Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 17 (17.4.1848)
- Date
- 1848-04-17
- Page
- Seite 254 (sequence 10)
- Language
- German
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251 Ungarn und die Nebenländer. Warasdin, königliche FreistadL in Kroatien, 1. April. (Privatmitth.) Die Sonne der Freiheit, welche durch die Ereignisse des 13. und 14. März d. I. nun auch für Oesterreichs Staaten erwärmend strahlen sollte, hat am Horizonte des Druckes, unter welchem die jüdische Bevölkerung jahrelang seufzte, eine Katastrophe heraufbeschworen, in welcher Volkswahn undPöbelwuth in der Waffenkammer desVorurtheils und Nationalhasses sich rüsteten, um alle Schrecken mittelalterlicher Verfolgung und Gefährdung auf eine Nation auszugießen, welche die kurze Hoffnung nährte, unter der Wucht hartdrückender Fesseln nun freier athmen zu dürfen. Wie überall, wo das Volk für wahre Freiheit nicht reif, eine stets gefährliche Reaktion eintritt, hatte auch hier eine Rotte pöbelhafter Bürger, ermuthigt und gestärkt durch die gegenwärtige Machtlosigkeit der Behörden, gegen den Besitz und die Habe der hiesigen gewerb- und handelseifrigen Juden sich verschworen. Dienstag den 21. Abends 8 Uhr lief die Schreckenskunde ein, daß die Pöbelrotte im Prater versammelt, noch in selber Nacht zerstörend losstürmen wolle. Weder die Beredtsamkeit der angesehensten wichtigsten Männer der Intelligenz, noch die bei Mangel an Militär freilich ohnmächtigen Drohungen der Behörde, konnten der Wuth des vom Weine erhitzten Haufens einen Damm setzen. — Während so die Gefahr immer höher stieg, und mit jedem Augenblicke unheilbringend zu überströmen drohete, hatten die so hart bedrängten Juden Haus und Hof verlassen und bei christlich gesinnten Christen sich Unterkunft erbetteln müssen, nicht ohne leider nur zu oft abgewiesen zu werden. Doch Israels Hort, der stets am Nächsten, wo die Noth am Größten, hat auch da hilfreich sich gezeigt und es der einflußreichen Fürsprache des pensionirten Generals von Bogovic gelingen lassen, daß die tobende wuthentbrannte Menge sich beruhigte, und nach Mitternacht unbefriedigt und von der patrouillirenden Bürgergarde bewacht sich zerstreute. Keine Feder vermag die drückenden, beängstigenden Gefühle zu schildern, die in jener Schreckensnacht die Gemüther unserer jüdischen Einwohner so schmerzhaft durchfluthete; und wie der Morgen heranbrach und die Geflüchteten scheu und verstohlen in ihre Häuser schlichen, war wol der erste Andrang der Gefahr vorüber, aber die Ruhe keineswegs hergestellt. — Um Mittag, Mittwoch am 22. März, erstürmte die ruchlose Menge das Rathhaus und verlangte die Vertreibung der Juden mit solchem Ingrimm, daß die meisten jüdischen Familien von neuer Gefahr bedroht in hastiger Eile die wenigen beweglichen Habseligkeiten zusammenrafften und nach dem nahegelegenen Csüklornya im szalader Komitate flüchteten, wo sie bei der kleinen selbst gefährdeten Gemeinde die gastfreundlichste Aufnahme fanden. Besonders waren es die Frauen, die da im schönsten Lichte der Weiblichkeit sich zeigten, und durch die innige Theilnahme und zärtlichste Pflege, die sie so liebevoll Allen zuwandten, die Summe ihrer Liebenswürdigkeiten nur mehrten, und sich ein unverwüstliches Denkmal der Dankbarkeit in unseren Herzen begründeten. Jndeß ging die Nacht vom 22. auf den 23. ohne Störung vorüber; doch wurde Donnerstag den 23. neuerdings das Rathhaus belagert und dem Magistrate der Beschluß abgedrungen, und Nachmittag mit Trommelschlag unter .Zusammenfluß des niedrigsten Pöbels an allen Straßenecken verkündet: „daß alle Juden, die besitzschwächeren nach acht Tagen, die reicheren nach drei Monaten die Stadt verlassen müssen." Doch war die Schmach noch nicht auf's Höchste gestiegen; noch ein fürchterlicherer Blitz war unter der Wolke des düstem Verhängnisses, das die Juden treffen sollte, verborgen. — Abend 7 Uhr durchzog triumphirend über die gelungene Durchführung des Racheplans, die uniformirte Musikbande der Bürgermiliz, gefolgt von einer unabsehbaren Menfchenmasse, mit klingendem Spiele die Stadt. Es war ein auw da fe des neunzehnten Jahrhunderts! — Plötzlich erdröhnte Sturmgeläute — gräßlicher Feuerlärm ertönte — Schuß siel auf Schuß; und mit dem Mordgeschrei: „in's Feuer mit den Juden!" rannte die beutegierige Menge wild durcheinander. — Die Juden, denen man fälschlich berichtet, man demolire schon das Cohnsche Haus, flohen in tödtlicher Angst in Gärten und Felder; und gewiß wären sie dem schrecklichsten Schicksale nicht entgangen, hätte des Allmächtigen Hand sie nicht wunderbar geschützt. — Das Feuer war nicht in der Stadt, sondern in einem nahen Dorfe ausgebrochen, nach welcher Ueberzeugung die Rotte sich grollend zerstreute. Kein Schlaf, keine Ruhe kam in dieser Nacht auf die in Todesangst versetzten Juden, und mit bitterem