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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-01-01 · Heft 1 (1.1.1847) · p. Seite 6

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 1 (1.1.1847)
Date
1847-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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6 statten Sie mir auch einige Worte über dessen Jnstallirung. Sie war im wahren Sinne des Wortes ein Ereigniß. Nicht daß Minister, Pairs, Deputirte sich versammelten; wer sich heute in Frankreich hierüber noch wundern wollte, machte sich lächerlich. In einem Lande der Repräsentation, wie es Frankreich einmal ist, ist nichts leichter als eine Repräsentationsszene zu bewerkstelligen. Jedes Examen einer Schule bietet Gelegenheit dazu. Auch die Reden der Geistlichen, der Rabbinen Ennery und Charleville, waren kein Ereigniß, denn sie gingen nicht über eine theologische Mittelmäßigkeit hinaus, welche in Deutschland offenbar durchfallen ließe. Das Ereigniß dieses Tages war die Rede des Obersten Max Cerfbeer, der im Kriegsministerium arbeitet, Deputirter ist, und außerdem Präsident des jüdischen Zentralkonsistoriums. Aber ich muß mein Wort noch mehr beschränken. Auch das war kein Ereigniß, daß das Weltkind die Geistlichen an Macht des Wortes und rednerischer Gabe übertraf: denn das kommt jetzund nicht selten vor. Denn der begabten Weltkinder giebt es ja Legion, der begabten Geistlichen Zahl ist beschränkt. Sondern das Ereigniß besteht darin, daß sich hier in Frankreich die jüngere Generation, diejenige, welche sich bereits an der Milch der bürgerlichen Gleichheit groß gesogen hat, unter den Juden, vollständig und geradezu ausgesprochen hat. Sie hat hier, bei feierlicher Gelegenheit, im Angesicht der französischen Gesellschaft, durch den Mund des Obersten Cerfbeer ihr Glaubensbekenntniß abgelegt, ihr Programm entworfen, um des offiziösen Ausdrucks mich zu bedienen. Sie hat dies nicht extra muro8 gethan, als eine äußerste Schildwacht, als ein verlorener Posten: sondern von Mitten der Judenheit heraus, durch das Zentralkonsistorium, die höchste Instanz des französischen Judenthums. Dies ist das Ereigniß, welches die höchste Beachtung verdient. Sie hat sich selbst für religiöser erklärt, als man glaube; und da dies nicht von Beobachtung der Formen und religiösen Praktiken gelten kann, so muß sie dies von innen, vom Geiste verstehen. Sie hat sich der Lehre des Judenthums hingegeben erklärt, ja daß sie diese Lehre als die Religion der Zukunft betrachte. Sie hat aber die Formen des Judenthums, wie sie bis jetzt bestanden, für veränderlich, nicht auf ewig bindend erklärt. Da sie das letzte Moment nun schon hinlänglich faktisch seit mehren Dezennien bewiesen hat, so kann man sich nicht darüber wundern, und muß sich der ersten beiden desto mehr freuen. Daß in Frankreich cs keines Muth es bedarf, um solche Gesinnung auszusprechen, brauchen wir nicht zu bemerken. Wol gehört aber eine Ueberzeugung dazu, um sich dazu angefeuert zu fühlen, und diese haben wir mit Recht freudig zu begrüßen. Doch werfen wir nun einen Blick auf die Stellung, welche dadurch bewirkt worden. Im vorigen Jahre erließ das Zentralkonsistorium ein Programm über Kultusverbesserungen, welches Sie mitgetheilt haben. Man sagte, es sei nur eben ein Versuch, und suchte das Konsistoriums durch elsassische Demonstrationen einzuschüchtern. Vor Kurzem schrieb Franck, Mitglied des Konsistorium, ein Belobungsschreiben über die Kultusverbesserungen in Nancy: man sagte, er sei nur ein Individuum. Jetzt sprach der Präsident des Konsistoriums öffentlich das feierlichste Bekenntniß aus, und man wird wol nun zugeben müssen, daß das Zentralkonsistorium aufs Entschiedenste hervorgetreten ist. Wie wird es nun mit seinem Großrabbinen auskommen? So lange wie möglich wird man von beiden Seiten den Konflikt vermeiden; in Kleinigkeiten wird Ennery nachgeben, wie er es beim pariser Konsistorium mit der Meziza gethan, mit der Orgel bei Trauungen; Bedeutendes aber schwerlich, wenn er nicht überhaupt, nachdem er nun Großrabbine des Zentralkonsistoriums geworden, eine ganz andere Seite herauswendet. Seine Rede sprach allerdings das Minimum von Reform aus, und vielmehr vom Bewahren, Beschützen, Vertheidigen, als von Wirksamkeit und Gestaltung, Belebung und Verbesserung. Allein dies erscheint so, der Rede des Obersten gegenüber, die Ennery nicht vorher gekannt, so daß die Seinige nicht als eine Antwort auf jene angesehen werden kann, sondern als ganz unabhängig davon. Denn an Improvisation kann hier nicht gedacht werden. Jedenfalls ist das Zentralkonsistorium jetzt entschieden, und zum Handeln m u ß es kommen. Dies wird, dies muß eine Opposition Hervorrufen. Der Kampf steht bevor. Und da ohne diesen der höhere Friede nicht errungen werden kann, so sind wir hier froh, daß es nun Ernst wird, daß die faule Zeit des Vertuschens, in welcher die Religion rein abstirbt, hinter uns liegen wird.

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