Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-09-06 · Heft 37 (6.9.1847) · p. Seite 562

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 37 (6.9.1847)
Date
1847-09-06
Page
Seite 562 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225497-3225535--08838-3239673
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

562 ein Wenig verschämt. „Ich habe in der Schute, während der Stunde des langweiligen Herrn Feitel, so ein kleines Gedicht auf der Schiefertafel gemacht, so wie es Lehnchen liebt, ein Traum, worin ein Gebet an Gott, den Arzt alles Fleisches, vorkommt, in einer Fliederlaube ... und das will ich auf schönes Papier mit einem Goldrand für den Sechser schreiben, und will es ihr zum Sabbat auf ihr Tischchen (egen.... Da wird sie sich doch sehr freuen... Jzt war es an der Mutter, die Arbeit zu unterbrechen, sich auf das Lockenhaupt des Knaben zu beugen und seine rothen Lippen zu küssen. Eine Thrane fiel ihm auf die Stirn. „O Gott/' seufzte sie, „wie viele Freuden giebst Du in so schwerem Leid!..." „Sei nur ruhig, Mütterchen!" hob der Knabe an, „und grame Dich nicht zu viel; Lehnchen wird schon bester werden, und wenn ich erst groß bin, siehst Du, einmal wird's doch, viel gelernt werd' ich schon haben, und wer viel gelernt hat, der hat doch auch sein gutes Brod, das ist doch gewiß, und dann sollst Du es gut haben, so gut, wie eine Prinzessin...." „Ja, laß mich es glauben, Jakob, wenn Gott mich so lange erhalt. Hat es doch Dein theurer Vater, der nun schon zehn Jahre in der Erde ruht, mir gesagt, und der war sehr klug und sah tief. Ec sprach: „Laß mir meinen Jakob gehen, aus dessen Auge spricht es, der wird Dir einmal viel Gutes thun!..." Das sprach er wenige Wochen vor seinem Tode — über ihn Friede!..." Und die Frau trocknete sich die Thranen. „Nun, Mutter, meine beiden Brüder sind auch gut, und thun wahrhaftig das Ihrige. Giebt nicht Abraham, mein ältester Bruder, von früh bis spat, so lang es ihm nur die Schule erlaubt, Stunden, und bekommt schon für einen Monat anderthalb Thaler, und die Leute haben rechten Respekt vor ihm ... und der Kleine, nun, ist ein flinkes Kerlchen, aber für ein gutes Wort wickelt man ihn um den Finger." „Ja, ihr seid Alle brav, und, wenn mir Gott mein Lehnchen gesund machte und nur etwas die drückende Noth von uns nähme, so war' ich sehr glücklich, und tauschte mit keiner Königin.... Höre 'mal, Jakob; ich habe Dich noch Etwas zu fragen. Sag's mir gerade heraus. Heute war ein Vetter da, David, Du kennst ihn wol; der hat mir angetragen, ich sollte Dich ihm mit auf die frankfurter Messe geben, daß Du bei seinem Stand wachest und ihm helfen sollst und kleine Dienste leistest, auf fünf bis sechs Wochen. Dafür will er Dir ein neues Kleid und fünf Thaler geben.... Möchtest Du es thun? .. „Fünf Thaler, Mutter.... Da war' uns für die Miethe geholfen...." „Nun, was willst Du?..." „Aber ich müßte aus der Schule bleiben, und wer soll Dir die Wege gehen, und bei Lehnchen von 3 Uhr des Nachts an wachen ... denn der Kleine kann das doch nicht ... und ich soll mich von Dir und Lehnchen trennen.... Doch wie Du willst, Mutter ... fünf Thaler sind so viel Geld und eine große Hilfe.... Nun, Mutter, was hast Du ihm denn geantwortet?..." „Ich?... Ich Hab' es abgewiesen. Deines Vaters Kinder sollen keine Schachrer werden, und wenn ich von aller Noth befreit würde. Dich, meinen Jakob, soll ich auf die Messe schicken? wenn Du nun zu Schaden kämest, im Gedränge erdrückt würdest? oder Dir Jemand was zu Leide thate? Und wenn Du einmal da gewesen, und er kommt ein ander Mal wieder, und Du gehst wieder mit, und zuletzt bleibst Du dabei, und zuletzt bist Du ein armer Judenbursche, der mit dem Päckchen hausiren gehen muß.... Was sollt' ich antworten, wenn ich einst vor Deinen Vater trete, der ein so großer Gelehrter gewesen, und so berühmt, bis nach Holland, und der Bücher herausgegeben, und er früge mich: was hast Du aus meinen Kindern gemacht, aus meinem Jakob? Und Du führtest Nichts als ein armseliges Hausirerleben.... Nein, und wenn wir noch weiter Salzbrod essen sollen, und ich mein letztes Kleid versetzen muß für die Miethe ... mein Jakob soll nicht auf der Messe an der Bude stehen...»" „Nein, Mutter! laß mich bei Dir ... ich will recht fleißig Sacke nahen... Siehe, mein Leser, das war das Gespräch der Mutter mit ihrem Knaben, der Gedichte machte, einen Traum, worin ein Gebet vorkam, und Säcke nähete ... um Mitternacht. Da fuhr auf einmal ein mitternächtlicher Windstoß auf das Fenster und riß es auf und warf die Lampe auf dem Tische um, daß sie verlöschte. Wie der Wind fuhr auch Jakob auf, und sprang zum Fenster, und schloß es wieder, und befestigte es; und die Mutter rief mit verhaltener Stimme: „O weh, o weh, das Licht ist aus, wie wird's Lehnchen gehen!" und suchte mit zitternder Hand nach dem Feuerzeug, nach Stahl und, Stein und Schwefelfaden. Aber so wie es dunkel geworden in der Stube, stöhnte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.