Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 26 (19.6.1848)
- Date
- 1848-06-19
- Page
- Seite 383 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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383 „Wenn der Knabe die hebräische Sprache zu verstehen beginnt/ so beschäftigt man ihn mit Pentateuch und Propheten und zwar nach' karäischen Kommentaren, d. h.: nach einfachem Schriftsinn und nun lerne er Grammatik." „Darauf übe man den Knaben im schönen Ausdrucke und in dem Anfertigen von Gedichten " Ferner mache man sich vertraut mit den liturgischen Poesien der Karäer, deren Gebete-alle den Propheten entlehnt sind und unter den Rabbanilen mit denen der Spanier, Arraber, Romaner (Griechen) und Italiener, die wohlgeübt waren in der Redekunst. Hüten aber möge man sich vor den poetischen Arbeiten der Deutschen und vor den liturgischen Presieren und den Gesängen des Kalir, der die hebräische Sprache willkürlich beschnitten; sind die Midraschim darin häufig, so sind sie doch Mißtöne den Ohren der Grammatiker. Den Knaben gewöhne man auch daran, so viel als möglich von den Psalmen, den fünf kleinen Büchern, Hohes Lied, Klagelieder, Ruth, Prediger, Esther, Hiob, Sprüchen und allen Propheten auswendig zu wissen. Darauf lese man die Rhetorik und Poetik des Aristoteles." Deutlicher spricht der über den Jugendunterricht und wollen wir einige seiner eigenen Worte hier anführcn. (S. 77.)-„Die Basis des Jugendunterrichts ist der Pentateuch mit gehöriger Wort-Erklärung und Verständniß des Inhalts. Man verfahre nicht wie unsere Lehrer, die bald da bald d.ort übersetzen lassen, dadurch lernet unser Knabe Nichts «in pn. Woher kommt es, daß in unserer Zeit so viele Ignoranten sind? Die Lehrer sehen, nur auf ihre Besoldung. Und unterrichten sie-Much einige Stunden des Tages, so legen sie ihr Augenmerk nicht darauf, Zucht und Gottesfurcht in die Herzen ihrer Zöglinge zu säen,,daher ertönt die Erde bei deren Austritte aus der Schule, sie fühlen weder Scham noch Schande, wissen -Nichts von ■ Zucht und Sitte, wie feiste Kälber springen sie umher. So wird hier Natur die Gewohnheit, daß sie das Alter nicht achten, gegen Lehrer sich auflehnen und mit der größten Frechheit und Ausgelassenheit selbst in der Synagoge sich gebehrden. Ausgerottet müssen jene pflichtvergessenen Lehrer werden, die nur b'OTattt pb unterrichten, nicht gedacht werde ihr Name, denn alle. Zeit ist zum Unterrichten tauglich, nur der Neumondstag, die Feiertage, die s. g. Rüsttage, die Halbfeiertage machen in so fern eine Ausnahme, als bei ihnen die Abendzeit freigegeben wird u. s. w." . Am Treffendsten jedoch schildert vr. Steknheim in seiner Schrift: „Moses Mendelsohn und seine Schule in ihrer Beziehung zur Aufgabe, des neuen Jahrhunderts. Hamburg 1840" den Zustand des Unterrichts vor der Mendelsohn'schen Zeit, was wir schließlich hier folgen lassen, um uns vor dem Vorwurfe der Uebertreibung sicher zu stellen: „Den unsauberen Gästen, welche Polen uns als große Heuschreckenwolken in ununterbrochenen Zügen zusandte, war nicht allein die Hauptleitung unserer religiösen Angelegenheiten: ihnen ward auch der Unterricht und die Erziehung der Kinder, namentlich der Knaben anvectraut. Diese rohen Menschen wurden' in die Familien ausgenommen und weideten ihre Heerden mit eisernem Stabe, besonders aber die Heranwachsende Generation. < Ihre Zucht entsprach ihrer eigenen Sittenrohheit; ihre Strafen waren ungerecht und barbarisch in solchem Maße, daß nicht selten Mißhandlungen vorfielen, durch welche Gesundheit und Leben der Kinder gefährdet wurde. Begreiflich mußte den Kindern die Schule zur Folterkammer und ihr Schulmeister zum wahren grausenercegenden Tyrannen werden, dessen strengen Züchtigungen sie sich mit List und .Gewalt zu entziehenbemüht waren. Wo ward nun den armen Judenkindern wohl und kindlich zu Muthe? In der Schule geängstet von der gefürchteten Barbarei eines rohen Gesellen, draußen verhöhnt und mit Steinwürfen verfolgt von der feindseligen Dorfjugend, so daß ihnen'kaum ein Spielplatz verblieb, ihre freien Mußestunden friedlich dahin zu tände.ln. Mögen sich diejenigen, die noch vor der Hälfte des vorigen Jahrhunderts nach dieser Methode erzogen sind, ihrer Kinderjahre erinnern und sage mir Einer, ob er nicht mit Schaudern an jene Stunden. -der. Angst/ in dem dumpfen/ schmutzigen"Schulkerker, wo ein geistiger Kerker - für seine Seele gebaut wurde, zurückdenken. Der Grund zum Hasse gegen den Lehrer 'war in seiner ganzen Fülle vorhanden, und es ist begreiflich, wie dieser Haß und dieser Widerwillen auf das, was da gelehrt wurde, übertragen werden mußte. Die Unzahl von Gebeten, die, bevor dem Knaben das Frühstück verabreicht wurde, zu Ende gebracht werden mußten, wurden unter Mißmuth und Thranen und so hastig, als es sich nur thun ließ; mit der Schnelle des Windes, herabgeplappert, oft wurde absichtlich ein Blatt mehr, als heimlicher Gewinn, um-