Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-04-05 · Heft 15 (5.4.1847) · p. Seite 235

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 15 (5.4.1847)
Date
1847-04-05
Page
Seite 235 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225497-3225513--08491-3239306
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

235 es dem greisen Rabbi aus dem zusammengepreßten Herzen. Ja, jetzt weilte ein Fluch auf den Lippen, die niemals geflucht .... einVerdammniß auf der Zunge, die nur immer gesegnet.... „Gieb mir meine Tochter wieder, oder sei .... verflucht in das unterste Gehinneom (Hölle) Und er sank zurück. Joseph schwieg. Was sollte der beängstigte Jüngling sprechen? Er wußte keinen Trost, was für ein Trosteswort sollte er sprechen? Lange dauerte das Schweigen. Der Greis lag mit offenen, stieren Augen und krampfhaft gefalteten Händen. Sein Geist schien andere Zeiten und andere Orte zu durchirren. Endlich begann er: „Joseph, Du hast mir mein Kerkerlager zum Dornenlager gemacht — aber Du hast wohl gethan. Wer anders als der Vater muß über das Küchlein wachen, wenn die Mutter dahin gegangen? Wer anders als der Water muß die Schmerzen tragen um sein Kind, wenn es in Gefahr ist? Meiner Sara ist eine schwere Prüfung geworden, schwerer als die meinige, aber sie wird sie bestehen. Nicht so? Sie wird sie bestehenUnd der Greis sprach mit starker Stimme, mit mächtiger Strenge: „Sie wird dem Räuber die Unschuld, dem Verführer die Keuschheit, der Sünde die Reinheit, der Gewalt den — Tod entgegensetzen. Sie wird die Waffe entreißen, mit der der Verbrecher sich ihr naht, und sie gegen ihn schwingen. Sie wird ihn entlarven, sie wird ihn ohnmächtig machen, sie wird rein bleiben, und der Elende zu ihren Füßen zittern, wie vor den Füßen des Richters, des unerbittlichen.... Das wird Rabbi Halters Tochter thun und siegen! ..." „Joseph," hob er von Neuem an, „Du bist als ein redlicher, treuer Sohn zu mir gedrungen — um meinetwillen. Du hast unübersteigliche Kerkermauern überstiegen, uneröffnete Pforten geöffnet — um meinetwillen. Habe Dank, Trost meines Alters. Jetzt aber — vergiß mich. Jetzt sei ich nicht mehr für Dich da, existire gar nicht für Dich. Ausgelöscht sei mein Gedachtniß aus Deiner Seele. Nur für Eines sei da, für Eines lebe, kämpfe, ringe — für Deine Schwester! Siehe, wenn Dir mein Segen, Deines Vaters Segen theuer ist: Du kannst ihn erst in dem Augenblick erlangen, wenn Du zu Deiner Schwester gedrungen; er wird sich erst auf Dich niedersenken im Augenblick, wo sie frei geworden, wo Du sie befreit hast, sei es durch den Tod, oder im Leben. Bis dahin hast Du ihn nicht, bis dahin ist er Dir, nicht versagt, aber aufgeschoben. Ob ich dann noch im Kerker schmachte, ob mein Geist in jenen Raumen weilet: dann, in jener herrlichen Stunde wird Dir mein Segen werden, ein Segen, starker und mächtiger als der Segen Abrahams, Jizchaks und Jakobs, starker und mächtiger als je ein Vater seinen Sohn gesegnet.... Ja, sei ausgerüstet mit aller Kraft, sei listig wie die Schlange, sei klug wie die Taube, sei stark wie die Löwin, der man die Jungen geraubt, sei grausam wie der Tiger, sei unermüdlich und unerbittlich, bis Du Deine Schwester gefunden, bis Du Deine Schwester befreit.... In dieser Stunde bist Du ein Mann geworden, von dieser Stunde an werde ein Held...." Joseph war längst auf die Knie gesunken am Lager seines Vaters, tief war sein Haupt auf die Brust gesunken, aber die Hand des Vaters lag wie weihend auf demselben. „Wenn ich, Joseph, die Tage durchmustre, die meiner Gefangenschaft vorangingen, so will sich mir eine Spur zeigen.... Ja, zweimal kam Deine Schwester von einem Sabbatspaziergange zurück, und sagte mir und der verewigten Mutter, daß sie von einem großen, stattlichen Kavalier auf ihren Gängen verfolgt worden sei.... ich erinnere mich.... in einem engen Gebüsch trat er einmal plötzlich auf sie heran, und habe ihre Hand ergriffen, sie aber riß sich los, und eilte mit einem Schrei des Entsetzens davon.... ein Diener sei ihr bis nach unserm Hause gefolgt.... Ich legte kein Gewicht darauf, und gebot ihr, sich die nächste Zeit zu Hause zu halten, was bald die Erkrankung Deiner Mütter schon nothwendig machte.... Eines Tages kam ein Brief, adressirt an Sara, an, dem ein kostbarer Schmuck beilag, mit der Bitte, ihn anzunehmen als eine Huldigung ihrer Tugend und Anmuth. Ich zerriß den Brief und übergab den Schmuck den Armen der Stadt, den christlichen, weil mir die Juden kein Recht darauf zu haben schienen, und auch, damit es bekannt werde, — denn die christlichen Armenbehörden machen ihre Gaben öffentlich bekannt,-weiter weiß ich Nichts. Der Reichthum des Schmuckes und das ganze Verhältnis zeigen mir, daß der Bösewicht in den Reihen der Großen zu suchen ist. Du hast eine schwere Aufgabe. Vor Allem mußt Du nach all den Umständen aufs Genaueste forschen, welche die Entführung begleiteten. Ein Kleines kann oft Großes ausdecken und verrathen. Wohlan, mein Sohn, versprich mir heilig, alle Kräfte Deiner Seele und Dernes Leibes nur hierauf allein zu verwenden.... nur hierauf. Nur erst, wenn Du eine Gewißheit erlangt hast, versuche mein Angesicht wieder

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.