Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 10 (2.3.1846)
- Date
- 1846-03-02
- Page
- Seite 142 (sequence 2)
- Language
- German
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142 verordneteu, an die Landstände re., kurz an alle berathenden Behörden nicht kennt? Wie viele Israeliten haben schon derartige Wünsche mit ausgesprochen? Wie viele Männer sitzen unter den israelitischen Vorständen, welche sich für jenes Verlangen nicht schon erklärt haben — und man denkt nicht daran, auch in dem eignen Hause dem zu genügen, was man anderweits selbst beansprucht? Es ist auch bekannt, daß sich in der evangelischen Kirche eine Hauptfrage um die Gemcindeverfassung dreht, und in wie weit die Gemeindeuütglieder daran betheiligt werden sollen — in der jüdischen Gemeinde, wo dies um so wichtiger ist, je komplizirter die Verhältnisse sind, die in den Händen der Vorstände liegen — ein verhaltnißmäßig größeres Budget, eine bedeutsamere Administration, ein Armeuwesen rc. — hat man sich noch wenig darum bekümmert. Wohin wir im Judenthume bis auf die ältesten Zeiten blicken, erkennen wir Oeffentlichkeit und freie Theil. nähme der Masse an allen Gemeindeinstituten. Nur in den Gemeindevorständeu verdrängten finstere Zeiten, wo oft so viel auf das Ausehn eines Einzelnen und auf Heimlichkeiten ankam, Oeffentlichkeit und Gleichberechtigung. Da schlich sich zuerst die Geldaristokratie ein, die cnrnervendste und verderblichste, die entwürdigendste und niederdrückendste Macht. Diese theilte die Gemeinde in Klassen nach der Summe der jährlichen Beiträge ein, so daß die wenigen Reichen die Gemeinde durch größere Stimmberechtigung beherrschten. Dann brachte sie überhaupt die Gemeindeverwaltung in die Hände der Reichen, welche bekanntlich nicht immer die Einsichtsvollen und Gerechten sind. Die Folge davon war wieder die vollkommenste Heimlichkeit, daß die Vorstände nur stets „im Dunkel thronen" und aus dem Dunkel heraus die Machtvollkommenheit üben. Geben wir heute über alles Andre hinweg, so ist das Erste und Notbwendigste, was wir verlangen müssen: Oeffentlichkeit der V o r st a n d s si tz u n g e n. Jedem Gemeindemitglied muß es frei stehen, den Berathungen beizuwohnen, um 1. seine Angelegenheiten, 2, seine Vertreter kennen zu lernen. Ist es so sehr Bedürfuiß, daß daö Interesse an den jüdischen Angelegenheiten überhaupt, und an den Gemeindeangelegenheiten insbesondre belebt werde: warum wird das nächste und leichteste Mittel nicht ergriffen, und das gar nichts kostet? Mein Gott! man klagt über den JndifferentiSmus, der für Judenthnm und jüdische Fragen herrsche — hat man je bedacht, daß man Alles gethan hat, um jedes Interesse zu ersticken? Vorstände, Vereine, Geistliche, Alles zog sich bei den Anden in die heimlichen, engen Stuben zurück. Alles sprach eine Machtvollkommenheit an, welcher die Gemeindemitglieder sich stumm unterwerfen sollten — und nun klagt man über Gleichgültigkeit. Die Aeltesten dekretirten, der Rabbi dekretirte, die Vorsteher dekretirten — und man wundert sich, wenn diese Dekrete allesammt nicht mehr respektirt werden? Wäre es den Vorständen Ernst um das Aufblühen ihrer Gemeinden; hätten sie sich nicht verballhornt in dem Gedanken von Macht, Würde, Anschn — die sie doch nur in der Entwickelung der Gemeindezustände finden sollten — so würden sie der Gemeinde mit der Oeffentlichkeit ihrer Sitzungen eutgegenkommen. Man weiß, wie sehr die Intrigue innerhalb der jüdischen Gemeinde Platz gefaßt hat, welche Ambulationen, Anwerbungen rc. da staltfiuden — denn es sind leider nur wenige, die gesetzlich geordnet sind — und weshalb? Gerade auf dem religiösen Gebiete laßt sich rn unsrer Zeit durch Machtsprüche gar Nichts machen, sondern Alles muß aus der Ueberzeugung hervorwachsen, sonst ist es ein faules Dasein mit morschen Stützen. Wolan, übersehet diesen Wink nicht. Welche sind die wirksamsten Feinde der Reform? Man wundert sich mit Recht, daß die Reform in den jüdischen Gemeinden Deutschlands noch so wenig Wesenheit erlangt hat. Während die deutschen Juden in Masse sich dem Zcremonialgesetz abwenden, Speisegesetz, Sabbat, Peßach, Fest :c. willkürlich überschreiten und modeln, sind es selbst im Kultus, der bekanntlich im Iudcnthume ein sehr neutraler Boden ist, nur ein Dutzend Gemeinden, die eine wesentliche Besserung erlangt haben, tteberall hartnäckiger Stillstand, oder Flickerei, Täuschung. Die Jugend erzieht man, erziehen selbst die Orthodoxen auf eine Weise, daß sie dem jüdischen ZeremonLalgefftz sich gänzlich entschlägt, und dann überläßt man wieder das entkleidete Judenthum der Fäulniß. Es ist erschrecklich. Da fragt man wol, woher kommt dies? Was ist die Ursache? Wer trägt die Schuld? Zuerst beschuldigt mau die s. g. Orthodoxen. Ohne von diesen beauftragt zu sein, muß ich dies gänzlich abweisen. Die wahrhaften, frommen, tiefbescelten Frornmcn