Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 101 (7.12.1839)
- Date
- 1839-12-07
- Page
- Seite 641 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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641 Zur Klage und Anklage; aber da, woEhr-gefüPmndLebenssorgcn das Uebergewicht in der Schaale einnehmend-'^ nachdem dw Wage vielleicht lange hin und her geschwankt, muß sie an sich, wenn sie nicht den Vorwurf des sträflichsten Jndifferentismus auf sich ziehen will, die Frage richten: Was ist von mir geschehen/ diesem um sich greifenden Uebel entgegen zu arbeiten? - Habe ich dem zwischen.Sein und Nichtsein Schwebenden,.hülfreiche Hand geboten? — Keine Missions-, keine Bekehrungs?, ^aher Rettungsanstalten sind nothwendig geworden. Eine solche möchten folgende Zeilen in Vorschlag bringen. Ich fasse mich kurz; ich will nur anregen, nicht abschließen. Hat einmal mein Aufruf Anklang in den Herzen der Betheiligten gefunden, wird man sich leicht über die besten Mittel zu helfen, verständigen. Die Hand der Reichen, oder auch nur eines Neichen wird zunächst in Anspruch genommen. So manche Stiftungen für wohlthatige Zwecke in engern Kreisen werden gemacht; es handelt sich jetzt um eine große, nationale. Doch wenn auch eben Nicht ein Einziger sich „durch die Stiftung eines für diesen edlen Zweck bestimmten Fonds Herausstellen sollte, Alle werden gemeinschaftlich ihre Hand reichen. In allen bedeutenden Städten sollten sich General-Committöes, die sich mit den kleinern in Verbindung setzten, zu diesem Behufs bilden. Diejenige Stadt, wo nach Verlauf eines Jahres die größte Summe herbeigeschafft wird, bildet das Vorsitzende General-Committee. Mit diesem haben alle übrigen alles Geschäftliche zu verhandeln. Die Prediger, Rabbinen, die Gemeindevorsteher, die Schulbehörde, so wie einzelne von diesen zu wählende Ehrenmitglieder, wozu sich namentlich die graduirten oder durch wissenschaftliche Leistungen bekannten Gelehrten vor Allen qualisi'ziren, sind die Factoren der Committöes. Don diesen sollen alle diejenigen israelitischen Gelehrten,' die sich mit Erfolg den philosophischen Studien gewidmet, mit Gymnasi'al- und Universitätszeugniffen und dem Doctordiplom versehen sind, als Jude aber keine Beförderung im Staate finden können, so lange sie in diesem Religionsbekenntnist'verharren und keine Klage gegen ihren Charakter sich erheben laßt, eine jährliche Unterstützung beziehen. Die Fonds der einzelnen Committees fließen in den des General-Committees zusammen. Von den Gesammt-Zinsenbetrage sollen, die Unterstützungen bestritten werden. Ueber die Größe'her Unterstützungen, so wie über die Anzahl derselben laßt sich natürlich vor der Hand noch nichts bestimmen. — Daß die Tüchtigsten den Vorzug, daß wenn eine bestimmte Anzahl den Zinsenbetrag absorbirt, spater Kommende eine vacante Stelle abwarten müssen, versteht, sich von selbst. Fände einer dieser Gelehrten eine Anstellung in der jüdischen Gemeinde, so' hört für ihn die Unterstützung natürlich auf. — Die Errichtung dieses Committees findet endlich nur in Ländern Statt, wo die Emancipation noch nicht in's Leben getreten. Wo und wann der geistige Druck aufhört, haben sie den ersten ihrer Zwecke erfüllt und dürften dann für neue Bedeutung gewinnen, etwa für Beförderung des Ackerbaues und Landwkrthschaft unter den Juden. Ich hätte noch mancherlei zu sagen, doch würde dann der Aufruf zur Abhandlung anwachsen und statt anzudeuten, erschöpfen wollen. Mag die Idee unter andern Modksi'catkonen, als die vorgeschlagenen, in's Leben treten, sie will nur in ihrer Wesenheit, in ihrem Lebenskecn nicht verkürzt werden. Sie soll anregen , und die Herzen entzünden; sie soll wie jede wahre Idee ein neues Leben erwecken und eine Reihe erfreulicher Entwickelungen vorbereiten,/die jetzt nur von befreundeten Geistern geahnt werden können. Möchte sie endlich wie ein geistiges Band Alle umschlingen, die das Judenthum, nicht für. überlebt ansehm, wofür es viele Gegner so gern ausgeben möchten! *)" (Bemerkung des Redakteurs (nicht des Telegraphen, sonder Allg. Zeit, des Judenth.) Aufgefordert, diesen Aufruf unserer Zeitung einzuverleiben, haben wir diesem recht gern Genüge geleistet. Alles, was Leben und Lebensbewegung ist, sei es Idee oder That, ist uns herzlich willkommen. Denn das Judenthum ist nur ein geistiges Wesen, ein Verband im Geiste und in der Wahrheit; und wo ein geistiges Wesen arm ist an bewegenden Ideen, ist der Tod vor Allem da. Allerdings wäre der „Telegraph" selbst daran schuld, wenn die von ihm auf einmal hingeschleuderte Idee pon denen, die es am meisten betheiligt, mit Mißtrauen ausgenommen würde. Aber mag immerhin der „Telegraph" in einer momentanen judenfeindlichen Stimmung gegen Alles, was nur irgend ein reales Band unter Juden bewirke, seine Blitze nicht geschont, und selbst die edelsten Bemühungen, wie um die jüdisch-theologische Fakultät, ein verdächtigendes Motiv unterzulegen, sich hecgegeben haben — hat er durch diesen Aufruf erwiesen, daß sich seine Ansichten geändert haben, so ist es nur um so edler von ihm, basier sich nicht scheuet, dies durch die That zu bekräftigen. Das Anerbieten des Redakt. des Telegraphen, an die Realisirung des Vorschlages selbst Hand anzulegen, so wie der Umstand, daß wir die Sammlung für die theolog. Fakultät noch nicht aufgegeben haben, überhebt uns, in dieser Sache mehr zu thun, als sie zu besprechen, was wir in der nächsten'Tages-Controle thun werden, so wie über den Verlauf Bericht zu erstatten. Worauf wir denn heute in der Kürze verweisen.^ ' Preußen. Berlin, 20. Nov. (Privatmitth.) Aus zuverlässiger Quelle kann ich Ihnen eine Nachricht mittheilen, welche schon ihrer Curiosität wegen Interesse bietet, aber auch einen merkwürdigen Beitrag zur Charakteristik der gegenwärtigen Partheiungen bietet. Seit etwa 14 Tagen ist nämlich der bekannte jüdisch-christliche Schriftsteller, der jüngst zum Katholicismus übergetreten, in Breslau, und'— der Rabbine Salomon Tiktin lud ihn zu Tische, und behandelte ihn auf die zuvorkommendste Weise. Es ist derselbe, der die Sache gegen Dr. Geiger führte. Ist das nicht Toleranz unserer Zeit? Oder walten-hier etwa andere Gründe ob, als die der Toleranz? W. c. g. Glogau, 20. Nov. (Privatmitth.) Am 12ten h. wurde hier das 70ste Geburtsfest unseres ehrwürdigen Rab- *) „Wir bieten zur Realisirung dieses höchst beachtenSwerthen Vorschlags gern unsere Hand und kommen wohl noch öfters darauf zurück. A n m. d. R e d. d e ö T e l e g r a p h e n."