Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 19 (1.5.1848)
- Date
- 1848-05-01
- Page
- Seite 270 (sequence 2)
- Language
- German
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270 auf die Stolzen blickst Du und demüthigst sie. Ja Du bist mein Leuchter, Ewiger, Du erh'ellst mein Dunkel. Mit Dir renn' ich gegen Schaarenmit meinem Gott spring' ich Mauern. Gott ist's, der mich gürtet mit Kraft und eben macht meinen Pfad. Amen. I. Meine Freunde! Am heutigen Tage vor vielen, vielen Jahrhunderten standen unsere Väter am Ufer des rolhen Meeres. Sie waren hinausgezogen aus dem eisernen Ofen der Knechtschaft, und als der Verfolger sie wieder zurückzwingen wollte, theilte sich vor ihnen das Meer und sie zogen hindurch, als der Verfolger versank, und sie stiegen an's Land frei, frei, und jubelnd der Freiheit, also jubelnd, daß das Wort ihres Jubels noch heute unter uns wiedertönt. Und jetzt, m. L.? auch wir waren hinausgezogen aus dem eisernen Ofen der Knechtschaft, schon mehre Jahrzehende — aber der Verfolger stand noch hinter uns, und oft versuchte er uns zurückzuzwingen, oft streckten Haß und Vorurtheil ihre schwere Hand über uns, uns in das Haus der Knechtschaft wieder zurückzuführen, uns eine Fessel nach der andern wieder anzulegen. Siehe, da geschah es jetzt, daß Gott der Lenker wie ein rothes Meer vor uns spaltete, wir zogen hindurch, der Verfolger versank, wir stiegen an's Land der Freiheit — — nun? warum jubelt ihr nicht, wie Mosche einst mit dem Volke, wie Mirjam mit den Frauen im Reigentanz? warum seh' ich Euer Angesicht von Sorgen und Befürchtungen gefurcht? warum Euer Haupt, statt stolz erhoben, gebeugt? Wohl, m. Fr., ich sind'es natürlich; ich fühle es auch in meinem Herzen, daß diese neue Zeit sich gebiert mit Wehen und Schmerzen, mit Verlusten und Mühen, in der Seele des treuen Hirten findet das Leid feiner Heerde stets einen vollen Wiederhall. Aber wehe, wenn wir über die Schwere des Augenblicks, über das Trübniß des Einzelnen, das große Ganze und das, ganze Große aus den Augen, aus dem Bewußtsein verlieren! Erinnern wir uns: wir dürfen nicht wie unsere Väter sein, auf daß uns nicht das Schicksal unserer Vater treffe! Wie waren unsere Väter? Unsere Väter, als der erste Jubel der Befreiung, der Rettung verhallt war, zeigten, daß sie der Freiheit nicht würdig waren, baß sie die von Gott ihnen verliehene Freiheit nicht begriffen hatten — und ihr Schicksal.? sie mußten 40 Jahre in der furchtbaren Wüste wandern, sie mußten Alle, die aus Egypten gezogen, , in der Wüste aussterben, erst ihre Kinder erreichten das Land der Verheißung und erwarben das Erbe, das ihnen gelobt war. Nein! meine Brüder, Ihr dürft nicht in der Wüste wandern, Ihr müsset besser verstehen, was Euch geworden! Was thaten unsere Väter? Zehnmal murrten sie wider Gott und Mosche, einmal weil sie dürsteten, einmal weil sie hungerten und die Fleischtöpfe Cgypten's vermißten, einmal weil sie mannhaft kämpfen sollten-und sofort schrieen sie, wir wollen nach Egypten zurück, es ist besser, wir sind Knechte der Egypter, ach! wie gut hatten wir es da, wir hatten Fische und Lauch in Fülle! So schlecht begriffen sie die Herrlichkeit der Freiheit, so gering schlugen sie die große Zukunft an, die ihnen eröffnet worden, lieber wollten sie Mosche steinigen, lieber schwere Fesseln tragen. Ich frage, ob es nicht also heute wieder ist, ich frage die unter Euch, dir wegen der Schwierigkeit des Augenblicks die alte Zeit wieder zurückwünschen. Was Ihaten unsere Väter? Sie machten sich ein goldenes Götzenkalb! Statt des Gottes der Freiheit, der gesprochen: „ich habe euch herausgefühct rc." beteten sie ein Werk ihrer Hände an, ein Stück gegossenen Metalles, und sprachen: das ist unser Gott! O thun wir nicht desgleichen, wenn die Wege des Erwerbs in diesen Tagen schwierig geworden, wenn Gewerke und Gewerbe in Stocken gerathen, vergessen wir darüber nicht des Gottes, der frei ist und seine Menschenkinder frei haben will, beten wir nicht das tobte Metall, sondern als das Höchste die göttliche Vorsehung an, die uns andere Wege eröffnet als die bisherigen. Was ihaten unsere Väter? Sie ließen das Land der Verheißung auskundschasten. Und da sagten sie, ja das Land ist gut, aber es wohnen Riesen daselbst, zu denen wir nicht hinanreichen — und so wollten sie aufgeben, wonach sie so lang gestrebt, wonach sie so lange gewandert, wohin sie sich gesehnt und unter Gottes Schutz gezogen! O, nicht also! Auch wir haben gestrebt und gerungen ein halbes Jahrhundert nach Freiheit, nach bürgerlicher Gleichstellung, nach dem Wegfall der Schranken für uns und unsere Kinder — nun, da wir daran stnd> lassen wir uns nicht zurückschrecken, ziehen wir frisch und jubelnd hinein, damit wir nicht zurückgeworfen werden in die öde Wüste. D er Gott, der uns in der Dienstbarkeit gehalten, wird uns wahrlich! auch in derFreiheit halten. Durch ihn übersprangen wir die Mauern, durch