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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-11-30 · Heft 100 (30.11.1839) · p. Seite 631

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 100 (30.11.1839)
Date
1839-11-30
Page
Seite 631 (sequence 11)
Language
German
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651 C o r r e s p o u d e n z e ». Von der russischen Grenze. Der GH assid Lsrn rrD in Polen. Von Julius Marcussohn B.- (Fortsetzung). Lag nun dieser Ansicht die erhabene Anschauung zum Grunde, daß das ganze All Eins sei, und die Aeußerungen des Subjectiv-Bestehenden auch nur Manifestationen der objecliven Kraft de6 ganzen Alls seien, so daß das objektive All alö Summe und Einheit der subjektiven Einzelheiten durch diese modifizirt werden müsse, so blieb doch der Chassidismus nicht hierbei stehen; und, da er die Natur, als. nach ewigen objektiven Gesetzen bestehend, und so den subjektiven Eingriffen des Einzelnen entzogen, nicht erkannte: so erhob er den Einfluß des Subjektiven in der moralischen Welt, auch zu einem solchen in dem Gebiete der Natur; — der ChaffidiömuS suchte die Macht des Geistes in der übernatürlichen Ueberwindung der Natur, d. h. in Wunderthaterei — Ein frommer Mann, der den ungetrübten Geist repräsentier, muß über die Natur nach Belieben schalten können, alle ihre Kräfte müssen selbst zu ihrer eignen Vernichtung ihm gehorchen. Dieses bildet daS zweite chassid ifche Princip (üYpTiäS ri3Yööl). Der Glaube o*n die Wunderkraft des frommen Re bi. Das aus dem Talmud hierher entlehnte Motto ist (crnp?3 i-fhpim pna p^nt; 2p->i ^218 Tiwm). Der Zadik befiehlt und Alles muß sogleich geschehen. — Dieser Wunderglaube hat indcß mehrere Abstufungen, je höher oder tiefer der Abergläubige in der Kultur stehet. Der pöbelhafteste, aller Wissenschaft baare Chassid glaubt nämlich an eine Allmacht seines Rebi, dieser hat nur zu befehlen und — die Natur mit allen ihren Herrlichkeiten stehet zagend ihm zu Gebote, p^is liipm thä ist sein mißverstandener Wahlspruch. Ist er von Nahrungssorgen bedrängt, so wird des Rebi Machtspruch ihm reichlichen Unterhalt verschalen, ist er krank, so wird ihm des Rebi Wort ein unfehlbares Heilmittel, ist er kinderlos, so hat der Rebi seinem Weibe yur zu versichern: p npmrs nsD d. h. künftiges Jahr zu dieser Zeitwirst du einen Sohn umarmen, und die Unsterblichkeit seines Stammes ist schon gesichert. — DaS ist dcp Glaube der Chassidrschen Hefe, und namentlich der weiblichen Anhänger deS Rebi. — Ein anderer weniger unvernünftiger Theil der Chassidim bedingt die supematurale Gewalt seines Rebi von seiner tiefen Kenntniß der Kabala, um dadurch wirksame Beschwörungsformeln, d. h. die sogenannten rns^np Talismane zu verfertigen, zum Theil auch von dem günstigen Verlauf eines Pidion welcher darin besteht, daß eine gewisse Anzahl gewisser Münzsorten, wie das Abracadabra, nach ewissen Abwechselungen neben einander ausgelegt wird, so daß aS glückliche Zusammentreffen gewiffer einzelnen Münzstücke über den glücklichen Erfolg der ganzen Operation entscheidet; namentlich ist dieses bei KrankenüPidionot der Fall, fällt der Pidion glücklich auS , so geneset der Leidende, und alle ärztliche Kur ist 6o ipso überflüssig; ist das Gegentheil der Fall, so ist die ungünstigste Prognose da, und di<Hand eines Hippokrates vermag nickt dem Tode seine Beute zu entreißen. — Endlich gibt eS wieder eine Klaffe, und zwar die vernünftigste unter ihnen, die den Rebi blos als Mittelsperson zwischen Gott und Menschen ansehen, die höchstens zu gewissen Zeiten auS göttlicher Gnade, mit einem lieferen Blick in die Geheimnisse der Natur (mViP), oder mit einer supernaturellen Macht begabt wird, um heilsame Wunder zu thun. — Der Rebi, sagen sie, hat sich von den« Fesseln der Sinnlichkeit losgerissen, hat sich dadurch dem Geistigen genähert, daher kann er ein Vermittler zwischen Gottheit und Menschheit sein. Seine Fürsprache bei Gott zu Gunsten eines Andern, kann nur heilsam sein, sein-Gebet erhörl'Gott am Vorzüglichsten, wenn auch das Flehen anderer Menschen unbeachtet bliebe. Der Rebi kann sich daher eine Wunderthat (nsin) erflehen, »rnd wird hierzu von Gott mit einer momentanen snpernaturalcn Macht begabt. — Man stehet hieraus, daß sie sich nicht scheuen, die Auszeichnungen der ehemaligen wahren Propheten auf ihre Rebi'S anzumenden; daher erklären sich die prophetischen Tilulmivnen, wie der Seher, das heilige Licht, der Entdecker der Geheimnisse N21L, asrnp srs-a , n:D£), mit denen sich ihre Rebi'S schmücken.- Wir kommen nun zum dritten Urprinzip deS Chassidismus, cü ist die Vereinigung deS Menschen mit Gort .('■purp 'hi mpST), deren Ideal die völlige Abstraktion alles Körperlichen, und die Reflexion deS Geistes in sich selbst ist, wodurch der Mensch noch hienieden von dem engen Kreije deS ihn umgebenden Körperlichen, sich loSrcißt, und in die Anschauung deS Unendlichen sich vertieft, rilllÄLriN). — Diese letztere Richtung streift zwar sehr nahe an den mittelalterlich christlichen AscetiömuS, doch ist der Unterschied unverkennbar, fa sie sind vielmehr vbschon in ihrer Tendenz verwandt, doch in ihren Mitteln diametraliter entgegengesetzt. Denn indem die christliche Ascetik zur Annäherung an Gott die völlige Abcödlung deS Fleisches verlangte, so ist im Chassidismus gerade die naturgemäße Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse, daS jene ungestörte GcmüthSruhe, jenen ungehinderten Äufschwung deS Geistes, jene ungetrübte himmlische Freude, die die innere Harmonie bekundet, erst vorbereitet"). — Dem chnsilichen Afcetiker war z. B. der Gesang der Nachtigal die verführerische Stimme des Teufels, die er in fernem Hinstreben zu Gott fli.eben mußte; hingegen ist dem Chassid gerade der Gesang, der die Pforren deö Himmels burd); bringt ( ) die süßeste Melodie, der sanfte Fittig, der seinen Geist zu den höchsten Höhen, zum Throne der Gottheit erhebt, (')- ytiz'n pp fpm.) — (Schluß folgt.) ') i-riESl irnü» . Corresp. Anzeiger. In demselben werden Amroncen aller Art gegen l Gr. Gebühren für die gespaltene Zeile aus Petit-Schrift oder deren Raunr ausgenommen. Die Verlagshandlung. Ein Schulmann, der bereits länger, als ein Decennium, in einer Stadt Deutschlands als Lehrer definitiv angestellt ist, als Prediger funtzirt, an einem blühenden Schullehcec-Seminar die Stelle eines vom Staate angestellten und besoldeten israelitischen. Religionslehrers bekleidet, im Besitze des Staatsbürgertechtes sich befindet, auch mit mannigfachen schriftstellerischen Arbeiten Anklang gefunden hat, und über seine theoretische und praktische Befähigung in pädagogischer und homiletischer Beziehung, wie über seinen Charakter, durch sehr vortheilhafte Zeugnisse jüdischer und christlicher Autoritäten, darunter bedeutender und hochgestellter Pädagogen, sich auszuweisen vermag, wünscht seine gegenwärtige Stellung mit einer andern, natürlich ebenfalls definitiven, die ihm einen seinen'Kräften angemessenen ausgedehntern Wirkungskreis verschaffte und auch in pecumarer Hinsicht vortheilhaft wäre, zu vertauschen, und bittet Diejenigen, welche bei der Besetzung von Lehrerstellen (womit auch die eines Predigers verbunden sein dürfte) auf ihn Rücksicht zu nehmen Willens find, sich in portofreien Briefen durch die Redaction dieses Blattes unter der Chiffre N. N. N. an ihn zu wenden.

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