Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-11-10 · Heft 46 (10.11.1845) · p. Seite 682

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 46 (10.11.1845)
Date
1845-11-10
Page
Seite 682 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225389-3225436--07315-3237197
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

682 Hand nehmen wollen. Das Opfer — das Judenthum— ist bereits auf den Tod getroffen, es verblutet schon.... . Wohlan, so muß Zeugniß gegeben werden vor dem Richterstuhle der Geschichte; so muß Klage geführt werden vor dem Richterstuhle der Menschheit; so muß Weheruf ertönen vor dem Richterstuhle Gottes, der nicht blos im Himmel, der auch auf Erden steht.... Ob der Klager klein, und der Gegner riesengroß: ob die Macht des Zeugenden gering, eine Null, aber die Gewaltkraft des Widersachers unermeßlich.... wo Menschenbrüdern, die Nichts verbrochen, das schrecklichste Loos bereitet wird, wo Wehrlose mit eisernen Füßen zertreten werden, und Nichts als der eigne, eherne Wille angeführt werden kann als Grund und Ursache, um derentwillen zwei Millionen Menschenseelen auf's Aeußerste verfolgt werden — da hallt daS Wort des Klägers in tausendfachem Echo wieder, und von tausend Zungen ertönt der Klageruf der Menschheit! Wohlan, so ruf' ich Dich auf, neunzehntes Jahrhundert, gieb, worauf du so stolz bist, der Unschuld das Recht der Klage, und wenn du zu ohnmächtig bist, die Kraft des Urtheils zu haben, so sollst du wenigstens das Wort des Urtheils darbieten! Das mußt du haben, oder du bist erbärmlich — mit Flitter» von Rauschgold prunkend.... Und dieses Urtheil wollen wir eintragen in das Buch der- Geschichte, und da der Richter droben noch kein Urtheil der Geschichte unausgeführt, unerfüllt gelassen, so wollen wir, so sollen unsere Enkel harren, bis auch dieses Urtheil seine Erfüllung gefunden.... Dazu rufe ich dich auf, neunzehntes Jahrhundert — die göttliche Vorsehung braucht nicht aufgerufen zu werden, die ist wach immerdar, die hat schon den Tag der Rechenschaft bestimmt.... Welches ist das Verbrechen, das die zwei Millionen russischer Juden begangen haben, daß über sie Hunger und Noch, Druck und Drangsal verhängt werden? daß ihre Herzen zerrissen, all' ihre Gefühle verhöhnt, ihr Gewissen zerspaltet, ihre Ruhe vernichtet werden? Haben sie das Vaterland verrathen? Haben sie konspirirt? Haben sie das Gesetz des Staates auf unerhörte Weise gebrochen? Haben sie die Majestät des Kaisers verletzt? Haben sie die Brunnen vergiftet? die Pest herbeigeführt? -Nichts, Nichts von allem dem. Nur ein Verbrechen haben sie begangen, ein unverzeihliches Verbrechen, das ist — daß sie leb en — dieses unerhörte Verbuchen von zwei Millionen Menschen, daß sie leben, und zwar in dem Glauben, in welchem sie geboren und erzogen sind, den sie mit der Muttermilch eingefogen, der ihr ganzes Wesen so durchdrungen hat, daß er ihr Wesen selbst ist — dies ist das Verbrechen der zwei Millionen Juden, dafür müssen sie büßen, dafür werdensie verfolgt. Doch ich will nicht blos klagen — ich will auch beweisen, ausführlich beweisen: (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten. Preußen. Breslau, im Oktober. (Privatmitth.) Das religiöse Streben der Gegenwart zeigt nicht selten einen eigentümlichen Charakter. Während man sich schaart, um das hohe Gut der geistigen Freiheit zu erkämpfen, ist es Vielen nicht um den Besitz, sondern um den Kampf zu thun; während die Massen in der Hitze des Strebens um das goldne Kalb der Gegenwart sich drängen, lassen sie das Kanaan der Zukunft ganz außer Acht, unbekümmert, ob das mit Schweiß und Blut Errungene auch dauern, werde bis in späte Zeiten, ob auch würdige Hände sich finden, denen man das Halbgewonnene, die unverrichtete Arbeit zur weitern Vollendung und Ausführung anvertrauen könne. Und nirgends tritt uns diese Eigentümlichkeit deutlicher und betrübender entgegen, als in dem gegenwärtigen religiösen Streben der Juden. Es ist bekannt, welch' riesige Fortschritte wir seit kurzer Zeit gemacht, wie wir geistig gereift und mannbar geworden sind, und jeder, der nicht von einem blendenden Laienstolz besessen ist, muß unseren neuen Rabbinern das Verdienst, diese Umwandlung bewirkt zu haben, zuerkennen. Doch jemehr uns noch, zu thun übrig bleibt, je größer und ausgedehnter noch die Arbeit ist, die der Zukunft überlassen bleibt, desto besorgter müssen wir auf diejenigen bliäken, die einst die Träger dieser Zukunft werden sollen, auf die jungen Theologen, die einst rüstig aus den Händen ihrer ergrauten Lehrer die Arbeit übernehmen sollen. Ueberblicken wir diese im Ganzen und Großen, tritt uns nicht viel Tröstliches entgegen. Es sind einerseits jene ewig hohlen und schalen Geschöpfe, die in den Korridors der Universitäten sehr bewandert find, und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.