Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 17 (20.4.1846)
- Date
- 1846-04-20
- Page
- Seite 246 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225443-3225461--07681-3238453- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
246 Die Geister. Verzeihe, Herr, es sprach aus uns der Schrecken — Der Gott des Wahns. Ihr werdet Gecken, Und daraus könnt' ich unser Ende ahnen — Erster 'Geist. So laß nun, Herr, das fürchterliche Mahnen, Und nimm uns wieder auf in Gnaden, Und heile uns von unserm Schaden! Der Gott des Wahns. Wenn ihr gefehlt, wenn ihr gefuscht, Vor meine Pforte ihr dann huscht, Ich soll mit einem schnellen Spruche Abhelfen eurem bösen Bruche! Doch ja, genug-Ein tief Erwägen Erfordern dieser Zeiten Läufe, Wir müssen schärfer drunter fegen, Daß sich der Zündstoff nicht mehr häufe!- Das Licht, das nur in höhren Regionen, In großer Geister kleinem Kreis bestand, Schon zu den Massen, die im Niedern wohnen, Die Bahnen fand. Ein Selbstgefühl erwachte, Ein freies Denken, freies Fühlen, 11 nb brachte In jede Brust ein lebensvolles Wühlen! Wie die Phantome fallen, Die durch Jahrtausende den Geist gebannt! Wie Jubellieder schallen, Wenn wieder eine Fackel ist entbrannt! Und wie die Kraft Im Schaffen wachst und steigt, Daß der Gebeugteste empor sich rafft, Der Niederste die Höhe schnell erreicht! Gewiß, wir haben ihn verloren, Den Zauber, den wir ausgeübt, Itnb den der Mensch so sehr geliebt! Ein Andres hat er sich erkoren: Recht, Wahrheit, Liebe sollen werden Die Herrscher auf der Erden; Was stets getrennt, was stets zerrissen, Es sott die Einheit nicht mehr missen — Was stets geduldet, was entbehrt, Man hat -as Wollen ihm gelehrt — Der Wille wird der Kraft bewußt, Dann ist die That die rechte Lust! Noch ist es nicht, noch glüht der Streit: Doch Geister sehen weit. — Zweiter Geist. O hilf, so wolle uns beschützen, Gieb unserm Reiche neue Stützen! Der Gott des Wahns. Ihr kennet jene alte Lehre, Die durch der Menschheit Zeiten geht, Sonst klang's wie eine Mähre, Die durch die Ammenstuben weht; Am Jordan war's, wo sie es sprachen, Das altprophetisch tiefe Wort, Ob wir Millionen Herzen brachen, Es pflanzte sich von Ort zu Ort, Es ward zum Trost, es ward zur Stärke Im blutig martervollflen Werke: — Einst eine sich das menschliche Geschlecht Zu Wahrheit, Fried' und Recht, Einst werd' der Eine angebetet, Und alles Unheil ausgeja-tel! — Ihr wißt, wie wir dagegen kämpften, Wie wir mit alter Macht Den Glauben in den Menschen dämpften, Wie wir ihn fälschten, ihn verlacht — Doch konnten nicht ihn unterdrücken — Vergossncm Blut entsproß er wieder, Dem Jüngern sich in's Herz zu drücken. Daß hell ihm strömten neue Lieder! Was Einzelne gehofft, gedacht, In Alten ist cs jetzt erwacht, Von alten Seiten strömt's und schwillt: Das Wort, es werde doch erfüllt! Dritter Geist. O Meister, lehr' uns, was wir thun, Wir woll'n nicht rasten, woll'n nicht ruh'n! Der Gott des Wahns. Ja wol, es soll an uns nicht fehlen, Wir wollen unsre Sehnen stählen!