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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-03-01 · Heft 10 (1.3.1847) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 10 (1.3.1847)
Date
1847-03-01
Page
Seite 155 (sequence 15)
Language
German
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155 und die zahlreichen Schüler, die er ausstellte und die in seinem Geiste fortarbeiteten, suchten durch gründlichen, talmudischen Unterricht dem visionären Wesen des Chasidismus entgegenzuarbeiten. Zahlreiche und tüchtige Schulen wurden gegründet; Tausende von eminenten Talmudisten ausgestellt; das Studium des Talmuds erhielt und behielt die Oberhand über dem Sohar und jenen Werken, welche die chasidischen Rabbinen schrieben; und ich möchte behaupten, daß die größten Talmudisten unsrer Zeit, und gewiß in bedeutendster Anzahl, in jenen Provinzen zu Hause sind. Der gründliche Geist, der durch dieses Studium aber hervorgerufen wurde, bemächtigte sich aber auch in seinem Wissensdurste der Produkte eines Mendelssohn und seiner Schule, und wurde dadurch vorerst auf das Studium der jüdischen Grammatik und Poesie geführt; und es war nur ganz natürlich, daß sich besonders in Wilna, der banttrn D&o W, der jüdischen Metropolis jener Provinzen' eine Reihe von Männern heranbildete, die in der Reinheit des hebräischen Styles der Mendelsohnschen Schule auch nicht im Geringsten nachstehen. Dieser Geschmack an grammatikalischen Studien und an einer Literatur, die sich ganz außerhalb der talmudischen Sphäre bewegt, ergriff besonders sehr viele junge Leute, die mit dem Namen „Berliner" bezeichnet wurden. Und dieser Reichthum geistiger Entwickelung, talmudische Tiefe verbunden mit Studien der neuern Literatur ist das Kennzeichen der genannten Gouvernements. — Die Provinzen Volhynien, Podolien, Kiew, Beffarabien gehören dem sogenannten „lechawitzischen Chasidismus" an. Diesem fehlk die Metaphysik der Kabbala; die chasidischen Rabbinen haben daher auch keine tüchtigen Werke geliefert, und das Volk hängt mehr seinem Wunderglauben und der fast an Vergötterung grenzenden Verehrung seiner Rabbehim nach. Talmudisten sind hier weniger zu Hause; der Chasid dieser Provinzen lebt mehr in seinem Glauben als in seinen Studien. — Eine ganz besondere Klasse bilden die Juden von Odessa. Sie sind größtentheils aus Galizien, aus Brody und Tarnopol, wo des seligen Pert's Schule stets mächtig gegen den Chasidismus ankampfte. Die jüdische Gemeindeschule, die unter der Leitung des tüchtigen Direktors Stern, eines Zöglings der Perl's, in hoher Blüte steht, hat die dortige Gemeinde europäisch gebildet. Die russischen Juden, die aus anderen Provinzen nach Odessa ziehen, werden von dem allgemein dort herrschenden Geiste bald ergriffen, und schließen sich der allgemeinen Richtung an. Der hebräische Styl Galiziens ist von dem wilnischen verschieden; Letzterer, so schön er ist, wurde mehr nach deutschen Mustern gebildet; der Erstere bewegt sich mehr frei, ist mehr jüdisch-nationell, und wurde von den eingewanderten Galizianern auch nach den genannten südlichen und südwestlichen Provinzen Rußlands verpflanzt. — Die Juden in den Provinzen Cherson, Pultawa, Jkaterinoslaw sind auch Chasidim, aber weder talmudisch noch kabbalistisch im Allgemeinen gebildet. Sie haben in ihrem jüdisch-deutschen Idiome die meisten russischen Worte; und sind, je weiter südlich man kömmt, desto mehr dem russischen Volke in äußerer Haltung und Tracht ähnlich. — Die Provinzen Tschernigow, Witebsk und Mohilew gehören der chobadnikischen (im iirn Richtung der Chasidim an. Diese huldigen mehr der Metaphysik, dem geistigen Auffassen der Kabbala; fordern von den Rabbinen eine gründlichere Kenntniß derselben, und Letztere haben mehrere tüchtige Werke geliefert, in welchen sie sich als eben so tüchtig im Talmud, als in der Kabbala zeigten. — Die Karaiten in der Krimm dürfen natürlich nicht hieher gezählt werden, da sie einer ganz andern Richtung angehören. Sie haben in Koslow ihre bedeutendste Gemeinde mit einer herrlichen und reichen Synagoge, sind aber in der Kenntniß der jüdischen Sprache und ihrer eignen Literatur sehr zurückgekommen. Skizzirte ich Ihnen soweit den verschiedenen geistigen Standpunkt des russischen Judenthums, so gilt von dem religiösen Gefühle desselben im Großen und Allgemeinen, daß es ein tiefes, wahres und hochehrwürdiges ist. Mir blutete das Herz oft, wenn ich das deutsche Judenthum in seinem Reformationsstreite zerrissen sah, wie es sich selbst um die ihm seit Jahrtausenden inwohnende Festigkeit brachte; und freute mich innig, wenn ich in Rußland die tiefe Anhänglichkeit an den Glauben der Väter, die aufrichtige Verehrung des Wortes Gottes sah. Unter den russischen Juden ist der wahre Glaube zu Hause, weil sie fähig sind, ihm ein jedes Opfer zu bringen, weit sie ihre Wahrheit mit der grenzenlosesten Selbstverleugnung bekräftigen. Alles Leid, das über sie verhängt wird, bringt sie ihrem Gotte nur näher, und Tausende werden lieber im traurigsten Elende verkommen, ehe sie ihren einig-einigen Gott mit dem griechischen Kreuze vertauschen! irr. Lilienthat. (Fortsetzung folgt.)

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