Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 18 (26.4.1847)
- Date
- 1847-04-26
- Page
- Seite 274 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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274 Tausenden wieder erkennen, aber beschreiben kann ich ihn nicht. So wie er hereintrat, sprang Sara auf, und zog sich Etwas zurück. Er fing an eifrig und lächelnd zu sprechen, aber ich verstand es nicht, denn ich mußte mich sehr von der Seite halten, um nicht gesehen zu werden. ALlmälig zogen sich die Beiden immer nach und nach seitwärts und herum, denn Sara antwortete, und wich immer aus, und der Mann trat immer wieder zu ihr hin. Ich vernahm einzelne Worte, ohne Zusammenhang; Sara sprach laut und bestimmt, der Mann fein und zärtlich. Sie standen jetzt dem Fenster gerade gegenüber, und nicht zu weit davon; da sah ich, wie der Mann plötzlich auf Sara zusprang, und sie mit seinen Armen umfaßte; sie sträubte und drehte sich ab, er aber hielt sie fester und wollte seine Lippen auf die ihrigen drücken. Sie schrie um Hülfe.... Da konnte ich mich nicht halten; ich stieß mit dem Kopf das Fenster durch, und schrie in das Zimmer hinein: Verdammter Goj, willst du des Rabbi Tochter lassen!... Ein großer Schreck mußte über den Mann kommen, denn er ließ Sara loS, und drehte sich um, und stand wie angedonnert vor meinem zornigen Gesicht.... Da schrie er: Ha, ein Jude, und mit einem Male zog er seinen Degen, und stürzte auf mich los. Ich erschrack tödtlich, und ruckte zurück, und durch den Ruck fiel die Leiter an die Gartenmauer; er mit dem Degen an's Fenster, da sprang ich auf die Mauer, könnt' mich aber nicht halten, und fiel auf der andern Seite herunter, zum Glück mitten in Gestraucher, die unten an der Mauer hinliefen. Ich hörte, wie der Mann seine Leute rief, und befahl an der Außenseite der Mauer den Juden zu fangen, und die Hunde los zu lassen, bis sie mich hätten tobt oder lebendig. Da rafft' ich mich auf, obgleich mir alle Glieder zerschlagen waren. Aber ich besann mich, daß die Leute doch einen weiten Weg hatten, bis sie 'rauskämen, und da riß ich erst einen großen Strauch aus, und steckte ihn verkehrt in das Gesträuch, mit den Wurzeln nach oben, daß ich den Platz wieder finden könnte — ob ich mir auch die Hände an den Dornen zerriß. Dann lief ich was ich konnte, die Kreuz und Quer. Bald dünkte mich, daß ich verfolgt ward und Hundegekläff hinter mir her. Da dankt' ich dach Gott für meine langen Beine, denn die griffen gewaltig aus. Bald hört' ich Nichts mehr, ich aber kam an eine kleine Mauer, über die stieg ich, und in der Nahe sah ich ein Gewölbe, da kroch ich hinein, und fiel erschöpft auf raschelndes Laub hin...." „Heldenwüthiger David, wer hätte das in Dir ver- WUthet!..." rief Joseph aus. „Ich selbst nicht, lieber Joseph. Was kann aber der Heilige, gelobt sei er! nicht aus dem Menschen machen.... In der Nacht schlief ich nicht. Es war zu viel, was ich diesen Abend durchgemacht; das ging mir durch den Kopf Stunde vor Stunde; bald schlug mir das Herz, als wenn der Engel des Todes an mein Lager träte, bald fuhr es eisig mir durch die Glieder, daß sie an einander schlugen, als ob ich vor den Stuhl der Gerechtigkeit träte ... und harr' ich erst gewußt, wo ich war ... als die Dämmerung kam, und es hell um mich wurde, da sah ich — noch schaudr' ich — daß mein nächster Nachbar ein Sarg, zu meinen Füßen ein Sarg, zu meinen Häupten ein Sarg, und daß ich auf verwelkten Todtenkränzm liege — schier hätt' ich gedacht, ich läg' auch im Sarg, wenn ich nicht ein Jude wäre — aber ich sprang auf, verließ das Gewölbe und den Kirchhof, auf den ich in der Nacht gerathen war. Bald kam ich an einen Brunnen, wo ich mich wusch und reinigte, und die Strahlen der ausgehenden Sonne beruhigten mein Gemüth. Ich suchte den Weg wieder zu finden, den ich in der Nacht zurückgelegt; und nach eifrigem Suchen kam ich zu den Gärten zurück, erblickte die hohe Gartenmauer wieder, und befand mich bald an dem Orte, wo ich den Abend vorher von der Mauer gefallen. Auf dem Grunde umher sah ich viele Fußtritte, Zeichen, wie man nach mir geforscht; aber auch mein Zeichen war geblieben, und der umgekehrte Dornenstrauch gab mir die volle Gewißheit, daß ich an dem Lasterhause stand, in welches man unsre unschuldige Sara gebracht hat» Ich hielt mich in der Nähe verborgen, bis Menschen vorübergingcn. Die Milchmädchen kamen aus den nahen Dörfern. Alsbald erkundigte ich mich, wem der Garten hinter der hohen Mauer gehöre? Die Ersten gaben mir keine Antwort; die Anderen verhöhnten den „Mauschel"; endlich kam ein kleines, unschuldiges Ding, das sagte zu mir: „Das weiß ja jedes Kind: — dem Herrn Minister, Grafen von Senis-" Joseph war erschrocken aufgefahren. Der Schleier war zerrissen, aber die Sonne schien blutroth hindurch. (Fortsetzung folgt.)