Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 47 (13.11.1848)
- Date
- 1848-11-13
- Page
- Seite 670 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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670 den Inhalt von der Form, die stets der Sprache und dem Orte angehört, trennen. Dann aber ist die Religion in Israel in zwiefacher, und darum vollständiger Weise behandelt worden, zuerst als Religion der Gesellschaft, dann alsReligion des Individuums*). Die israelitische Religion verlangte den Aufbau der Gesellschaft auf der Grundlage der Religion; und da diese den Menschen als ein gottebenbildliches, als ein freies Wesen lehrt, so verlangte sie die Gesellschaft der Menschen aufgebaut auf den Grundsätzen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Wie auch im Besondern die israelitische Volksgesellschaft begründet und ausgeführt wurde, wie auch andrerseits in der neuern Zeit diese drei Grundsätze gemißbraucht und zum Losungsworte brutaler Gewalt — obgleich die s. g. politische Gesellschaft die Letztere niemals gescheut und in der furchtbarsten Weise geübt hat — gemacht worden sind: das'kann dem Forscher und der Geschichte kein Hknderniß sein: die Religion Israels^ verlangte eine religiöse Gesellschaftwelche in Wahrheit Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verwirkliche; dieseproklamirte sie, diese stellte sie als Ideal und Gesetz der Menschheit hin, und hatte damit der Menschheit ihre ganze Bahn bis in die fernste Zukunft vorgezeichnet. Neben dieser Religion der Gesellschaft stellte Israel nun auch die subjektive Religion, die Religion des Individuums auf. Sie verstand den Menschen ebenso als Einzelwesen wie als gesellschaftliches. Sie lehrte daher das Verhältniß des einzelnen Menschen zu Gott; Gott als Vorsehung und als Richter; den Menschen als sittliches Wesen, welches dem Recht und der Liebe Genüge zu thun hat, und eine fortschreitende Erfüllung und Vollendung darin 'findet; sie stellte die Fragen auf, welche das wirkliche Leben von diesem Standpunkte aus bietet, und löste dieselben aus diesem Gesichtspunkte. So gab. Israel der Religion, die in ihm entsprungen, die vollständige Verarbeitung, s o daß außer ihr nichts Neues gegeben werden konnt e, und auch nichts - *) Das Christenlhum hat die Religion der Gesellschaft, der ganzen Menschenwelt gegenüber, ganz fallen - lassen, und nur die Religion des Individuums, die subjektive Religion festgehalten. Statt jener Hatte sie Nichts weiter als den Satz: Alle Obrigkeit ist von Gott, ünd dreser daher unbedingt zu gehorsamen — ein Satz, der, einem Tiberius, Nero, Kaligula.rc.'gegenüber ausgesprochen,. aller Wahrheit und Sittlichkeit nfs Gesicht schlägt. Neues gegeben worden ist. Allerdings verblieb der Nachwelt die ausführlichere Durcharbeitung dieses oder, jenes Satzes 4^ obgleich dann, diese immer wieher zn Dinfeitigkeiten führte, zu Einseitigkeiten, Uebertreibungen und Verzerrungen, wie z. B. die Unsterblichkeitslehre, das Gesetz der Liebe — aber gegeben waren .sie Alle in der Religion Israels, der Kreis abgeschlossen. Aber auch hierbei blieb das israelitische Volk nicht stehen, und wenn es der Welt die Religion gegeben, und die Religion der. Welt vollständig verarbeitete, so fügte es noch das dritte Verdienst hinzu: ununterbrochen Träger der Religion für die Welt gewesen zu sein und noch zu sein. Es ist eines alten Psalms Ausspruch: „um Deinetwillen würget man uns alle Zeit" (44, 23?) — und seitdem diese traurige, und dennoch erhabene Klage ausgesprochen worden, hat sie nicht aufgehört, eine Wahrheit zu sein. Und wenn wir auch zugeben, daß viel Haß und Verfolgung aus der besondern materiellen Stellung Israels geflossen ist und noch fließt, so ist doch diese wiederum aus dem Kampfe gegen, die Religion Israels, aus dem Beharren Israels in der Religion hervorgegangen, und somit die Quelle immer dieselbe. Von dem Augenblicke an, wo Israel mit der Religion in die Menschenwelt trat, mußte der Kampf um dieselbe beginnen. Israel mußte entweder die Religion aufgeben, und in die Welt aufgehen, oder jene wahren, und dann die Schläge der Gegner ertragen, so lange es Solche giebt. Israel hat das Letztere, gewählt und darin ausgeharrt — dies ist sein drittes,- unsterbliches Verdienst. Wenn der Professor Baur in dem von uns No.45 mitgetheilten Vortrage lediglich von den allgemeinen Lehrsätzen der Bibel sprach, und schon und geistreich, die Bedeutung derselben auseinander setzte: so hat er damit dennoch nur die erste und nur eine Seite der weltgeschichtlichen Stellung Israels gegeben. Wir haben hier auf die zweite und dritte Seite: aufmerksam gemacht, und werden diese nun etwas näher in's Auge fassen. Zeitungsnachrichten. Deutschland. KKnigsbepg in Pr./ 19. ^Oktober. sPrivatinitch.)Mie hiesige Zeitung ersthielt gestern MgeMn