Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 7 (1843)
- Issue
- Heft 10 (11.3.1843)
- Date
- 1843-03-11
- Page
- Seite 155 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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155 gewöhnlich mit einer, mitten' unter andern Völkern sich auszeichnen wollenden Nationaltracht verbunden sind: nämlich, jede Abweichung vom Alten, Hergebrachten, wird als, eine Verketzerung, als ein Abfall von den Sernigen betrachtet. Und so wie die vermessene Neuerungssucht eines jungen Schwiegersohnes, sich seine Cravatte (Halstüchel) um einen halben Zoll breiter, oder seine bebänderten Kniehosen um einen Zoll langer zu modisiciren, mit Ungunst und Abscheu von Seiten seines gestrengen Herrn Schwiegervaters, so wie mit Verachtung seiner Krähwinklec-Collegen, bestraft wird; so wird auch jedes neue Kopfband, jeder moderne Schnitt am „Sterntüchel" der jungen Schwiegertochter mit schelen Blicken von Sekten der gottgefälligen Frau Schwiegermutter angesehen, im Städtchen (ja selbst in mancher Stadt!) sogleich überall besprochen, dem aufmerksamen Ohre der Frau Rabbinerin zugesteckt, und wenn's die Umstande begünstigen, so erhebt sich auch öffentlich die Stimme des hochwürdigen Klerus (item Rabbkcker und Beth-din) dagegen und, wie es nun zugehen mag, kann man sich wohl denken. — Hat man doch vor nicht gar lange (wie ich's aus sicherer Quelle weiß) in einem ziemlich bedeutenden Städtchen in Galizien, wahrend einer großen Dürre und Mangels an Segen, nicht angestanden, diese Strafe Gottes „derüberhand nehmenden Ausgelassenh.eit (sie!) der jüdischen Töchter" min nmbr;), die darin bestand, daß einige junge, vornehme jüdische Frauen daselbst einen Kranz künstlicher kaum mikroscopisch sichtbarer seidener Locken am Stirnende ihres ,>Sterntüchels" angebracht hatten, zuzuschreiben. Es wurde ein Fasttag angesagt (mii>n Tna) und zugleich ein öffentlicher Aufruf (n'in) erlassen, daß noch an selbigem Tage die Töchter Israels den fremden Götzen von ihrem Haupte reißen sollen! — Die jungen begüterten Weibchen,, die sich mehr um den Glanz ihres „Sternbündels" als um Theuerung und Hungersnoth bekümmerten, gehorchten; meistens nicht und siehe! — welcher langmüthige Gott! — der Regen kam doch. —- Außerdem aber hat das „Sternbkndel" für die innern wie äußern Verhältnisse der Juden Galiziens seine eignen inhaltsschweren, höchst unseligen Folgen;. denn mit einem Worte: es b e fö rd e r t d i e w i ckl i che A r m u t h und — den Sch ein reicht hum. Werden zwei junge Kinder verheirathet (denn Selbst-Heirathen ist in Galizien noch eine höchst seltene Erscheinung), so wird sogleich das Drittel, ja mitunter die Hälfte des, von den beiderstitigen Eltern zur Etablirung ihrer Kinder, zusayrmengeschossenen Sümmchens zum tobten Capital gemacht, k h. es wird dazu verwendet, dem jungen Weibchen ein „anständiges Sterntüchel" zu verschaffen, und so tritt der junge Eheherr (Baal-Beessel) in die Weite Welt ohne Aussichten, ohne persönliche Erwerbsmittel mit einigen Trümmern seines Heurathsgutes und — einem reichen Kopfschmuck seiner geliebten (oder nichtgelicbten —- denn darnach wird gar wenig gefragt — genug nach Brauch und Sitte angetraucten) Ehehälfte. — Fangt später das Kapitälchen an, einige Zinsen abzuwerfen, und zwar schon während der ersten Kostjahre (die gewöhnlich bei den Eltern der Frau zugebracht werden), so muß zuerst das Sterntüchel der Frau bedacht werden mit Gold, Perlen oder Diamanten. Nach der ersten abgelegten, vollgiltigen Probe der weiblichen Fruchtbarkeit, besonders wenn die junge Frau mit einem erstgebornen Sohn (^nnn) den Mann beschenkte, muß dieser dafür seine innigste Dankbarkeit in den Schooß des — „Sterntüchels" ausschütte n (d. h. mit einer Hand voll Perlen, wenn's möglich ist). — Geht nach Jahren der junge Mann in die Welt hinaus und kommt nach Monaten wohlbehalten zurück, so muß die harrende Geduld der treuen Gattin durch ein, wenn auch kleines Perlschnürchen entschädiget werden, ohne sich übrigens zu bekümmern, ob er von diesem seinem ersten Ausfluge mit einem leichten Herzen und schweren Beutel, oder, (wie meistens) in einem entgegengesetzten Zustand zu seinem heimathlosen Heecd zurückgekehct ist. — Diese Sterntüchel-Zu - oder vielmehr Auflage, wird bei allen spätem freudigen Ereignissen des Gebens, besonders bei den Verheurathungen der gemeinsam erzeugten und großgezogenen Kinder, so wie beim Umformen (Ueberheften) derselben, und sonst je nach Umständen erneuert. Durch diesen sich stets erneuernden Glanz dieser Sternenkrone, die wie ein Phönix unter der Hand des „Hefters" sich wieder verjüngt, und durch neu hinzukommende Fixsterne sich immer mehr verherrlicht, geschieht es, daß man ln Galizien Ehepaare findet, wo man schwerlich beim ersten Anblick glauben wird, daß dieser, in seiner Kleidung fast bettelarme Mann der Eheherr jener, vom blendenden Perlendiadem strahlenden Schöne sei! Bedenkt man nun den dadurch veranlaßten, immer zunehmenden Abbruch an verzinsbarem Kapital,^ die *) -£>ie Bedeutsamkeit dieses Abbruchs wird klar, wenn man bedenkt, daß Galizien 63. 80,000 Familien (400,000 Seelen) zählt, auf deren jede durchschnittlichjahrlich 100 Gulden C.M. für das Sterntüchel gerechnet werden kann.