auerbach von Darmstadt, welcher gekommen war, seinem greisen Kollegen die letzte Ehre zu erweisen, begleitet von Herrn Levi, Lehrer und Vorsänger der