Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 18 (27.4.1846)
- Date
- 1846-04-27
- Page
- Seite 270 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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270 borgen, an's Licht zu ziehen. Dein die Gnade, welche mächtig über alle Geschöpfe waltet und das Gute, das du deinen Frommen aufbewahrtest. Dein die Geheimnisse, die kein Wort und kein Gedanke erfaßt, das Leben, das keiner Vernichtung entgegensieht, der Thron, der erhaben ist über alles Hohe, und die Stätte in hoher Hülle verborgen. Dein das Wesen, von dessen Lichtausfluß alles Vorhandne entstand, von dem wir sagen, wir leben in seinem Schatten. Dein die Welten, zwischen denen du eine Grenze zogst, die eine zum Handeln, die andere zur Vergeltung bestimmend. Dein der Lohn, den du für die Frommen aufbcwahrtest; du sähest, daß er gut sei und bewahrtest ihn auf." Wir sehen in dem Werke eine poetisch-metaphysische Schöpfung, die den Stoff, den der philosophische Denker erzeugt, in eigenthümlicher Weise verarbeitet und gestaltet, um ihn der einen Aufgabe, der Verherrlichung Gottes, dienstbar zu machen. Was den Werken dieser Tendenz das große Interesse giebt, ist zu beobachten, nach welchen Seiten und Gesichtspunkten sie das gewonnene Material zu ihrem Zwecke benutzt und geformt haben. Nur der unreife oder verschrobne Sinn kann diesen würdevollen Geisteserzeugniffen die gebührende Anerkennung versagen. Das Kind schreckt zurück und scheut sich, wenn es einen seiner Angehörigen in der Vermummung sieht, die ihn einem Erwachsenen nicht unkenntlich machen würde. Die Bildung und Geistesreife liegt darin, daß man in allem Geistigen, es möge sich in noch so ungewohnter und abschreckender Form offenbaren, immer den verwandten Zug herausfindet. — Es haben sich in neuester Zeit bei vielen Köpfen verschrobne Ideen geltend gemacht, die ihnen durch Journale, Zeitschriften und andere wohlfeil zu habende Kanäle zugeführt wurden. Es hieß, daß durch das Studium unsrer alten Literatur der Fortschritt in der Zeit gehemmt würde. Wenn es überhaupt widersinnig ist, daß ein Studium den Geist, insofern er ein lebendiger ist, im Fortschritte hemmen kann, so läßt sich das um so weniger von der jüdischen Literatur sagen, als diese in sich selbst den Fortschritt der Zeit abspiegelt. Es ist freilich leichter, die Fäden, durch die das Judenthum der Gegenwart mit dem der Vergangenheit zusammenhängt, aus Hang zur Bequemlichkeit zu durchschneiden, jeder gesetzmäßigen Entwickelung Hohn sprechend, als diese mühsam heraus zu suchen, um sie zur Erhaltung desselben fortspinnen zu können. Zu einer Zeit, wo am Orte der Gesetzgebung über die Verhältnisse der Juden berathen wird, sollte es unser Streben sein, zur Rücksichtsnahme den Entwickelungsgang des Judenthums erst heraus zu stellen und zu konstatiren. — Diese Betrachtung würde gewiß ihren Werth haben, wenn nur Fäden da wären, die mau fortspinnen könnte. Das Publikum des Herrn Dr. Sachs glaubte ganz sicher, daß derselbe in den Vorlesungen solche darzulegen bezwecke. Bis jetzt haben wir aber kaum Flocken gesehen. Vielleicht ist uns noch in den nächsten Vorlesungen etwas dergleichen für die Spinnerei Vorbehalten. Wir müssen es abwarten. Interessant war es mir, beim Herausgehen aus einer andern Vorlesung einem Unbekannten unwillkürlich aus dem Gespräch mir seinem Begleiter die bezeichnenden Worte abzuhören: „Ja, würde er uns nur eine Entwickelung zeigen. Er soll uns das Judenthum aus dem Judenthume darstellen. Das, was er uns bis jetzt sagte, kann uns ein Christ auch sagen." Unstreitig ist dies die Stimme aller Zuhörer, die einer spezifisch jüdischen Darlegung des Judenthums, d. h. einer solchen, wie sie nur dem mit seiner Gestaltung in der Vergangenheit und seinem innersten Wesen in der Jetztzeit genau Vertrauten möglich ist, gewiß entgegensahen. Den Anfang der 9ten Vorlesung bildete eine Skizze jenes schon erwähnten für die jüdische Poesie des Mittelalters sehr charakteristischen Werkes von Gabirol, des rvo^a ^05. Eine allgemeine Uebersicht über das Gedicht giebt Folgendes: Nach Aufzählung der Eigenschaften Gottes geht der Dichter über zur Darstellung des Weltsystems, indem er die Wissenschaft der Zeit als ein Mittel zur Gotteserkenntniß anwendet und sie mit jüdischen Elementen phantastisch verwebt. Er führt 7 Planeten vor, jeden als Herrscher eines bestimmten Kreises am Himmel darstellend. Hierzu gab ihm schon die Hagada eine Analogie in der Annahme der 7 Himmel und 7 Sphären. An die Darstellung der Planeten, die freilich mehr ein Ausdruck des Staunens ist über das Geschaute, als eine Erzählung dessen, was er geschaut, knüpfen sich moralische Betrachtungen und Beziehungen der Himmelskörper auf den Menschen. Von der sichtbaren Seite des Universums wendet er sich zu der unsichtbaren, der menschlichen Seele, der Krone der Schöpfung, erklärt es für ihre Bestimmung, Gott zu erkennen und für die Aufgabe des Menschen, die Herrlichkeit Gottes zu verkünden, und das Ohr zu öffnen der Erzählung seiner Wunderwerke, kommt dann auf sich selbst, als einem Einzelnen, beglückwünscht sich, daß es ihm vergönnt, durch sein Gedicht die Allmacht Gottes zu verherrlichen und schließt mit dem Geständniß seiner Schwäche und einem reuigen Sündenbekenntniß und den Wünschen, die jedes jüdische Herz bewegen, sich einen Antheil an der