Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1847)
- Date
- 1847-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 vorüber. Zllles drängt sich und wird gedrängt 'zum Lichte der Erkenntniß. Was bestehen will/ wird gefragt nach den Ursachen, nach dem Inhalte, nach der Rechtfertigung seines Bestandes; und nur wofür es sich rechtmäßig geltend zu machen vermag, dies gilt es. Willkürliches Zurückweisen ist nicht mehr möglich, aber eben so wenig willkürliches Zurücktreten, in Selbstüberschätzung oder auch im Gefühl der eigenen Schwachen vornehmes in die Einsamkeit, in das Stillschweigen sich Zurückziehen. Und unter dem Flügelschlage dieser Zeit ist auch das Judenthum aus seinen langen Schatten getreten, an das Sonnenlicht des allgemeinen Bewußtseins. Jahrtausende zum Schweigen verurcheilt, und sich selbst zum Schweigen verurtheilend, hat es vom Drangen der Zeit ergriffen, endlich auch wieder seine Stimme erhoben, und, vom Charakter der Zeit begünstigt, macht es seine Stimme vernehmbar. Das Judenthum besteht, will, wird bestehen; so muß es seinen Bekennern und Anderen klar machen, warum es besteht, und um was es bestehen will? Das Judenthum macht Anspruch auf.einen großen, geräumigen Platz in der Menschheit, auf eine tiefe und bedeutsame Stimme im Bereiche der Menschheit; darum muß es beweisen seine Würdigkeit, seinen Werth, seine Notwendigkeit. Dem Juden, wie dem Christen, wie jedem, an der Zivilisation teilnehmenden Menschen lieget jetzt das ganze geistige Gebiet der Menschheit vor; Niemand kann mehr verweigern, auf die geistigen Errungnisse des Andern schauen zu wollen, und die eigenen daran zu prüfen: so müssen sie an's Licht geschafft werden, zu seinem und Anderer Nutzen. Gehen wir nun, verehrte Zuhörer, auf unfern Gegenstand ein, so drangt sich uns als erste Frage auf: mit was haben wir es zuthun? Mit einer Erscheinung, die in grauester Urzeit entsprungen, das Atterthum überdauert, das"Mittelalter überlebt, das neue Zeitalter durchschritten hat, und in der neuesten Zeit eine neue, unerwartete Lebenskraft, eine frische Rührigkeit, eine wahrhafte Verjüngung entwickelt. Fürwahr, das bürgt schon für die Mächtigkeit dieser Erscheinung. Hätten wir es hier mit dem Monument einer alten Vergangenheit, mit den ehrwürdigen Ueberresten einer untergegangenen Vorzeit zu (hun, weilten wir hier unter den verwitterten Ruinen, die an ein früheres, längst begrabenes Leben gemahnen: wie lebendig schon wäre unser Interesse daran. Aber nicht so. Hier treten wir an eine Erscheinung, die nicht blos in der Vorzeit des Menschengeschlechtes wurzelt, sondern Schritt vor Schritt die Menschheit auf alt ihren Wegen begleitete, und sich von Neuem anschickt, sie zu begleiten; deren Träger nicht bloß unter die vergangenen Geschlechter zählen, sondern noch in der Gegenwart im Schooße aller Nationen an dem Webeschiff der Zeit, ihres Theiles fassen; welche nicht allein Geister der Vergangenheit beherrschte, sondern noch heute die Ideenwelt von Millionen erfüllt. So ist sie einzig in ihrer Art. Alle geschichtlichen Erscheinungen haben bis jetzt nur ihrer Zeit angehört, die sie hervorriefen, oder von der sie hervorgerufen worden; aber über alle Zeiten des Menschengeschlechtes hat sich bis jetzt nur eine gelegt, durch alle Zeiten ist bis jetzt nur eine Lebendig geschritten, es ist das Judenthum. Wodurch vermochte es dies? Man hat verschieden hierauf geantwortet. Man hat gesagt: das Judenthum ist wie eine Mumie, die als woht konservirte Leiche so gut wie die ägyptischen, viele Jahrhunderte noch nach ihrem Tode existirt. Aber man kann es wol kaum Ernst meinen mit diesem Vergleiche. Denn ein Leibliches kann wol als ein Todtesliegendes eine Zeit lang unter dem Gerumpel des Staubes sich erhalten. Aber im Gebiete des Geistes wird alles Erstorbene ausgefchieden, wie von einem lebendigen Organismus, und es ist davon nicht mehr die Rede, als von einer Idee der Vergangenheit. Kämpfen und bekämpft werden, kann keine Mumie, entwickeln und entwickelt werden, keine Leiche.— Man hat ferner für den Bestand des Judenthums die Hartnäckigkeit, die Verblendung seiner Bekenner in Anspruch genommen: aber es kann wol nur selbst eine Hartnäckigkeit, eine Verblendung genannt werden. Solches geltend zu machen. Denn wol kann eine solche Leidenschaft ein und das andere Geschlecht im bittern Nachgefühl erlittenen Unrechtes beherrschen, aber Geschlecht auf Geschlecht Jahrtausende zu fesseln, unter den verschiedenartigsten Verhältnissen, unter dem vollen Wechsel der Zeit unverändert zu fesseln, das vermag keine einseitige, fast nur persönliche Leidenschaft, das vollbringt nur die volle Ueberzeugung, die unbeschränkteste Hingebung, eine Liebe, die nicht anders kann. Und werden diese zugegeben, nun so muß aber auch zugegeben werden, daß es der innere Lebensstrom ist, der, oft friedlich ungekannt, ungeahndet, die Adern des Judenthums durchwogte, und vollkrästig Wurzel, Stamm nndBtatterkrone der uralten Palme erhielt. Allerdings mußten wol an einer Erscheinung so langer Zeiten wiederholt einzelne Aeste und Laubwerk absterben und niederfallen, aber innen im Marke mußte doch die schaffende Lebenskraft