Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 7 (1843)
- Issue
- Heft 14 (8.4.1843)
- Date
- 1843-04-08
- Page
- Seite 221 (sequence 13)
- Language
- German
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221 gar nicht wissen, warum sie Juden sind. Die Rabbiner sind — Reliquien des dumpfen Mittelalters: woher also zeitgemäße Reform in Schule und Gotteshaus? Jeder Einzelne hangt mehr am Materiellen, Oberflächlichen, gleichsam an der Schale der Zivilisation (des Deutschthums); der innere gesegnete Kern derselben bleibt aber unberührt, und, was das Schlimmste ist, diese Halbheit in Mißkenntniß ihrer selbst tödtet sich, weil sie sich für todt halt. Frägt man einem, warum geschiehet in euerer Gemeinde für das Judenthum, nichts? so bekommt man zur Antwort „mit Juden (npsn ^2) ist nichts anzufangen, hier wird man nichts ausführen. In Judensachen muß man sich gar nicht mischen" u. dgl. Erbauliches und so bleibt's am Ende da, wo es nicht sollte, und jedes Gute wird durch Mißtrauen zu sich selbst schon im Keime erstickt. — Jüdische Aerzte giebt's in Westgalizien nicht wenige, Rechtsgelehrte hingegen, unseres Wissens, keine; dafürl aber viele jüdische Kannengießer oder sogenannte Polistranten, die wir spater näher kennen lernen werden. — Mit einigen Worten verdient Zolkiew, ein zwar kleines Kreisstädtchen unweit Lemberg, doch wegen des Aufenthaltes einiger literarischen Nobilitäten besonders ausgezeichnet, hier berührt zu werden. Die Lage dieser kleinen Stadt ist sehr romantisch. Sie ist von der nördlichen Seite durch eine unabsehbare blühende Ebne begränzt, während sie von der andern südwestlichen Seite in einiger Entfernung von einem gebirgigen Halbkreise umgeben ist, dessen erhabener, bis in die Wolken hochragender, mit frischem Grün und dichten Gesträuchen bedeckter Rücken, an die erhabene Alpennatuc erinnert. Hier aufdiesen romantischen Höhen von stiller Einsamkeit umgeben, wandelte der so früh seinen ihn andetenden galizischen Brüdern schmerzlich entrissene — Krochmal fast täglich wahrend vierzehn Jahren, (nämlich seit seiner Verheirctthung bis zu seiner Ueberfiedelung, als Wittwer, nach seinep Vaterstadt Brody und dann nach Tarnopol, wo er auch starb); hier war's, wo sein Riesengeyie sich selbst die Pforten der Wissenschaft geöffnet, und in ihr tiefstes Heiligthum, wie selten Einer eingedrungen ist; hier war's, wo er manchem hochbegabten, aber leider wie so oft in Galizien in seiner Erziehung vernachlässigten Jüngling die Augen geöffnet und ihm die Herrlichkeit einer nie geahneten hohem Welt gezeigt; und in der That, wer hätte nicht bewundern mögen den polnischen Juden in seinem unverkümmerten Natkonalkostüm, der auf einem einsamen Berg um ein kleines entlegenes Städtchen in Galizien in der Gesellschaft eines Mendelsohn, Kant, Schellkng, Hegel, Kepler und Newton und der prächtigen unsterblichen Männer in den sämmtlichen Gebieten des menschlichen Wissens tagelang verweilen, oder besser, sein ganzes Leben zubringen konnte? — Wer müßte es nicht freudig ^bewundern, nunmehr die keimende Frucht jenes schönen Saamens zu erblicken, den der große Mann in trüben Tagen „als noch Finsterniß die Erde deckte und Nebel die Nationen," auf einen damals undankbaren Boden hoffnungsvoll und unermüdlich ausgestreuet? — Wer hat diesen großen Mann, groß durch die reiche Fülle seines Wissens, doch größer noch durch seinen biedern Charakter und seine musterhafte Bescheidenheit, gesehen und gekannt und nicht dabei geliebt und bewundert? — Fern von diesem gesegneten Boden, den Zeugen seiner Jugendjahre, ruhet seine irrdische Hülle, allein sein Andenken ist da im Munde Aller (selbst seiner Widersacher, der bornirten O.cthodoxen) geehrt und geachtet. Noch findet sich da ein schöner Kreis vonHreunden, die einen Theil seines Daseins mit ihm mktgemacht, und die selbst schon im Felde der jüdischen Literatur eine wohlverdiente Berühmtheit sich erworben haben. So findet man da z. B. den hochgelehrten Kceisrabbiner Hm. Chajes, der bei einer sicherem Charakterfestigkeit, Selbstständigkeit und Konsequenz sicherlich zu seinem schönen literarischen Ruf, gewiß noch den eines erleuchteten treuen Hirten und eines musterhaften. Rabbiners für Galizien sich erworben hatte. So ist der rühmlichst bekannte hebräische Geograph und zierlichste Stylist Bloch in, oder eigentlich nahe bei Zolkiew (in Kilikow) zu Hause, und so verkünden von weiter Ferne die klassischen Lieder eines Letteris, seinen Ursprung von dem, vom Geiste Krochmal's durchweheten Zollkiew.— Wir gelangten nun in die Provinzial-Hauptstadt Lemberg. — Die Stadt liegt in einem tiefen Kesselthal, umgeben von hohen Sand- und Lehmbergen (daher der Name), so daß die Stadt bei ihrer nicht unbedeutenden Größe dennoch erst unmittelbar beim Eintritt in dieselbe entdeckt wird. Diese Stadt ist regelmäßig gebauet, hat viele schöne, ja großartige Häuser, symmetrische Gaffen und einen netten Ringplatz. An die Stelle des vor einigen Jahren zusammengestürzten alter-