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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1843-02-04 · Heft 5 (4.2.1843) · p. Seite 71

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
7 (1843)
Issue
Heft 5 (4.2.1843)
Date
1843-02-04
Page
Seite 71 (sequence 11)
Language
German
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71 winne oder vielmehr verliere, mögen die Logik und die Medizinal:-Polizei entscheiden.; Gegen Abend machten wir in Beglektüng eines dortigen wackern jungen jüdischen Arztes eine Promenade in der schönen Anlage am Fuße und Abhange jenes, wahrhaft reizenden Hügels, auf dem die Kathedrale, steht. Wir nahmen diese Kirche in Augenschein, die eines der großartigsten Gebäude ist, welche der prachtliebende katholische -Kultus in's Dasein gerufen, und viele Antiquitäten aller Art enthalt. Man findet unter solchen christlichen Alterthümern gar oft Dinge, die über .dunkele Parthkeen der jüdischen Geschichte des Mittelalters vielen Aufschluß geben. — Als wir — es war gegen 10 Uhr Abends — in die Stadt zurückkehren wollten — vernahmen wir vom Kasimir her ein fürchterliches Kettengerassel, als ob ein ganzes Heer Gefesselter in Anmarsch wäre. Erstaunt fragte ich meinen Begleiter, was das wäre? Lächelnd erwiederte er: Es ist Nichts, als das allgemeine Schließen der Läden im Kasimir, jetzt erst ist das Tagewerk daselbst geschlossen, die Zeit der Erholung, der Promenade, die bis zur Mitternacht und darüber dauert, beginnt; jetzt beginnt das rechte Herumschlentern der Jugend und die Konversation der älteren, auf gemeinschaftlichen Bänken ruhenden Leute. Dieser seltsame Anblick, so wie die herrliche, mondhelle Sommernacht, war zu einladend, um sich nicht zu entschließen, den Kasimir auch jetzt zu sehen. O, welch' ein Anblick! wie schauerlich und wehmüthig, wie abstoßend und herzzerreißend zugleich! — In dieser traurigen Absonderung, in den düsteren, von des Tages Last und Qualen abgehärmten Gestalten, die im blaffen Mondenschein fast gespenstisch erschienen, in den gefurchten, freudenleeren Gesichtern, denen jeder wonnereiche Aufschwung der Erde verschlossen schien, in diesen barokken, meist zerlumpten Kleidern, die nach außen den Haß und Widerwillen, nach innen dm Aberglauben nähren, in diesem eigenthümlichen Sprachgemisch, das keiner Sprache angehört (nicht einmal dem galizischen volnifch - jüdischen Jargon); in diesem Allem lag etwas Schauerlich - Wehmüthig es, lagen lange, traurige Jahrhunderte der Vergangenheit, die noch ihren vergiftenden Schatten über die lebensfcische Gegenwart breitem — Und dennoch — in dieser patriarchalischen Einheit und Innerlichkeit, in dieser eigenthümlichen Welt der Anschauung, mit ihrem besondern Wohl und Weh, in dieser felsenfesten,.der, Alles vernichtenden Zeit Hohn sprechenden Beharrlichkeit, in diesem mächtigen, unüberwindlichen, allen gewaltsamen Druck parlysirmden Gegendruck — kurz, in dem ganzen konkreten Dasein dieser Tausenden lag hinwiederum Geheimnißvolles, Beredtes, Menfchlicherhabenes! — Es schien die ewige Unzerstörbarkeit jener göttlichen Lehre, deren Träger sie sind, bei all' ihrer Verunstaltung laut auszusprechen; es schien, selbst in ihrer Erniedrigung, die hohe Mission Jsrael's für' eine späte Zukunft laut zu verkündenaber da mußte mir mitten in dieser Betrachtung der Schmerzensruf des Propheten von den Lippen sich drängen: „O Ewiger, Gott, wann werden diese verdorrten Gebeine wieder aufleben?"- Im Kasimir bemerkte ich am folgenden Tage ein ziemlich'großes, wohlgebautes Haus — das schönste wenigstens im Kasimir — viele Leute sah ich aus- und eingehen, manche von diesen mit großen Geldsäckeln beladen. Ich vermuthete sofort, daß hier der erste jüdische Wechsler der Stadt wohne. Als ich aber später einen Vorübergehenden fragte, wo denn der hiesige Rabbine wohne? zeigte er mir, zu meinem Erstaunen, dasselbe, eben besprochene Haus. Wie ist das möglich, rief ich aus, das ganze Aussehn des Hauses,' diese Geschäftigkeit, diese nimmer , zur Ruhe kommenden G'eldsackel scheinen doch eher das Aushängeschild eines großen Bankiers, als eines Rabbinen zu sein? oder erstreckt die hiesige Rabbinatsgerichtsbarkeit (Sri^nn p-j) sich auf so bedeutende Rechtsstreitkgkeiten zwischen Mein und Dein, daß die scheinbaren Kommis nichts anders als die Gerichts- ' diener (Lekamosslm) sind, welche die deponirten Gelder ein- und austragen? oder wohnt der Rabbine nur in einem Theile des Hauses? doch wundert es mich, mein Freund, bei allem Dem, daß der Rabbiner nicht wie überall dicht bei der Synagoge wohnt, sondern hier im Wechselmarkte? — „Quälen Sie sich nicht, mein Herr, erwiderte ruhig mein Unbekannter, unser Rabbiner ist zugleich der reichste Kaufmann und der erste Wechsler der Stadt — nun verstehen Sie doch wohl, daß er hier, und nicht neben der Synagoge, wohnen kann."— Das war für mich etwas Nagelneues. So Etwas lebt nicht noch einmal, wie man in Sachsen sagt. Potz Velten, so was findet man in deutschen Gauen nicht, und unwillkürlich erinnerte ich mich bei diesen Geldfäckeln der deutschen Rabbinen, Geistlichen, Prediger, Lehrer mit ihren mageren Gehalten und reichen Sorgen und Plagen -— Wohl kann man sich denken, wie der Herr Rabbiner viel zu sehr an den Amsterdamer Kourszettel und die auswartigen Fallimente zu denken hat, um noch ein aufmerksames Auge auf Gotteshaus, Jugendunter-

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