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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-03-03 · Heft 10 (3.3.1845) · p. Seite 142

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 10 (3.3.1845)
Date
1845-03-03
Page
Seite 142 (sequence 14)
Language
German
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142 wandtschaft der Menschen bestimmt, und Nationalität ist nach dieser auch von uns getheilten Auffassung die physisch und psychisch eigenthümliche Organisation einer Gesammtheit, welche dieselbe Sprache redet. Von diesem Gesichtspunkt aus wollen wir nun zuvörderst diejenigen Juden betrachten, welchen ihren Dialekt in vollständiger und ausgebildeter Weise reden. Haben diese noch eine eigne Nationalität? Unbedingt nicht, denn die heutigen Juden haben keine eigne Sprache mehr; selbst in denjenigen Gegenden, wo sie nicht die Landessprache gebrauchen, darf man ihnen keine selbstständige Volksthümlichkeit, sondern blos eine andre, fremde, z. B. in Rußland unter den Slaven eine deutsche zugestehen. Haben sie aber Nichts von ihrer Nationalität beibehalten? oder, um der Frage eine noch allgemeinere Fassung zu geben, liegt der von christlicher Seite so häufig vorgeworfenen Nationalität platterdings nichts Wahres, nicht einmal etwas dieser Verwandtes zu Grunde? giebt es Nichts, wodurch sich die in Rede stehenden Juden von den Völkern, zu denen sie gehören, in Rücksicht auf die erwähnten leiblichen und geistigen Eigenthümlichkeiten unterscheiden? Eine derartige Abweichung läßt sich nicht läugnen, sonst würde die Sprache nichts Charakteristisches haben, keine eigne Mundart vorhanden sein; und zwar ist hier nach unserm vorigen Kapitel ein Zwiefaches zu unterscheiden. Die Masse der Juden spricht noch heutigen Tages einen besonder« Dialekt, sie ist also noch ein besonderer Volksftamm geblieben, welcher sich zu den übrigen einfach, wie ein andrer verhält. In diesem Dialeckte kommen aber auch solche Elemente vor, in Rücksicht auf welche derselbe nicht als ein mit anderen in gleichem Range stehender, sondern als ein verkümmerten, mit Grund verpönter, dem freien Leben ungenügender erscheint.^ Im letzten Kapitel fragt der Verfasser nun nach den Mitteln, durch welche die jüdische Mundart entfernt werden könne. Ec findet sie darin besonders, wenn die jüdischen Schulen aufgehoben, und dafür nur Religionsklassen eingerichtet würden. Es schwebt ihm dabei das holländische Volksschulwesen vor, in welchem alles Eingehen auf die Dogmen der verschiedenen Kirchen streng verboten ist, dafür aber für jede Konfession besondere Religionsklassen instituirt sind. Da nun aber sehr viele Lokalitäten und Bedingungen vorhanden sind, unter denen eine solche Maßregel noch nicht möglich ist. so müssen die Lehrer der jüdischen Schulen besonders ihre Wirksamkeit darauf richten, der jüdischen Mundart entgegenzutreten. Als hauptsächlichstes praktisches Mittel schlägt er vor, recht viel Prosaisches auswendig lernen und hersagen zu lassen. Diese ausführliche Darstellung des Inhalts vorliegender Schrift giebt jedenfalls Zeugniß, daß wir den Gegenstand derselben in seiner ganzen Bedeutung würdigen. Wir sind dem Verfasser allerdings zu Danke verpflichtet, daß er die Sache zur Sprache bringt. Was wir aber dem Verfasser geradezu zum Vorwürfe machen, ist, daß seine Schrift so sehr unpraktisch ist. Der Vers, verwendet alle Kräfte, um seine Sache theoretisch zu begründen, da, wo eine theoretische Begründung kaum nothwendig ist, indem ihm wirklich jeder Vernünftige sofort bekfallen wird. Gelangt man nun aber zur praktischen Seite der Sache, so kann man nicht oberflächlicher sein, als es der Verfasser ist. Und doch ist es eine durch und durch reelle Sache, die er bearbeitet. Unpraktisch ist es schon, wenn er die soziale Kultur als eine neue Richtung im Judenthume ausgiebt. Seit 70 Jahren schreiten die Juden riesenhaft und unaufhaltsam in der Kultur vor, ihr ganzes Leben, ihre ganze Wirklichkeit hat sich zauberhaft umgestaltet, ihr ganzes reelles Wesen ist ein anderes geworden — und nun kommt der Verfasser und sagt: die soziale Kultur ist eine neue Richtung. Es mag immerhin noch viel „gemauschelt" werden unter den Juden, es wird aber gewiß überwiegend schon richtig und gut gesprochen unter ihnen, als daß wir das Weitere erst als Erfolg einer neuen Richtung anzusehen hatten. Seit 40Iahten sind Vereine zur Beförderung der Handwerke thätig, und dies sollte eine neue Richtung fein? Allerdings haben die Emanzipation und die Kultusreform mehr Raum in der Literatur eingenommen, als die soziale Kultur. Aber dies ist sehr natürlich: weil jener Bearbeitung mehr Sache der Literatur, die soziale Kultur mehr Sache des Lebens ist — würde diese da nicht seit einem halben Jahrhundert Platz gegriffen haben, könnte die Literatur darin wenig helfen. Unsere publizistische Literatur wendet der sozialen Kultur gewiß auch in bedeutendem Maße ihre Aufmerksamkeit zu. Der Verfasser mag nun darin Recht haben, daß immer mehr Aufmerksamkeit auf die soziale Kultur gelegt werden soll, aber eine neue und besondere Richtung können wir darin nicht erblicken. (Schluß folgt.)

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