Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-09-08 · Heft 37 (8.9.1845) · p. Seite 558

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 37 (8.9.1845)
Date
1845-09-08
Page
Seite 558 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3225389-3225427--07174-3237047
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

558 den Gemeinden die Autonomie sichert, hat sie einen Strich geckacht chmch das, was bis jetztMacholtzkÄnutz War, und da ksie ztHkich dir lakdickische Sprache, dke ErMDbeichte ff. aufgegeben, hat sie wesentliche Punkte des katholischen Zeremonialgesetzes angegriffen. Die Reform im Judenthume hat es lediglich mit dem Zeremonialgesetze zu thun; die Liturgie, der Sabbats der zweite Festtag, das Speisegesetz, diese machen die Reformfragen im Judenthume Ms; einen Zwiespalt nur 'die Lehrsätze des Judenthums selbst gieht es nicht. Das einzige Dogmatische, wo Verschiedenheit innerhalb des Judenthums stattfindet, ist die Messiaslehre. Diese Verschiedenheit findet aber in der unreformatorischen Synagoge ebenso statt, wie in der reformatorischen, weil die Messiaslehre zwar ein großes Element der Synagoge ist, aber keine Grundlehre derselben, da sie nicht einmal pentateuchisch ist. Selbst einen persönlichen Messias ganz und gar zu negiren, vermag die Reform nicht, sie kann nur erklä-. ren, daß aus den Gebeten die politische Wiederherstellung Jsrael's zu streichen ist, da diese nicht innerhalb unsres Zeitbewußtseins lieget. In diesem Umstande liegt für das Judenthum ein herrlicher Beweis und eine segensreiche Folge. Ein herrlicher Beweis nämlich für die im Judenthume vorhandene Wahrheit. ' Denn wenn die Grundlehren einer Religion über den Kampf hinaus sind, so müssen sie unantastbare Wahrheit sein. Eine segensreiche Folge: denn es kann darum im Judenthume kein wefenhaftes Schisma entstehen. Seit 26 Jahren steht der Hamburger Tempel, aber ein Schisma ist nicht daraus entstanden. Der Jude kann als Jude Beide besuchen, den Tempel und die Synagoge, ohne anders als in irgend einer Form chokirt zu werden. Denken wir uns einen jüdischen Gottesdienst, der sich noch weiter von der Form der alten Synagoge entfernt, und das Verhältniß bleibt sich gleich. Ganz anders aber ist es, bei den christlichen Parteien. Der „Lichtfreund" kann nie wieder als solcher an dem auf den „symbolischen Büchern" beruhenden Gottesdienste Theil nehmen (wie Herr v. Florencourt so schlagend erwiesen hat); der Protestkatholik nie wieder au dem katholischen. Bei den Juden entsteht ein neuer Gottesdienst aus den veränderten Bedürfnissen, bei den christlichen Parteien aus dem neuen Wesen. Ist dies die große, unermeßlich große Verschiedenheit der-jüdischen und christlichen Reform: so hat diese jedoch auch einen Punkt der Uebereinstimmung. Dieser ist: der Kampf gegen die Tradition und ihr GegebktW. 4lnM TradiOon verstehen >wir -hier Älles., waS in seiner PofftMn RektzÄn 'nach Mfchküß iilM GruNdkonstitution sich historisch weiter gebildet hat. DaB -Wesen der Reform besteht nun, die Autorität der Tradition, die unbedingte Herrschaft derselben in Bezug auf die Gegenwart in Frage zu stellen, müfzuheben. Die Kritik geht ihr darin voran, indem diese die Untersuchung über den Ursprung und Ne geschichtliche Fortentwickelung der Tradition und ihres Inhalts giebt; die Reform verwirklicht das Resultat der .Kritik, indem sie das historisch Gewordene auch für historisch zu Beseitigendes erklärt. Gleiches findet nun in der jüdischen wie christlichen Reform statt; die jüdische Reform will die Herrschaft des Talmuds, die katholische die Herrschaft der katholisch-kirchlichen Tradition, die protestantische die Herrschaft der symbolischen Bücher aufheben. Alle drei baden dabei die groß? Schwierigkeit zu überwinden, daß das Bestehende, die ganze kirchliche Wirklichkeit auf den Grundsätzen und nach den Vorschriften jener Traditionen aufgebaut ist, daß so das Leben von den Traditionen noch, durchfasert und durchwachsen ist, so daß hier die Idee mit der Wirklichkeit einen großen, erbitterten Kampf zu kämpfen hat. Wenn also die Idee an und für sich schon den Sieg erfochten hat, so steht ihr doch noch das Leben entgegen, und Viele, die sich iw Geiste zu ihr bekennen mögen, werden in der Wirklichkeit rheils aus Gewohnheit, theilS aus Opposition, theils aus der Stellung heraus ihr enrgegentreten. Hier ist es aber, wo wieder für die Reform im Judenthume eine ^Eigenthümlkchkeit '-herein kommt. Wenn nämlich im Gegensatz zu den beiden anderen die jüdische Reform den großen, segensreichen Vortheil hat, daß sie es nur mit dem Zeremonialgesetz zu thun hat, und die eigentlichen Glaubenslehren dabei aus dem Spiele bleiben: so greift hinwiederum dieses Zeremonialgesetz viel bedeutender in's wirkliche Leben, als irgend ein anderes ein. Das Zeremonialgesetz nimmt daher im Judenthum eine so bedeutende Stelle ein, daß es sich in ihm durchaus nicht mehr um bloße Form handelt, sondern Form und Wesen so in einander laufen, daß bei der Reform des Zeremonialgefetzes das Wesen des Judenthums nicht minder angegriffen zu werden bedroht ist, als wenn es Glaubenslehren beträfe. Sabbat- und Speisegesetz stehen mit dem bürgerlichen Leben in tausendfache Berührungen, und gehen doch über die Tradition hinaus auf die Schrift selbst zurück, so daß sie mit dem Kampf gegen die Tra-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.