Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 7 (1843)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1843)
- Date
- 1843-08-14
- Page
- Seite 497 (sequence 17)
- Language
- German
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497 gelegt, müssen jedem Rechtschaffenen heiliger Beruf und Stimme Gottes sein, daher uns auch diese Pflicht so wichtig ist, daß sogar die Religion jeden Israeliten, so lange er als Krieger dem Vaterlande dient, von der Beobachtung derjenigen Zeremonial- Gesetze befreit, die mit dem Militärdienst unvereinbar sind. Und was müssen wir nun daraus folgernd Daß wir noch weit mehr verbunden sind, einem Staate mit allen unseren Kräften' zu dienen, der wirklich unser Vaterland ist, der uns liebreichen Schutz, Gerechtigkeit und Sicherheit genießen läßt, der uns so mannigfaltige und nützliche Anstalten und Gelegenheiten zu unserer Vervollkommnung darbietet und zur Entwickelung aller unserer Kräfte behülflich ist, und dessen Gesetze uns demnach gleich den religiösen Geboten heilig sein müssen." — Dies mag genügend darthun, daß die mosaische Religion nicht weniger als die christliche ihre Bekenner mit dem Vaterlande und mit dem Staate in die innigste Verbindung zu bringen geeignet ist. Es ist vielfach behauptet worden, daß in der Sammlung von jüdischen Religionsschriften, welche man Talmud nennt, verwerfliche und staatsgefährliche Lehren enthalten seien; allein die genauesten Forschungen haben dargethan, daß diese Behauptungen, wenn nicht auf Böswilligkeit, dann doch auf Mißverständnissen beruhen, Mißverständnissen, die durch das Herausreißen einzelner, nur im Zusammenhang erklärlicher Sätze herbeigeführt wurden und um so schwerer durch eine gründliche Interpretation des Talmud selbst zu beseitigen waren, als es unter den gelehrten Orientalisten nur selten einen gegeben hat, der das aramäische Idiom des Talmud verstand und dem sonach das Original zugänglich war. Für uns genügt vollkommen der Umstand, daß der Talmud keineswegs als Lehrbuch in den jüdischen Schulen gebraucht, sondern nur als ein Gegenstand der gelehrten Forschung betrachtet und demnach nur selten von einzelnen Israeliten gelesen wird. In dem bereits angeführten jüdischen Lehrbuche heißt es Seite 96: „Der Talmud ist kein Gesetzbuch, sondern eine Sammlung verschiedener Erklärungen und oft sehr abweichender Meinungen, theils über Gegenstände, die den Kultus und die Ritualgesetze betreffen, und theils über Entscheidungen in Rechtssachen, die zwar jetzt mehrentheils unanwendbar sind, da bekanntlich das: „„die Gesetze des uns schützenden Staates haben vorzüglich bindende Kraft,"" überall vorherrschender Grundsatz ist. Ferner enthält die Sammlung viele Legenden, Parabeln und allegorische Dichtungen , die meistens einen tiefen Sinn, aber oft eine schwer zu enträtselnde Bedeutung haben, mitunter auch sehr schöne.und gehaltvolle Sittensprüche und Lebensregelm Der Talmud wurde übrigens nie zu den heiligen.Büchern gezählt, noch weniger ist es eine Volksfchrift. Dem Gelehrten von Proffession aber ist er ein schätzbares Handbuch, worin er in manchen Fällen sich Raths erholen und erfahren kann, wie die Alten (jüdischen Kirchenväter) in gewissen — freilich jetzt oft sehr veränderten Umständen gedacht und gehandelt haben." -r- Wenn nun die Lehren des Mosaismus nicht nur nichts Feindseliges gegen den Staat enthalten, sondern sogar ihren Bekennern Gehorsam, Treue, Hingebung gegen König und Vaterland zur Pflicht machen, mit welchem Rechte darf dann der Staat sie durch Beschränkung drückend Wohin würde es führen, wenn der Staat in das Innere der religiösen Ueberzeugung feiner Angehörigen eindringen, sie über ihr Verhältniß zu ihrem Schöpfer , zur Rechenschaft ziehen und ihnen, nach Maßgabe der Resultate dieser Prüfung, Rechte bewilligen oder verweigern wollte? Würde nicht, bei einem solchen Grundsätze jede Konfession der Gefahr. ausgesetzt sein , früher oder später in ihren staatsbürgerlichen Verhältnissen beschränkt.zu: werdend Untersuchen wir nun, in wie fern der Anspruch der Israeliten auf eine staatsbürgerliche Existenz von den frühesten Zeiten bis jetzt Anerkennung gefunden, so sehen wir den Genius der Geschichte trauernd seinen Blick niedersenken, und es möge mir erlassen werden, Ihnen die Bedrückungen' und Qualen zu vergegenwärtigen, mit denen Jahrhunderte hindurch, namentlich auch in Deutschlanddiese Unglücklichen verfolgt wurden. Mehr noch als in vaterländischer Beziehung müssen wir die grausame. Verfolgung der "Juden, von einem höheren Standpunkte aus, als Christen, betrauern;: das Christenthum lehrt uns in jedem Menschen das göttliche Geschlecht, das Ebenbild Gottes, erkennen, es will nur durch den Geist der Wahrheit, durch die Macht der Ueberzeugung siegendes ist die Religion der Sanftmuth, der Liebe, — und in ihrem heiligen Namen wurden jene Gräuel verübt! Doch wenden wir uns weg von diesen betrübenden Erinnerungen zu dem freundlicheren Bilde, das 33 **