Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 5 (25.1.1847)
- Date
- 1847-01-25
- Page
- Seite 79 (sequence 11)
- Language
- German
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79 lichen Heerde wieder auf, um nun auch Früchte bringen und tragen zu lassen den Samen, der in so glücklicher Weife ausgesaet worden war, so stand ihm doch die schwerste, die gefährlichste Schute noch bevor, die Schule des Lebens, der Welt und Zeit; denn der Samen gehört wol einem eigenen geheimnißvollen Boden, aber die Frucht — der Welt, dem freien Leben, und ob sie in diesem auch gedeihe, ob sie in diesem auch zur völligen Reife gelange, hangt nicht blos von der reinen Keimesfülle des Samens, sondern von noch manchen anderen und selbst zwar äußeren Umständen ab. Bisher hatte H. seine Kunst und sein Leben lediglich von der poetischen Seite auffassen, hatte schwelgend in der Phantasie ein Leben voll lauter Idealität führen können; jetzt sollte es gelten, alle Poesie auch in die Praxis, alle Phantasie in die Realität überzutragen, und wie viele der schönsten, kräftigsten Künsttergemüther in solchem Kampfe straucheln, wie viele der herrlichsten und zur üppigsten Blüte entfalteten Talente in dieser ernstesten aller Schulen wieder zu Grunde gehen, bedarf unseres Nachweises hier nicht mehr. Wir wollen sehen, wie H. seine Mittel auch in dieser Richtung geltend machte. Schon vor seiner Abreise nach Italien hatte er, da doch einmal in Frankreich und Italien ein Komponist hauptsächlich nur auf der Bühne sein Glück zu machen im Stande ist, und da er vorzugsweise auch der dramatischen Komposition sich hinzugeben beschlossen hatte, zu Paris eine Oper: „1/68 V0li6mienn68^ (die Zigeunerinnen) komponirt; allein ungeachtet aller deshalb angewandten Mühe war er nicht im Stande, sie zur Aufführung zu bringen. Zahllose Hindernisse stellten sich da in den Weg, und hatte er mit Konkurrenz, Kabale, Eifersucht, und wie die Dinge alle heißen, welche sich auf dem Kunstgebiete dem jungen Emporstreben leider nur zu häufig in den Weg stellen, ausgekämpft, so fand man das Werk zu sehr nur als ein Ergebniß reicher, ungezügelter Phantasie, als daß es auf der praktischen, lebendigen Bühnenwelt Glück machen könne, fand es undramatisch und was Alles noch mehr. Gleich nach seiner Rückkunft setzte er sich zu einer neuen Arbeit und schrieb die große Oper „Pygmalion" und eine Operette „Les deux papillons.** Beiden Werken erging es nicht besser, als jenem ersten, und H. ward, wollte er für die Welt und nicht blos für sein Schreibepult arbeiten, gezwungen, mit einem Male aus seiner hohen idealen Welt in das triviale praktische Kunstleben, in welchem die Menge sich zu Paris bewegt, herabzusteigen, und welche totale Umwandlung dies in seiner ganzen geistigen, künstlerischen Thatkgkeit, in Zweck und Mittet seines Strebens hervorbrachte, lehrte sofort die neue Oper „L’artisan", welche er 1826 fertigte, und welche wirklich im Jahre 1827 auf dem Theater Feydeau zur Aufführung kam. Diesen folgten „Ludovico", „die Jüdin", „der Blitz" und mehre Opern, welche auch auf der deutschen Bühne Eingang fanden und dem Künstler einen bedeutenden Ruhm sicherte. Schon im Jahre 1826 wurde er in Folge seiner Thatigkeit und seiner vielversprechenden Leistungen als Lehrer der Harmonie am Konservatorium, wie zugleich als Akkompagnist auf dem Klaviere bei der italienischen Oper zu Paris angestellt. 1829 erhielt er dann nach Herold's Tode die Stelle eines Gesangdirektors bei der großen Oper, und 1833, als Fetis einem Rufe nach Brüssel folgte, ward er an dessen Stelle zum Lehrer des Kontrapunkts und der Fuge am Konservatorium befördert: 1635 ertheilte ihm der König der Franzosen das Ritterkreuz der Ehrenlegion, und 1836, als durch Reichas Tod sich diese Stelle erledigte, ward er zum Mitglied der Akademie der schönen Künste des königl. Instituts von Frankreich ernannt, bei welcher Beförderung er den Sieg über mehre bedeutende Mitbewerber errang. 1838 schwang er sich nach Paers Tode zum Professor der Komposition am Konservatorium auf; 1839 ernannte ihn der deutsche Nationalverein zum Ehrenmitgliede, und 1840 ward er Musikdirektor der Herzogin von Orleans. Selten wol ist, daß ein Künstler in so kurzer Zeit eine solch' glanzende Karriere auch im äußern Leben macht, und sollte das bloße Glück auch hierbei sich ihm besonders günstig gezeigt haben, so dürfen wir bei der eminenten Kraft und Energie, welche H. besitzt, und bei seiner kaum angetretenen männlichen Reife doch noch die Hoffnung hegen, daß sein künstlerisches Ansehen den eigentlichen Kulminationspunkt in dieser Hinsicht noch nicht erreicht hat. Wir sagen, daß solche Hoffnung uns wol beleben darf, doch haben wir auch schon Erfahrungen'gemacht, daß bei dem jetzt viel raschern, die Kräfte weit schneller konsumirenden Leben schon Erschöpfungen eingetceten, wo wir denken, daß die vollkommene Entwickelung der Blüte erst recht beginnen soll.