Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 33 (11.8.1845)
- Date
- 1845-08-11
- Page
- Seite 512 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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512 Nekrolog. (Verspätet). Einen harten Verlust erlitt die hiesige Gemeinde durch das in der Nacht vom Ilten auf den 12. April 1845 erfolgte Ableben des würdigen Oberrabbiners Heyman Joel. Von frommen und biedern Eltern den 25. SLwan 5552 zu Jnowraclow geboren, erhielt er schon frühe eine sittlich-religiöse Erziehung und einen sorgsamen Unterricht jm Talmud, welchen er mit solchem Eifer studirte, daß er zur Fortsetzung dieses Studiums, wovon ihn die ungünstigen Umstände seiner Eltern abhielten, sich bewogen fühlte zu feinem zwölften Jahre die Heimath mit der Fremde zu vertauschen. Mit einem Hellen und scharfsinnigen Geiste von der Natur glücklich begabt, gelang es ihm bei anhaltendem Fleiße Ln kurzer Zeit einen bedeutenden Erwerb auf talmudischem Gebiete zu machen, und er war deshalb, wie auch wegen seines sanften und gutmüthigeu Charakters, in welchem fast sein ganzes Wesen aufging, von den gefeiertesten Rabbinern jener Zeit wohlgelittcn. Kaum hatte er jedoch ein reiferes Alter, an welchem ihm schon der Gedanke an seinen künftigen Beruf vorschwebte, erreicht, als er bald die Richtung jener Zeit in dem bloßen Talmudstudium den jüdischen Theologen großzuziehen für einseitig und mangelhaft erkannte, und er befleißigte sich daher von jetzt an der hebräischen Sprache und Literatur, studirte mit Eifer die jüdischen religionsphilosophischen Werke, bemühte sich Kenntniß im Deutschen zu erlangen, und machte sich so mit einer realen Bildung vertraut, die die Bildungsspäre der damaligen Talmudiste» weit überflügelte. Er kehrte zu seinem einundzwanzigsten Jahre in seine Heimath zurück, geschmückt mit der *irprt von seligen Rabbiner Eger zu Posen, wurde zum Rabbinatsassessor ernannt und verehelichte sich mit seiner jetzt um ihn trauernden frommen und tugendhaften Gattin. Von seinem Amte wenig beansprucht, betrieb er mit eiuem bewundernswerthen Eifer das ihm fast zum natürlichen Bedürfniß gewordene Talmudstudium, ließ sich von keiner Lebensprüfung, deren er manche bittere zu bestehen hatte, in seinem tiefen und Hellen Forscherblick trüben, bis er nach ueun Jahren 1822 als Rabbiner nach Birnbaum berufen wurde. Sein strebsamer und mit Thatkraft ausgerüsteter Geist erhielt nun einen Wirkungskreis, welchem er seine vom rabbinischen Wissen überfüllte Werkstätte erschließen und seine ächte für den Denker höchst interessante Geistesprodukte zuführen konnte, er suchte den hier in einer ziemlichen Anzahl sich befindlichen jüdischen Gelehrten einen gesundern und kräftigem Sinn für das rabbinische Studium einzuflößen, er errichtete einen bis jetzt noch bestehenden, mit sittlich-religiösen Pflichten verbundenen Talmudverein, und wirkte so zehn Jahre hindurch ununterbrochen für das Wohl der Gemeinde. Wiewol er nun für sich selbst kein bequemeres Leben beanspruchte, so hatte ihn dennoch sein dürftiger Unterhalt mit einiger Besorgniß für die Zukunft seiner Familie erfüllt, und der Ruf als Rabbiner hierher 1832 kam ihm wie erwünscht. Von dieser Zeit an beginnt auch ein neuer Abschnitt in seinem Leben. Er fand hier eine friedliche, von manchen Vorurtheilen befreite Gemeinde, die an ihn die Forderung stellte: das in Stockung gerathene religiöse Leben mit ächtreligiösem Geiste zu durchwehen, und den unästhetisch gewordenen Kultus durch eine lieblichere Zubereitung zu würzen. Er erkannte diese Forderung als eine für die bessere Gestal-' tung des Judeuthums nothwendig zu erfüllende und, indem er einerseits unerschrocken vor dem Angstgeschrei mancher seiner Kollegen, den Regungen des Fortschritts in feinen deutschen, sittlich gehaltenen Vorträgen, ein weites Terrain zuwies, hütete er sich andererseits den übereilten Pnlsschlägen der Zeit in seiner Gemeinde freien Lauf zu lassen, sondern Schritt vor Schritt, mit dem ihm eigenthümlichen ruhigen und besonnenen Geiste, bahnte er einen Weg, auf welchem das Judenthum gemächlich und gefahrlos fortgeführt werden konnte. Vor Allem aber war es der friedliche und versöhnende Geist, der ihn in allem seinen Wirken durchseelte, und ihn zum Seelsorger wie geschaffen machte. Er verband eine bis zur Selbstverleugnung gesteigerte Demuth mit einem hohen und reichen Adel der Gesinnung, ein freundliches liebevolles Wesen mit einer ernsten und ehrgebietenden Haltung und in allen Lebensverhältnissen, selbst in seiner dreizehnmonatlichen Todeskrankheit blieb er stets ein zärtlicher Gatte, ein besorgter Vater und ein wahrhafter Menschenfreund. Von seinem unermüdlichem Fleiße und produktivem Geiste auf dem Gebiete rabbinischer und hebräisch-literarischer Thätigkeit, zeigen seine ausgezeichneten Leistungen, die er in einigen für jüdische Theologen höchst nützlichen noch in Manuskript sich befindlichen Werke niedergelegt, und die von seinen Hinterbliebenen zum Druck befördert werden. Das Bewußtsein der treuen Erfüllung seiner Berufspflichten, der Liebe seiner Mitmenschen, und das unerschütterliche durch die gegen ihn gehegte Achtung und Liebe seiner Gemeindeberechtigte Vertrauen, daß sich die Zukunft seiner Familie nicht ganz trüben könne, ließen ihn eines sanften Todes entschlafen. So ist nun ein Mann von der Schaubühne der Welt abgetreten, Lessen Geist an dem Horizonte der jüdischen Wissenschaft hell leuchtete, dessen Herz die Menschheit mit Liebe umfaßte, und dessen ganzes Lebe» — ein stilles Gebet war. Sein Andenken wird gewiß als ein movumeotum sere perennius in der Brust eines Jeden, der ihn kannte und noch mehr in dem Herzen seiner Gemeinde und seiner Angehörigen sortleben. „O, daß ich stürbe der Gerechten Tod, daß mein Ende dem Seinigen gleiche." Schwerin a/W. August 1845. vr. H. H. Joel. Druck von I. B. Hirfchfeld.