Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1845-01-13 · Heft 3 (13.1.1845) · p. Seite 37

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
9 (1845)
Issue
Heft 3 (13.1.1845)
Date
1845-01-13
Page
Seite 37 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225389-3225393--06611-3236450
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

37 In diesem großen Staate, der so viele Völkerschaften umfaßt, finden sich auch die verschiedensten Zustände und Charaktere der Juden, die mit denen des Landes sehr korresspondiren. Mit Kurzem brauchen wir nur auf Böhmen und Mahren hinzuweisen, wo die Juden ganz jenen stabilen, von den Wirren der Außenwelt, aber auch von den geistigen Bewegungen und Produktionen der Außenwelt isolirten Standpunkt einnehmen, der die Einwohner jener Lander überhaupt bezeichnet. Seit Jahrhunderten sind die Charaktere und Zustande dieser Länder fertig, und die Neuzeit hat wenig Raum gefunden, daran zu haften und zu modifiziren. Finden sich hie und da Elemente der neuern Zeit vor, nun so läßt man sie gewähren und sich zurecht rücken, so lange sie keine allgemeine Geltung in Anspruch nehmen. In Prag und Teplitz bestehen die neuen Tempel, ohne daß sie einen wirklichen Kampf gekostet, aber auch ohne daß sie eine wesentliche Folge gehabt haben. Hie und da hat man in Böhmen und Mähren Choralgesang, deutsche Predigt, aber ohne daß sie mehr als eine lokale Färbung und Bedeutung gewonnen haben.— Galizien wird von dem geistig begabten, aber in seiner beschränkten Sphäre verbleibenden Polen bewohnt. Auch hier hat der Jude diesen Charakter. Es wäre sehr ungerecht und falsch, wenn ich sagen wollte, daß der galizische Jude nicht sehr viel geistig lebe. Aber dem polnischen Charakter gemäß ist es nur — ein persönliches, ein individuelles geistiges Leben, das von der Allgemeinheit, von allgemeinen Prinzipien und Tendenzen keinen Begriff hat. Jeder bringt es in der ihm zugänglichen Sphäre so weit er kann, von einer andern Sphäre hat er entweder gar keinen Begriff, oder er verachtet sie, da sie nicht zu seinem Ich gehört. Was daher Neues unter den galizischen Juden geschieht, geht nur von Individuen aus, und beruht nicht auf einem allgemeineren Bedürfniß. Möglich ist es, daß sich das Neue so viele Zöglinge erzieht, daß es zuletzt ein Allgemeines wird; es kommt nur darauf an, ob es recht Viele in sein Interesse zu ziehen versteht. Sie müssen dabei persönlich sich interessirt halten: dann kann man aber auch auf den eisernen Willen des Polen rechnen, der, wie man zu sagen pflegt, mit dem Kopfe durch die Wand rennt. Gerade darum ist im gesegneten Kaiserstaate das einzige Land der Bewegung unter den Juden — Ungarn. Auch hier dem Landesbewohner gemäß, ist vorhanden: große und leichte Aufregung, hingegen ein Minimum von Ausdauer, schneller Wechsel der Ansichten und Tendenzen. Man fängt mit großem Feuer an, um morgen gleichgültig, wenn nicht verächtlich darauf hinzusehen. Man braucht dem Magyaren nur Zeit zu lassen sich abzukühlen — und er wird es; obgleich Du nicht sicher bist, ob er in einiger Zeit die Sache nicht wieder von Neuem aufgreift. Bei den Juden Ungarn's findet man davon fast in jeder Gemeinde Beispiele. Wenn ich die Allg. Zt. d. Jud. in ihren letzten Jahrgängen betreffs Ungarn's durchblättere, begegne ich dem aller Orten. In wie vielen ungarischen Gemeinden wurde die Errichtung einer geordneten Schule mit ungeheuren Kämpfen durchgesetzt: „man suchet sie — sie sind nicht mehr! Nach wenigen Jahren sind sie verfallen, und vegetiren nur noch. Wie Pflanzen, die in einen mit Dammerde nicht versehenen Boden gewaltsam gesetzt sind, vergehen sie schnell, da ihnen keine fruchtbare Grundlage gegeben worden. Ein Gleiches ist es, mit der Kultusreform, die freilich noch an wenigen Orten einen Platz gefunden. Aber auch bei, in das praktische Leben noch viel mehr greifenden, ganz naheliegenden Gegenständen ist dies der Fall. Was haben die ungarischen Juden sich bemüht, um die rückständigen Toleranzgelder in Ordnung und Vergleich zu bringen. Se. Maj. der Kaiser hat ihnen eine große Verwilligung zugestanden, und die Summe auf fast die Hälfte herabgesetzt — und nun ruht die Sache! — Dabei ist sie höchst wichtig, die Abtragung dieser Schuld der Vergangenheit würde für die Zukunft segensreich sein; es wäre ausgestrichen für immer dieses Wort, und mit ihm diese Idee aus dem ungarischen Wörterbuche; die bürgerliche Gleichberechtigung hätte daran eine sachliche Unterlage, die einen festen Bau verspräche; der allgemeine Eindruck würde ein erspießlichev sein — denn wer aus dem Muß der Vergangenheit herauswill, der muß diesen Willen vor Allem selbst, thathkräftig bekunden, der muß ein Opfer nicht scheuen, der muß überhaupt als ein moralischer Korpus dastehen, den für das Allgemeine zu gewinnen, einen Vortheil verspricht. Mögen dies die ungarischen Juden wohl bedenken, und nicht ewig zögern. Man sagt sonst: „Ihr wollt nur haben, nichts geben; man soll Euch verwilligen, und Ihr Nichts." —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.