Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 9 (1845)
- Issue
- Heft 8 (17.2.1845)
- Date
- 1845-02-17
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
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98 Mit gebeugtem Angesichte. Langsam schritt der Hohepriester — Wie bas. Herz ihm schlug und bebte In den Raum des Allerheil'gen, Wo die Wolke dunkel schwebte: Sieh, ec legt das goldne Schildlein, Die gewirkten Kleider nieder Und die Pracht der Edelsteine, Weißes Linnen deckt die Glieder — Langsam schritt er: ob der Ein'ge Seine Sühne annimmt gnädig? Ob ec losgesprocheu rückkehrt Zur Gemeind', der Fehle ledig? Denn die Hand dort über'n Wolken, Die den Strahl der Sonne sendet, Wirft die Flamme auch des Blitzes, Daß der Frevler spurlos endet! Sieh', sie harren seiner ängstlich, Lauschen, bangen — horch, er schreitet, Aus dem Vorhang tritt er, mächtig Er die Hände segnend breitet. Nennt den dreimalheil'gen Namen, Und die Menge stürzt zur Erden, In den Staub die Bundessöhne, Die versöhnt dem Ein'geü werden. Einmal aber war der Vorhang Von dem Sturm der Zeit zerrissen, Ausgebrannt des Tempels Mauern — Schakal lagert in den Rissen*) — Und die Hallen rings zerbrochen, Und der Altar war zerstoben — Doch die Fluren ringsum grünen. Und der Himmel lächelt droben. 3. Als noch der Mensch in jugendlicher Fülle Die Flur betrat: sein klares Auge schaute Ringsum, hinauf, hinab, nach allen Seiten, Und faßte schnell die wechselnden Gestalten. Die barg er in sich, und es klangen wieder Der Seele Saiten vom erfaßten Dinge, Wie es ihm frisch zum weichen Herzen drang. *) Midr. echah rab. 60, 1. So war die Brücke kräftig ihm geschlagen, Die mit der Außenwelt den Geist verband, Natur und Geist, sie waren eng verschlungen. Zwar sank sein Blick nicht in die Tiefen ein. Und sein Verstand verstand noch nicht zu sinnen: Nicht nach dem Wie? nach dem Warum? die Frage Bemächtigte mit Streit und Zweifel sich Des Schauenden— unmittelbar berührte Ihm jed' Gestalt ein inneres Gefühl, Und das genügte -zum Verständniß ihm. Doch war der Geist in seiner Brust lebendig, Die Schwingen rauschten, und hinaus, hinaus Wollt' auch der Geist, was innen ihn bewegte, Der Außenwelt zu der Erscheinung bringen. Da quoll es ihm in irgendec Gestalt Unmittelbar aus seines Busens Räumen, Und stellte sich, statt Wortes und Gedankens In wahrnehmbaren Formen vor das Auge: Die Welt war ihm des schlummernden Gedankens Symbol — den schlummernden Gedanken brachte Aus seiner Brust verständlich das Symbol. Da kam das Wort — Licht war es ohne Schatten, Hell rühct's das Auge, das noch blöde war. Es lag das Wort den Geistern in der Tiefe, Doch konnten sie sich deß noch nicht bemeistern: Da schlug das Wort noch einmal in die Hülle Sich des Symbols, das Wort und den Gedanken Vermittelnd für den kindlich schwachen Geist. Symbol, und Lehre lebten bei einander. Sich wechselseitig tragend und erhaltend. Es war nicht mehr die äußere Erscheinung, Es war die Lehre im Symbol verborgen. Und immer weiter rann der Strom der Zeit. Die Lehre ward lebendig in den Geistern, Die im Gedanken frei und leicht sich regten. Und das Symbol starb ab — doch als der Vorzeit Ehrwürd'ges Ueberkommniß, als der Vorzeit Gesetz verehrte man's, vollzog's in Ehrfurcht, Geheimniß glaubend, wo die Lehre offen Die Wahrheit schon mit Hellem Wort verkünd'te — Bis vor dem Sturm der Zeiten einst versank Die gold'ne Lad', der Vorhang riß> der Altar Zerstob, die Halle brach, der Priester wich.