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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-04-27 · Heft 18 (27.4.1846) · p. Seite 268

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 18 (27.4.1846)
Date
1846-04-27
Page
Seite 268 (sequence 12)
Language
German
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268 Wunsch und das Streben aufrichtig mit ihm theilt, dem Judeuthume Geltung und Berechtigung zu erringen. Jede polemische Andeutung dieser Art oder so zu sagen angedeutete Polemik erzeugt unwillkürlich, ohne nur im Entferntesten dem Vortrage eine Würze zu verleihen, den unwillkomnmen Gedanken, daß sie, aus einem Reaktionstriebe gegen gewisse auf dem Gebiete der Religion sich bekundende Bestrebungen hervorgegangen, als der bestimmte Ausgangspunkt der Vorlesungen betrachtet werden müßte. Und dies gäbe ohne Zweifel den ungünstigsten Gesichtspunkt für eine etwaige Kritik derselben. Am Schlüsse der letzten Vorlesung hatte uns der Redner auf ein neues Gebiet, nach Italien, jenem alten Sitze jüdischer Gelehrsamkeit, geführt, und uns zuerst mit dem Buche Jostppon bekannt gemacht, das eine jüdische Geschichte mit Nachrichten über fremde Völker, aus mittelalterlichen Quellen zusammcngetragen, umfaßt und als ein Denkmal der Berührung des Judenthums mit fremdem Geiste merkwürdig ist. Der Verfasser sei pseudonym, vermuthlich weil zu seiner Zeit die Beschäftigung mit profanen Wissenschaften, wie sie das Werk bekunde, verpönt gewesen. So wie Italien überhaupt seit den ältesten Zeiten ein berühmter Sitz jüdischer Gelehrsamkeit war, so ging auch in diesem Lande die Morgenröthe der jüdischen Poesie auf. Hier tritt uns zuerst Rabbi Elasar Calir entgegen, der Träger einer neuen Epoche, unter deren Einflüsse mehrere Jahrhunderte hindurch in Italien, Deutschland und Frankreich die jüdische Poesie sich entwickelte. Leider wissen wir von den Lebensverhältniffen dieses großen Mannes nur sehr wenig. Den Ort, wo er gelebt und gesungen, kennen wir nicht, und auch das Jahr seiner Geburt ist uns unbekannt; wir wissen nur, daß er in's 10te Jahrhundert zu setzen ist. Seine große Bedeutsamkeit für das jüdische Geistesleben besteht darin, daß es der Erste ist, der für die Liturgie arbeitete und Gebete mit besonderer Form für die gesammten Festtage des Jahres verfertigte. Hierzu mußte ihm die Hagada den Stoff hergeben. So wie früher das religiöse Bedürfniß im frommen Gemüthe und die Sehnsucht nach einer innigen Durchdringung der heil. Schrift und einer tiefen Versenkung in den Sinn derselben jene ausmalende, motivirende Thätigkeit der Midraschim hervorgerufen hatte, so wurden diese wiederum jetzt die ergiebige Quelle, aus der die nach Erhebung dürstenden und von der harten Bedrückung ihrer Umgebung in sich und ihren Glaubensschätzrn Beruhigung und Genugthuung suchenden Juden Stoff für poetische Herzensergießungen schöpften. In Roth bedurfte es der Aussicht, um die Gebeugten nicht dem Drucke erliegen und die Herzen der verhöhnten Glaubensdulder nicht im Schmerze brechen zu lassen. Mit der Hoffnung auf bessere Zeiten mußte man ihren Glaubensmuth stählen und ihren Sinn für die Wahrheiten des Judenthums aufrecht erhalten. Ein berühmter Dichter sagte einmal, jedes echte Gedicht müsse ein Gelegenheitsgedicht sein. Die religiöse Poesie der Juden war im Ganzen Gelegenheitspoesie; denn sie ward gewöhnlich durch bestimmte Erlebnisse hervorgerufen. Die Hagada, die sie bei ihren Dichtungen stets vor Augen hatten, bot ihnen einen so großen Reichthum und so große Mannigfaltigkeit des Materials dar, daß es in dem Leben der Juden kaum einen Fall und ein Verhältniß gab, zu dem mau in ihr nicht etwas Analoges finden konnte, und in diesen Beziehungen vorzugsweise fand die Dichtkunst immer neue Anregung und neuen Stoff. Das im Midrasch niedergelegte Material ward zu religiösen Zwecken benutzt und bearbeitet. Sagen und Erzählungen der Vorzeit wurden poetisch geformt und eigenthümlich umgestaltet, damit sie sich zum Gottesdienste für die Festtage eigneten. Diese unschuldigen Gebete wirkten zu jener Zeit gewiß erhebend, und wenn sie auch bei den veränderten Anschauungen und Ansprüchen der Jetztzeit unserm Geschmacke nicht mehr zusagen und in ihren Schönheiten für uns ungenießbar sind, so dürfen wir ihnen die Anerkennung nicht versagen, zu der sie der edle und uneigennützige Trieb, aus dem sie jedenfalls hervorgegangeu, berechtigen. Calirs Gebete zeigen von einer gewaltig poetischen Kraft und von einer überströmenden Gedankenfülle, welche selbst die zahllosen Schwierigkeiten, die er sich nach dem damaligen Geschmacke in der Form zu besiegen auferlegte, nicht erschöpfen konnten. Außer der alphabetischen Ordnung von Wörtern und Sätzen, den vielfachen Akrostichen von Buchstaben und ganzen Worten und vielen Reimen bei meist gleichartigen Stanzen, entsprechen die Anfänge und Ausgänge der Absätze bisweilen dem Zahlenwerthe der Buchstaben seines Namens. Sprache und Form sind oft sehr rauh, und nicht selten erlaubt er sich unhebräische, eigenthümliche Wortbildungen. Sein Styl ist kurz und gedrängt; er liebt es, den Gedanken abzukürzen, oft nur anzudeuten und dem Selbstdenken des Lesers die Ausführung zu überlassen. Eine geordnete Sammlung seiner Dichtungen giebt es nicht, sie sind hier und da in den Gebetbüchern zerstreut, und wir müssen sie zusammenstellen, wie bunte Steine zu einem Gemälde, um eine Charakteristik des bedeutenden Mannes zu erlangen. Er war der Führer einer Richtung, die sich über

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