Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 49 (30.11.1846)
- Date
- 1846-11-30
- Page
- Seite 710 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3225443-3225493--08179-3238983- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
710 fahrt: denn so lange irgendwo Vorurtheilen und Gewalt statt BiLigk-K <nsfc derechligkeit Rau« i »vkd, m&tn fich tzene daselbst L»mkr VLeder ^a«ch «i« cn^ereu Kreisen verspüren lassen. Aehnliches finden wir heute Ln Bezug auf ganz Deutschland von einem christlichen Schriftsteller in einer neuerdings erschienen Schrift: „Deutsche Volkspolitik" ausgesprochen. S. 314—320 findet sich daselbst ein kleiner Aufsatz, der „die deutschen Juden" überschrieben ist, und aus welchem wir Einiges hervorheben. „Wie sehr das reaktionäre konservative Element selbst den Völkern Deutschlands noch im Blute steckt, beweist das Schicksal der deutschen Juden.... Es ist Ln nellestcr Zeit allerdings hierin etwas besser geworden — aber e6 geschieht zu wenig, und wenn auch mehr geschähe, es wäre umsonst, weil eben Alles geschehen soll. Noch immer ist der Wahn vorherrschend, es komme in der Iudensache von christlicher Seite auf eine gnädige Herablassung, auf eine christliche Barmherzigkeit an. Es ist bei Weitem , noch nicht zur Anerkennung durchgedrungen, daß es eine strenge und ganz gemeine Rechtspsticht für uns ist, die Juden Ln die bürgerliche Rechtsgleichheit eintreten zu lassen. Von allen gewöhnlichen Bürgerlafien lassen wir sie gleichen Anrheil mit uns tragen und legen ihnen überdies noch einige besondere Lasten auf; aber von den gewöhnlichen bürgerlichen Rechten, Ehren und Vorrheilen schließen wir sie aus...." „Das wirksamste Haupthinderniß der Judenerlösung liegt unstreitig bloß in unseren christlichen Vorurtheilen und persönlichen Antipathieen. Es giebt freisinnige Männer, welche es offen aussprechen, daß sie von unsrer Ungerechtigkeit gegen die Juden vollkommen überzeugt sind, daß sie aber dessenungeachtet durch ein gewisses Etwas, durch ein angecrbtes, ja angebornes Vorurtheil, durch eine unbezwingliche Abneigung verhindert seien, für die gänzliche Aufhebung jener Ungerechtigkeit zu stimme». Allein wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß in den jetzigen Volkszustanden der Juden noch mancherlei vorkomme, was eine gewisse Abneigung erregen kann, und wenn es ferner nur allzuwahr ist, daß die mit der Muttermilch cingesogenen Vorurthcile das ganze Leben beherrschen; so ist es doch eben für diejenigen Freisinnigen, die wirklich von einem Vorurtheil, von einer Abneigung gegen das Judenthum und gegen die Juden besessen sind, um der allgemeinen Freiheit willen die dringendste Pflicht, für die Judenfreiheit zu wirken. Denn lassen wir persönliche, angecrbte Vorurthcile und Neigungen in politischen Dingen gelten, so rechtfertigen wir dadurch die uns Allen feindliche« HZ^vurchvile und Rer'gMWen.... S&k wir es den Jude» machen, so macht mm -S uns...." — Wi r möchten noch einen Schritt weiter gehen, als der Vrrf., und fragen: wie sich überhaupt diejenigen „Freisinnige" nennen und dafür ausgeben können, welche eine Ungerechtigkeit eingestehen, und dennoch eine enorme Zahl Mitmenschen, eines VorurtheilS, einer Abneigung wegen, der bürgerlichen Rechte berauben und sie unter Ausnahmsgesetzeu drücken? Was heißt freisinnig, wenn nicht dessen Sinn frei von Vorurtheilen? Alsdann zeigt der Verf., wie der Vorwand, daß die Juden noch nicht reif.zur Gleichstellung seien, mit demselben Recht eben so in den politischen Instituten angewendet werde; wie, wenn mau die Beispiele von Frankreich, Holland, Belgien, England rc. in Bezug auf die Juden abweisen will, weil in Deutschland andere Verhältnisse wären, dasselbe auch bei anderen politischen Forderungen mit demselben Recht geschehen könne. Er schließt: „Es i\t überdies geradezu gelogen, wenn behauptet wird, die Juden würden sich niemals wahrhaft mit unserm Volksrhum vereinigen. Sie haben sich ja ungeachtet aller Unterdrückung, Ausschließung und Beschimpfung bereits so vollständig nationalisirt, daß Juden in den ersten Reihen unserer patriotischen Kämpfer stehen. Sie haben alle unsere inneren und äußeren Nationalkämpfe mit Treue und Begeisterung mitgekämpft, sie sind in den fernsten Wcltgegenden die Träger deutscher Sprache und Bildung, zu allen unseren großen Nationalwerken haben fle Geist und Gut beigesteuert, und auf allen Gebieten deutscher Kunst, Wissenschaft und Literatur glänzen als Sterne erster Größe jüdische Namen. Das also, was die Juden für unser Nationalleben leisten, nehmen wir an, eignen es uns zu, lassen es als deutsch gelten; den Juden selber aber wollen wir den deutschen Charakter absprechen, wollen sie von der deutschen Nationalität ausschließen unter dem Vorwand, sie wollten und könnten nicht deutsch sein?! Durch dieses ungerechte Verfahren beschimpfen wir die deutsche Nationalität. Denn wenn die Juden nicht deutsch sind, wenn sie nicht werth sind, eS zu werden, warum uiurmt dann die große deutsche Nation von den verachteten Fremdlingen Almosen an, warum schmückt sie sich mit den geistigen Werken derselben?" „Bis zu welchem Grade unsere Juden deutsch sind, beweist ein für unsre Kulturgeschichte äußerst merkwürdig neuestes Beispiel, nämlich der Verfasser der Dorfgeschich-