Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 9 (24.2.1845)
- Date
- 1845-02-24
- Page
- Seite 120 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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120 bitter der israelitischen Lehre abwechselnd einer alljährlich an seinem Todestag ein stilles Gebet halten und dafür lOTHlr. für sich nebst einer jährlich wachsenden Summe zur Vertheilung. an die Armen erhalten soll. Da nun am 6. Januar die Geistlichen sich weigerten, den Wunsch des Verstorbenen zu. erfüllen, so kam die Reihe, das Gebet zu halten, an den Kantor der israelitischen Gemeinde, der die erhaltenen 10 Thlr. den christlichen Stadtarmen geschenkt hat. (Fr. I.) Berlin, 16. Februar. (Privatmitth.) Ich habe kaum geglaubt, daß meine in No. 5 ausgesprochene Ansicht so schnell einen faktischen Beweis erhalten würde. Während in den wichtigsten Städten des Königreichs Petitionen freiwillig von den Stadtbehörden an den Landtag um Emanzipation der Juden ausgingen, hat man dies hier, in der hochgebildeten Residenz, nicht allein unterlassen', sondern auch da die Juden darum einkamen, hat sie der Magistrat zurückgewiesen, unter dem nichtigsten Vorwände zurückgcwiesen, um Emanzipation könnten sie nicht nachsuchen, 'das wäre zu allgemein (!), sie sollten die einzelnen Beschwerden aufführen — als wenn der Magistrat, wenn er nur von Rönne und Simon aufschlägt, die nicht finden konnte._ Nun, ihr Juden in der Provinz, habe ich Recht? Die berliner Gesetzgeber werden schwerlich der Emanzipation zustimmen. — Man hat nun eine Petition unter den Bürgern in Umlauf gesetzt, allein von einem nachhaltigen Erfolg habe ich noch nichts vernommen. — Ich kann nicht umhin, hier einer lächerlichen Preziösität der Aachener Zeitg. zu erwähnen. Dieses höchst freisinnige Blatt, welches nicht vornehm genüg auf die norddeutschen Blätter hinabsehen kann,, dieses Blatt, welches den Reformverein in Frankfurt am Main, und deren Staatszeitung, den Israeliten von Heß, nicht genug in den Himmel erheben konnte, das aber zu allen ultramontanen Bewegungen am Rhein — kein Sterbenswörtchen zu sagen wußte und weiß, ja recht lange Berichte über die schönen Fackelzüge, brachte, sagte neulichst: „Die hiesigen Vorlesungen des bereits früher als Philologe bekannten 0r. Stern über die heutige Bedeutung des Judenthums und seiner Zukunft machen Aufsehen. Hr. Stern schließt sich entschieden den Reformbestrebungen an und hat dadurch eben so viel Beifall bei den liberalen Bekennern des Judenthums, als Widerspruch bei den orthodoxen Anhängern erregt. Die Zahl seiner Zuhörer wächst mit jeder Vorlesung; die erste hat er auf vielseitiges Verlangen wiederholen, müssen. Die Sache hat Bedeutung, insofern man dieselbe in Zusammenhang mit allgemeinen Zeittendenzen auffaßt und in dem einzelnen Faktum und seiner Gestaltung wieder nur den Ausdruck eines allgemeinen Bewußtseins wahrnimmt."— Wie vornehm! Freilich, wenn sich irgend ein unbedeutendes Individuum taufen läßt, so ist das so wichtig, daß ein ausführlicher Bericht durch alle deutsche Zeitungen die Runde macht; aber eine tüchtige, geistreiche Durcharbeitung des Judenthums muß man erst mit den allgemeinen Zeittendenzen in Verbindung bringen, um sie erwähnenswerth zu finden!,! Ihr lächerlichen Helden! Aus dem Großherzogthum Posen, 12. Februar.. (Privatmitth.) Wenn man die jüdischen Verhältnisse in unserm Großherzogthum richtig fassen will, so muß man sich namentlich von allen Parteilichkeiten fern halten. Es wird hier nichts leichter als schmähen sein, und dennoch ist der Geist im Allgemeinen lobenswerth. In unserm.Lande ehrt man das Alte und achtet man das Neue, man giebt sich Letzterm nicht leidenschaftlich hin, sondern erwartet von der Zeit erst die Abklärung, aber man beschränkt sich nicht auf das Alte, sondern folgt den Zeitbestrebungen mit Interesse. Praktisch übt man daher das alte Wesen noch ganz und gar, eine wesentliche Abweichung würde man nicht billigen; aber das Talmudstudium hat sehr verloren, wird nirgends mehr mit Eifer betrieben, und man erzieht die Jugend zu der Gestaltung der Zeitbedürfniffe. Wir finden daher durch das ganze Großherzogthum ziemliche Ruhe verbreitet, hier und da löblichen Anfang der Kultusverbesserung; aber eine Vorliebe, für die älteren Rabbinen macht sich überall geltend, ohne daß man dennoch diese in der Umgränzung ihrer Kräfte nicht verstünde. Man weiß, daß. sie in gewissen Beziehungen Nichts leisten können, aber man ist mit dem, worin sie exzelliren, noch zu sehr befreundet, um es irgend entbehren zu wollen. Pa-erborn, 15. Februar. (Privatmitth.)