Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 12 (1848)
- Issue
- Heft 8 (14.2.1848)
- Date
- 1848-02-14
- Page
- Seite 107 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225551-3225560--09181-3237424- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
*07 lich nehmen und das Eigen thum unter dem richtigen Gesichtspunkte betrachten/-so' können wir die Wucherer durchaus nicht verdammen. Auch gut. Nur -— meinen Sie — dürfe der Staat nicht — durch' Emanzipation der Juden — den Wucher noch in Schutz nehmen." Aber um Gotteswillen, wie können Sie doch nur so albern staatspölirisiren! Wir verlangen ja eben darum die Emanzipation, damit der Wucher aufhören könne, damit der reiche Jude seine Kapitalien in Häuser, Grundstücke, Fabriken u. s. w. anlegen könne und nicht gezwungen seiWuchec zu treiben! Oder beschränkt ihn etwa seine gegenwärtige Stellung im Wuchern? "Nicht im Geringsten! Die Emanzipation würde wol den schlechten Juden ebenso wenig daran hindern, aber sie würde den Zwang, der jetzt auch den Bessern und Gesinnungsvollern auf diesen entehrenden Erwerb hindrängt, aufheben. Und damit wäre viel gewonnen!!... Hilft Nichts! rufen Sie. Der Jude ist so gewissenlos, grundverderbt, bar aller Moralität u. s. w., daß er durchaus keine sanftere Behandlung verträgt und unter dem Schirm humanerer Gesetze nur desto freier und kecker seinen Wucher und Betrug üben würde (S. 30). Diese Ansicht aber beleidigt nicht nur die Judenheit, sondern ist. eine Blasphemie der gesammten Menschheit. Einem Theil derselben, mehreren Millionen alle Besserungs fähigkeit absprechen, das ist an der Menschheit verzweifeln, das ist die Gottheit schänden, was wir von Ihnen—der Sie allem Anscheine nach dem geistlichen Stande angehören — durchaus nicht erwartet hatten. Doch ich will nicht sentimental werden und dem kaltberechnenden Staatsmann (?!) gegenüber nur die kalte Vernunft sprechen taffen. Ich will auch nicht das Beispiel Englands, Frankreichs, Belgiens und anderer Länder zitiren, wo die Emanzipation die erfreulichste Umgestaltung im Leben und Streben der Juden erzeugte und sie heute in allen Gewerben, Künsten und Wiffenschaften, in Fabriken wie', in der Aula, auf dem Schlachtfelde wie irr den Sälen der Gesetzgebung Ausgezeichnetes leisten. Sie würden mir wieder mit langen Rechnungen und langweiligen Klügeleien beweisen: Ungarn habe mehr Juden als jene Länder, unser Volk sei nicht so gebildet wie das französische und englische und weiß Gott welche Entgegnungen Sie noch Vorbringen, die allesammt hier nicht den geringsten entscheidenden Einfluß haben können. Sprechen wir also blos von Ungarn. Seit 1840 erfreuet sich hier der Jude einiger Begünstigungen. Er kann unter vielfachen Beschränkungen ein Handwerk, Ackerbau treiben u. s. w. Und wie hat er diese kleinen Begünstigungen benützt? Auf die schönfte und beste Weise! Er wußte mit der durch lange Leiden. und Bedrückungen ihm eigen gewordenen Geschicklichkeit die zugeworfenen spärlichen Brosamen bis auf den letzten Tropfen auszudrücken und auch noch die harte Rinde genießbar zu machen. Die neuesten, amtlich bestätigten statistischen Daten liefern den sprechendsten. Beweis, mit welcher Freude der ungarische Jude den Schacher'und Wucher verlaßt, sobald er nur kann und sich dem Handwerk und Ackerbau zuwendet, sobald nur ein schmaler, wenn auch dornenvoller Zugang zu selbem ihm gestattet wird. So zahlt z. B. die kleine thuvoczer Gespannschaft bei 190 jüdischen Familien: 29 Handwerker und 45 Bauern und Pächter; B ere g h bei 1386: 230 Handwerker, 708 Bauern und Pächter und 209 Tagelöhner; Sümegh bei 1048: 224Handwerker, 251 Tagelöhner, 21 Pächter u. 's.' w. Oder um das Verhältniß deutlicher herauszustellen: Von 100 jüdischen Familien sind in Thuvocz: 16 Handwerker, 24 Bauern und Pächter, 8 Fabrikanten u. s. w.; in Sümegh: 21 Handwerker, 24 Tagelöhner, 6 Fabrikanten u. s. w.; in Beregh: 40 Bauern, 17 Handwerker, 16 Tagelöhner, 3 Fabrikanten und nur 8 Kaufleute u. s. w. u. s. w. Oder betrachten wir sogar die k. Freistädte. Hier ist bekanntlich der Jude am Allerunfreiesten. Hier werden ihm in jeder Lebens- und Ernährungsweise unzählige Hindernisse in den Weg gelegt. Besonders aber ist der ganze Lebenslauf des jüdischen Handwerkers in den Städten eine ununterbrochene Kette von Leiden und Kämpfen gegen die Engherzigkeit und tyrannische Willkür der Zünfte. Will der Knabe ein Handwerk lernen: er wird zucückgewiesen, denn er ist — Jude; die christlichen Meister der k. Frei- und Hauptstadt Pesth haben eine Allianz geschloffen — und hat ihr edles Beispiel bereits in Arad, Kanischa u. a. O. Nachahmung gefunden — keinen jüdischen Lehrling anzunehmen. Hat er durch Geld, Protektion und andere vielvermögende Mittel doch die Gnade erlangt, ausgenommen zu werden und unter stetem Leiden und Plagen seine drei Lehrjahre bestanden: die Zunft will ihn nicht freisprechen, denn er ist — Jude. Hat er anderwärts ehrenvoll seine Lehr- und .Wanderjahre bestanden und will in einer ungarischen Stadt sich niederlassen: die Zunft verrammelt ihm wieder mit fast unübersteiglichen Hindernissen seinen Lebenspfad, denn er ist — Jude.' i: Die Verlockungen zum Handwerk. sind demnach hieri eben nicht sehr stark. Desto stärker und