Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 7 (1843)
- Issue
- Heft 13 (1.4.1843)
- Date
- 1843-04-01
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
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194 Herren dieser Gegenstand ganz unbekannt ist, und sie nur Ln's Blaue hinein ein Urtheil fällen — wie es ihnen gefällt. Gegen diese „Nach- und Nach-Männer" zog der Abg. Todt kräftig zu Felde. „Der eine Theil erklärt, eine Emanzipation der Juden sei überhaupt bedenklich, der andre Theil, (und dazu gehören die Meisten, wenigstens sagen sie dies) die Emanzipation sei zwar eine Forderung der Gerechtigkeit, aber sie müsse nach und nach erfolgen. Dieser Partei schließen sich sehr Viele um deswillen an, weil sie auf der einen Seite zu erkennen geben können, daß sie die Forderungen der Zeit nicht aus den Augen setzen, aber indirekter Welse gleich wieder Gelegenheit haben, das Geforderte abzulehnen. Was heißt denn nun nach und nach? Im Jahre 1838 sind den Israeliten einige Erleichrerungen geworden. Nach fünf Jahren geht eine Petition ein, daß diese möchten vermehrt werden. Nun findet man aber, es sei dies zu bald, und sagt, sie hätten erst bei dem nächsten Landtage kommen sollen. Ich bin aber überzeugt, daß, wenn die Juden am nächsten Landtage gekommen wären, man sie wieder auf den nächsten Landtag vertröstet haben würde. Man würde auch dann gesagt haben, sie dürften nicht so schnell kommen. Wenn man mir nicht sagt, wie dieses „nach und nach" zu verstehen ist, so bin ich der Meinung, man ist gegen die Emanzipation. Ist dies aber nicht der Fall, so spreche man sich sofort für Emanzipation aus und hülle sich nicht in das ,-nach und nach", was einer so vieldeutigen Auslegung fähig ist." „Wenn so lange gewartet werden soll, ehe den Inden Rechte eingeräumt werden, bis ibre moralische und intellektuelle Bildung vollendet ist, so ist das eine petilio principii. Wir können nicht sagen, die Juden sollen warten, bis ihre Bildung weiter vorgeschritten, ist, sondern wir müssen sie emanzipiren, damit sie jenen Höhepunkt der Bildung erreichen." Jndeß konnte der wackre Redner viele seiner Kollegen nicht überzeugen, denn trotzdem verla'ngte der Abg. a. d. Winkel immer noch nach Erfahrung*). Der letzte Redner in der allgemeinen Debatte war der Abg. v. Thielau. Er widerlegte kurz und schlagend alle Einwürfe, die in der a. Deb. vorgekommen, und wir ' *) Möchte doch gegnerisch nicht ganz vergessen werden, daß wir schon so viele Jahrhunderte warten, und unsre Erfahrung die trübseligste ist. führen daher hier seine Rede vollständig an, „Die.jetzige Debatte hat mir gezeigt, wieviel Gründe sich aufsteüen lassen, um Etwas zu verweigern, was man nicht bewilligen will. Sie kommen alle darauf hinaus, daß man Jemandem, der zu einem kommt und spricht: Ich bin durstig, gieb mir zu trinken, antwortet: Mein Freund, wie gern, aber du bist warm und könntest dir Schaden thun; oder es kommt ein Hungriger und bittet um Brod, und man sagt ihm: Mein Freund, wie gern, aber du möchtest dir, wenn du jetzt äßest, den Magen verderben. Gründe lassen sich freilich immer auffinden, aber von allen der einzige Grund, welcher Etwas für sich hat, ist der, daß Dresden und Leipzig die einzigen Städte sind, welche Juden in ihren Mauern beherbergen. Alle andern Gründe habenfür mich keinen Werth. Mich erinnert diese Debatte über die Emanzipation der Juden sehr lebhaft an die Debatten über das Recht, ein Handwerk oder Handel auf dem Lande zu treiben. In der That, das platte Land befand sich damals und befindet sich noch den Städten gegenüber in derselben Lage, wie W Juden in Dresden und Leipzig den Christen gegenüber. Man hat dasselbe angeführt wie heute, nur daß man den Gegensatz der Christlichkeit nicht brauchen konnte. Das Interesse -des Einzelnen, sagt man heute wie damals, müsse zwar der Gesammtheit untergeordnet werden, nicht auf einmal, soudern nach und nach, damit das Land sich daran gewöhne. Man hat-zu Gunsten 'Einzelner damals ebensowenig das langjährige Unrecht vergütet, indem man die Handwerke .auf die Städte beschränkte und den' Gewerbsbetrieb auf dem Lande nicht..freigab, als man jetzt aus denselben, wenn auch verborgenen Gründen den Juden die Menschenrechte vorenthält. Man sagt, die Juden hätten auf gesetzwidrige Weise das zu erlangen gesucht, was ihnen untersagt sei. Thun das die Christen nicht auch? Ich möchte fragen, ob das so selten ist, daß christliche Handwerker oder Handelsleute Etwas zu erlangen suchen, was ihnen nach dem Gesetze nicht zusteht. Ich frage aber.: ist das ein Wunder, daß der Jude das zu erlangen sucht, wovon seine Existenz einzig und allein abhängt? Daß er lebe und sich nähre, darum handelt es sich, daß ist eine Lebensfrage. Man sagt, mam müsse auf-die Ansichten und Vorurtheile des Volkes Rücksicht nehmen. Ja das thue man; aber nur dann, wenn diese Ansichten begründet.sind. Vorurtheile, die im Volke wur- , zeln, also Ansichten, die nicht richtig sind — und solche nennt man nur Vorurtheile — muß man ausznrotten suchen. Also Vorurtheile wurzeln im Volke gegen.die