Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 41 (2.10.1848)
- Date
- 1848-10-02
- Page
- Seite 595 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225551-3225593--09702-3237978- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
595 so manche Eltern, besonders unter den Wohlhabenden und in größeren Städten, die Alles aufbieten, daß ihre Kinder eine zeitgemäße Bildung erhalten, ja es besuchen viele jüdische Kinder Gymnasien und andere christliche Lehranstalten und sie gehören nicht selten zu den fleißigsten und besten Schülern. Aber wie steht's mit dem Religionsunterricht? Das ist ja eben das Traurige, daß vieleKinder Alles lernen nur nicht Religion und Hebräisch. Während die christlichen Kinder in den für Bibel- und Katechksmusunterricht angesetzten Lehrstunden mit den Grundsätzen des Christenthüms bekannt gemacht werden, hört so mancher jüdische Knabe, so manches jüdische Mädchen ^) das ganze Jahr hindurch wenig oder gar Nichts vom Judenthum und seinen Lehren und Satzungen, thekls weil man an vielen Orten das Bedürfnis nicht fühlt, jüdische Schulen zu errichten, theils weil sie wie sie sagen zum Religionsunterricht keine Zeit haben, oder richtiger: weit sie sich hierzu keine Zeit lassen wollen 5). „Man muß doch Schularbeiten machen, man muß doch Tanzuntecricht haben, man muß doch turnen!" Trauriger Zustand — zum Religionsunterricht keine Zeit haben!!! Es sind dies keine leeren Phrasen, lieber Leser, wir könnten die Beispiele aus der Wirklichkeit geben. 8ed exempla sunt odiosa. 4) Daß auch die Mädchen ebenso gut wie die Knaben einen zeitgemäßen Religionsunterricht'erhalten müssen, ist immer noch nicht genug zum Bewußtsein gekommen. Allerdings ist das weibliche Geschlecht von der Observanz mancher. Religionspflichten, die von der Zeit abhängig sind MNw. nws N1273 (Orach Chajim §. 38. §. 640. §. 689 rc.), dispensirt; aber doch nicht vom Religionsunterricht überhaupt. „Die Bildung des israelitischen Mädchens," sagt ein jüdischer Schulmann (der sel. vr. M. Büdinger in seinem: - o*’‘Yi?ab NNi» S. 45.), „sei ein ähnlicher, wie die des Knaben. Das Mädchen soll ebenfalls so 'viel religiöses und biblisches Wissen erlangt'haben, daß sie als Jungfrau und Gattin Sinn und festen Willen für innere Veredelung und weibliche Sittenreinheit hegen und die Weihe der Sabbat- und Festtage empfinden und dieselben würdig feiern möge; daß auch sie als Gattin und Mutter an religiöser Bildung zunehmend, auf. ihre Umgebung heiligend und erbauend'wirken könne und wolle.. Korresp. . 5) Und die Eltern sind unbegreiflicher Weise damit einverstanden, entweder weil sie .vielleicht glauben, daß die Religionskenntnisse m i t g ebore n w e r den,' oder weit sie befürchten, man wird sie Gott bewahr'! nicht für aufgeklärt genug halten,' wenn sie ihre Kinder in die jüdische Schule schicken; denn sonst wüßte ich nicht womit sie sich entschuldigen wollen. Korresp. Es ist indeß nicht zu leugnen, daß viele Kinder deshalb keinen Religions- und oft gar keinen Unterricht erhalten, weil die Eltern nicht-bemittelt genug sind, die Kosten zur Erhaltung einer Schule zu erschwingen und daß Gemeinden sich kn der Regel nicht verpflichtet hatten, hierzu Etwas aus der Gemeindekasse.beizutragen. Und wo wirklich Schulen bestehen, sind wieder so manche Umstände vorhanden, die das Emporblühen derselben hindern. Vor Allem ist's die prekäre Stellung der meisten Lehrer, die sehr nachcheilig wirkt. In allen 43 Gemeinden des marienwerderschen Regierungsbezirks sind unsers Wissens nur drei definitiv angestellte jüdische Lehrer; die übrigen sind in der Regel kontraktlich auf eine be-. stimmte Zeit und nicht einmal von der Gemeinde, sondern gewöhnlich von einigen Privaten, die schulpflichtige Kinder haben, engagirt. Oie Kündigung bedarf nicht der Genehmigung der hohen Behörde, sondern tritt oft ohne alle Gründe aus den geringfügigsten Ursachen, mitunter nur aus purer Laune ein6) (als ob es nothwendig so sein müßte, daß-man mit ^jedem neuen Kalender, auch einen neuen Lehrer haben muß); so daß in der Regel jährlich, oft auch noch früher ein Lehrerwechsel stattsindet und es zu den Ausnahmen gehört, wenn ein Lehrer mehrere Jahre an einem Orte wirkt7).-_ Wie nachtheilig ein solches Verhaltniß ist, braucht kaum bemerkt zu werden. Was kann aus Kindern werden, die bald von diesem ba'ld von jenem Lehrer, die doch nur selten in der Methode überemstim- 6) Ein eigentlicher Schulvorstand existkrt in der Regel nicht; Jeder, er sei wer er wolle, hat die Gewogenheit, dem Lehrer bei jeder Gelegenheit, selbst in der Schule in Gegenwart der Kinder Vorwürfe zu machen. Bald ist der Lehrer zu strenge — bald — wenn es-ihm nicht in kürzester Zeit gelingt, die im elterlichen Hause an Unordnung, Ungehorsam rc. gewöhnten, also verzogenen Kinder an Fleiß, Gehorsams. zu gewöhnen — heißt es: er ist nicht streng genug! . Bald heißt es: ec bevo rzugt einzelne Schüler, wenn z. B. der Sohn desI., weil er fleißiger und begabter ist, mehr lernt als der Sohn des Z., trotz dieser schon länger die Schule besucht; — und so sind's noch hu n de rt andere Fälle, die zu Konflikten mit dem Lehrer Anhaß geben, und das Ende vom Liede ist: der Lehrer empfiehlt sich. ■ ' v Korresp. 7) Ich könnte Dir, -lieber Leser, westpreußische Gemeinden nennen, wo seit sechs Jahren bereits der achte Lehrer fungirt — aber ich mag es nicht; die arme Jugend ist zu bedauern; das sieht aber so eine Gemeinde nicht ein!- Korresp.