Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 7 (1843)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1843)
- Date
- 1843-08-28
- Page
- Seite 518 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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518 Glauben an einen reinen Monotheismus mit demselben Zusammenhänge. WaS mich an das Judenthum fesselt, und mir seine Bekenner näher stellt, als andere, ist das reine Pflichtgefühl der Pietät. Ich fürchte, daß der Lheil des Volks, welchem die Intelligenz und die Kraft fehlt selbstständig fortzuschrciten, sich ans Derzweifelung wieder an den abgestorbenen alten Glauben klammern, die Leiche des positiven Judenthums, für deren Ausschmückung durch Reden, Konfirmationen, Choralgesang, mystisch philosophische Deutungen, und wie die Maskeraden sonst heißen, unsere Theologen bereits allenthalben bemüht sind, für ein lebendiges halten und so auf Jahrhunderte wieder von den religiösen Fortschritten abkommen wird, die im christlichen Europa sich unaufhaltsam entwickeln.- Ich fürchte, daß der intelligentere Theil den Lockungen des Christenthums auf die Dauer nicht wird widerstehen können, des Christenthums, das dem Gewissen einen so weiten Spielraum läßt und zu dem -die Indifferenz christlicher Priester den Uebergang so leicht gemacht hat, daß man in den Bahnhof des Judenthums ein und in dem geräumigern des ChristenthumH^aussteigt, ohne nur zu merken, daß man seinen Ort verändert hat. Ich halte es für unsere Pflicht hier einzuschreiten; ich halte es für Pflicht in den alten Schutt eine möglich breite und hohe Bresche zu schießen, durch welche die Luft geistiger Frische, wie sie seit Spinoza in immer weiteren Kreisen durch das Christenthum zieht, endlich in das Judenthum eindriugen könne. Das ist mir die Seele der Reformbestrebungen, zu der sich alle übrigen Gründe nur wie die körperliche Hülle verhalten. Der Endpunkt der Reform ist mir klar, es ist die Vernichtung des positiven Offenbarung sglaubens; weniger klar ist der Ausgangspunkt, wenn er nicht ganz allgemein so ausgedrückt wird, daß gegen die Orthodoxie angekämpft werden müsse. In so fern sich die Reform nur auf einen Theil der Juden erstrecken kann, lassen sich zwei Wege einschlageu. Von der einen Seite kann man die Negation des Bestehenden gleich so weit fassen, daß sich voraussichtlich nur ein kleiner Theil der Juden im ersten Moment anschtießen wird. Das war der Gedanke, von dem wir bei unseren ersten „Erklärungen" ausgingen. Wir wußten sehr wohl, daß wir, indem wir uns selbst an die Bibel wagten, das ganze Meutegebell christlicher und jüdischer Staats¬ und Glaubenspfaffen uns auf den Hals ziehen würden, aber wir hoffen, daß die Bessern in diesem Kampfe um so mehr erstarken würden. Andere, obwol in der Gesinnung mit uns einverstanden, riethen me Ausführung erst allmälig in der Zeit reifen zu lassen, and ö o r l ä ü - fig nur das zu negiren^ worüber man auch in weitern Kreisen einig sei, und tvörin man von außen weniger Einsprache zu erwarten habe. Der Talmud hat das orth. Judenthum zu einer Gallert gemacht, die immer wieder zusammenlief, so viel sie auch Männer, wie Aben-Esra mit der Schüfe des Verstandes durchschneiden mochten. Von dieser Knechtschaft müssen wir uns vor allen Dingen befreien. Damit ist aber zugleich der Weg in's Innere der Bibel gebahnt, denn sobald die Tradition fällt, beginnt die freie Interpretation, da die Bibel nur auf die eine oder die andere Weise verständlich ist. Damit nun aber die Reform nicht in einen stumpfsinnigen Bibelgtauben ausarte, haben wir die Erklärung hinzugefügt, ad I. daß wir unfern vererbten Glauben einer fortdauernden Entwickelung fähig halten, wodurch wir uns den Weg zu den letzten und höchsten Resultaten der Philosophie offen gehalten haben, ad II. Die Refutation des Talmuds ist zugleich nöthig, um uns von der Autorität der Rabbiner zu be-. freien, der, wie mir scheint, gar vieles zur Last fällt, was man gewöhnlich den Staatsregierungen aufbürdet. Ich bin z. B. überzeugt, daß keine Regierung etwas gegen die Wiederverheirathung einer nicht vom Schwager losgesprochenen Frau hat, sobald sich nur ein Rabbiner findet, der sie traut. Ich bin überzeugt, daß z. B. hier iw Lande kein Mensch sich darum kümmern wird, ob ich meine Kinder beschneiden lasse oder nicht, wenn nicht etwa der Rabbiner Lärm schlägt und erklärt, daß ein Unbeschnittener kein Jude ist. ad III.Was nun die Ablehnung des Messiasglaubens betrifft, die du ebenfalls als Bagatell behandelst, so halte ich sie nicht bloß für eine Nothwendigkeit des Fortschritts, sondern sogar für eine Ehrensache; ich betrachte sie als eine Ehrenerklärung, die wir uns und unfern christlichen Mitbürgern schuldig sind. Die meisten deiner Einwürfe treffen die „Erklärung" schon aus dem Grunde nicht, weil sie gar nicht ausdrükken soll, daß alle Unterzeichner nur diese Punkte im Judenthum negiren, sondern vielmehr, daß alle diese Punkte sicher negiren. Der Vorwurf, daß wir in der Unwahrheit sind, weil wir nicht der Staatsregierung entgegen zu treten wagen,