Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 42 (12.10.1846)
- Date
- 1846-10-12
- Page
- Seite 616 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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616 Denn allerdings sehen wir sehr häufig die Gemeinden hinter den Gemeindeglicdern zurückstchen, und die Institute der Gemeinde dieser, selbst in ihrer Mehrzahl, nicht genügen. Man srägt daher: separiren sollen wir uns nicht, und sehen wir auch keinen Erfolg davon ab; mir dem Zustande der Dinge können wir unS nicht befriedigen, also was thun? Die Antwort ist durchaus nicht schwer: Thuk Etwas, d. h. erwerbet euch den Spielraum, um in der Gemeinde auf gesetzlichem Wege Etwas wirken zu können; verschaffet euch, natürlich auf loyalem Wege, die Vorsteherämter der verschiedenen Gemeindeinstitute und der Gemeinde selbst — und ihr könnet eine Reform Hervorbringen, die nicht auf den Seifenblasen von Unterschriften, sondern auf der festen Basis der Volksbildung und Bolksmeinung beruht. — Hier ist es, wo wir auf einen faulen Fleck im neuern Judenthum stoßen, den ehrlich und offen zu bezeichnen wir uns nicht scheuen. Das ist, daß die Verachtung des Juden für Juden und Judenthum noch immer nicht aus dem Mark und Bein der s. g. Gebildeten weichen will. Daß es sich gebessert hat gegen die zwanziger Jahre, wollen wir mit Freuden anerkennen; aber sehr groß ist die Besserung noch nicht; die Krankheit wurzelt noch tief. Daher das Zurückzichen von der Gemeinde; daher das freiwillige Ueberlasscn der Gemeindeämter an Hände, die nicht immer die passendsten sind; der Mangel an Eifer, die Ehrenämter der Gemeinde zu erlangen, und in diesen thatig zu sein. Ich müßte, um dieses zu erhärten, mich sehr irren, wenn unter 100 Juden nicht 98 mit Heißhunger nach irgend einem unbedeutenden städtischen Ehrenamte, oder in christlichen Vereinen, griffen, während sie ein jüdisches mit Achselzucken ansehen, wenn nicht gar abweisen. Dies ist cs, Ihr Gebildeten, was Ihr ändern könnet und müsset, so es Euch wahrhaft um das Heil Eurer Glaubensgenosscnschaft zu thun ist. Hier ist es, wo Ihr wirken könnet für Euch, Eure Kinder und viele Geschlechter nach ihnen. Allerdings erlangt man das Vertrauen und die Gunst der Masse nicht mit einem Male; vor Allem muß man ihr zeigen, daß man Liebe zu ihr hat, daß es Einem Ernst ist um sie und um ihr Vertrauen. Dieser Weg ist nicht ganz leicht und nicht ganz kurz, aber er führt zum Ziele. Denn Liebe hat noch immer Liebe erweckt. Anstatt dessen aber die Masse der Glaubensgenossen verachten, sie gehen lassen, und abwarten, ob sie zu Einem kommt — das geht sicher nicht. Bildung, Gesittung, selbst Wissenschaft und Kunst, sind jetzt solche Gemeingüter, daß, ohne das Streben, für die Masse thätig und wirksam zu sein, sie allein die Augen der Menge nicht fesseln. Dies also muß das Streben der Gebildeten sein, und dies ist ein edles Ziel für sie: die Wahlen der Gemeinden nicht mit gleichgültigem Auge anzusehen, sondern sie, ohne Parteiung und Jntrigue natürlich, auf die rechten Subjekte zu lenken, und in die gesetzlichen Aemter der Gemeinde angemessene Männer zu bringen, ja, in die Reihen der Vorsteher möglichst selbst zu treten, um so auf verfassungsmäßigem Wege die Reform der Gemeinde in die Hände zu bekommen. Ja, es ist Zeit, daß diese Reform auf organischem Wege bewerkstelligt werde, damit, was in der Theorie so ziemlich entschieden ist, auch im Leben seinen vollständigen Boden erlange. Bis jetzt ist die Reform in den meisten Gemeinden durch Einseitigkeiten bewirkt worden. Die Winkelzüge, das Schachbieten rc. müssen nunmehr aufhören, und, da die Mehrzahl der Gemeinden in der Mehrzahl ihrer Glieder für eine angemessne und sichre Reform ist, diese auch verwirklicht werde. Möge daher dieser Wink für die gebildeten Israeliten nicht verloren gehen! Sie sehen, ich spreche hier nicht über hiesige Lokalitäten, sondern ganz im Allgemeinen. Magdeburg, 7. Oktober. (Privatmitth.) So eben bringt die neueste Nummer des Ministerialblattes des Innern (No. 6) folgenden, höchst beachtenswerthen Erlaß: „Erlaß an den königl. Oberpräsidenten der Provinz Sachsen, betreffend die Abnahme der Bürgereide jüdischer Bürger, vom 10. Juli 1846. Auf Ew. Hochw. Bericht vom 29. v. M., die Abnahme der Bürgereide jüdischer Bürger betreffend, bin ich mit der vvrgetragnen Ansicht, daß der Bürzereid von jüdischen Bürgern nicht in der Synagoge, sondern in dem gewöhnlichen Sitzungszimmer deS Magistrats, jedoch unter Zuziehung eines Rabbiners oder Assessors abgenommen werde, vollkommen einverstanden.