Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-11-23 · Heft 99 (23.11.1839) · p. Seite 619

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 99 (23.11.1839)
Date
1839-11-23
Page
Seite 619 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3224737-3225013-3225113--02314-3234889
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

619 Herzen erhitzt und die Köpfe für sich gewinnt. Dieses geistige Prinzip zu erfassen und bis zu seinem ersten Ursprung zu verfolgen; die Bedingungen seines Entstehens, die lokalen und temporären Verhältnisse, die ihn in jenem bestimmten Orte, und in jener bestimmten Zeit herbei führten, darzurhun; die weitere Verfolgung, Ausbildung und Verschlechterung deö chassidifcheu Grundprincips, die Entstehung der chasiidischen Körperschaft, ihr späteres Zerfallen in verschiedene zum Theil sich anfeindende Sekten, der Grad ihres Einflusses auf die Nation, und einen Blick über ihren Fortbestand für die Zukunft, bilden die unerläßlichen Momente einer gründlichen Forschung hierüber, und Referent wird sich bemühen, nach seinen Kräften und nach der aus näherem Umgang gesammelten Einsicht Las Erforderliche hierzu beizurragen. — Zuerst, was sind Chassidim? Die Chassidim sind eine jüdisch-religiöse Sekte, die sich in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in den polnischen Provinzen gebildet, die auf einer eigenthümlichen Auffassungsweise deö Judcnrhums beruhet, die n ocb im merfo rt im Wachsrhum b egriffen ist, u nd die e ndlich bei i hrem e r n stlichst e n Willen alle Wissenschaft und Aufklärung im Judcnthum auözurilgen, doch u nb ewu ßr d en W eg z ur Reform und zur geistigen Widergeburt d es s e l b e n gebahnt hat. Wer die Chassidim kennt, der wird wissen, daß der jetzt sogenannre Chassid nicht der Mann sei, dem das alte hebräische Wort ‘V'ön Frommer entspräche, weil gerade der Chassid den eigentlichen frommen Juden verlacht, der starr am . Alten hängt, (den sogenannten — Rabinisten). Ucberdicö kann ihr ganzes Treiben, in dem sich die größte Beweglichkeit und Selbstheit ausspricht, nichts weniger als Frömmigkeit heißen, da diese nur ein passives ruhiges. Leben, das der Tugend wegen sich selbst vergißt, bezeichnet. — Auch darf nicht Chassidismus und AscetiSmus ldentifizirt werden, weil erstlich das Judenthum mir dem Ascelismuö sich durchaus nicht vertragt, und der Chassidismus doch im Judenthume wurzelt; zweitens weil der Ascenker einsam und in sich gekehrt, blos seiner Idee lebt, hingegen der Chassid stets im Kreise der Seinigen gern sich gehen läßt, und nur in manchen Tageszeiten der einsamen Betrachtung sich überläßt; überdies seine Meinung in der Welt auf jede, — erlaubte oder unerlaubte. — Weise gelren-d zu machen sucht. — Wenn man aber genauer den Chassidismus betrachtet, so zeigt er sich bald als ein eigcnthümlicheS Bestreben, die erstarrten Formen im Judcnthum zu vergeistigen, und sie so, statt zu modifiziren, nur noch bedeutungsvoller zü machen. — Der Chassidismus war ursprünglich gewissermaßen eine Reformation im Judenthume; aber nicht auS der'klaren Quelle einer vernünftigen Einsicht dieses Bedürfnisses, sondern aus jener trüben des kabbalistischen MysiiciSmuS, entspringend. — Die Kabbala war die erste TriebfederMerihrer Schöpfungen, und ist. noch jetzt bei Allen mehr oder weniger die-Seele ihrer Ansichten, und Handlungen. Daher mußten Reformen nur sekundär, das kabbalistische Prinzip ihr Primitives bleiben. Viele Ceremonicn werden von ihnen nicht beachtet, nicht weil sie unzeitgemäß waren, sondern weil das kabbalistische System ihnen keinen Platz einzuräumen vermochte; dagegen.blieben andere, minder wichtige und mehr absurde Gebräuche in ihren verjährten Rechten, blos weil sie sich in der Kabbala eltend zu machen wußten. — Wir wollen diesen Punkt näher etrachten. — Die Kabbala, ursprünglich eine unjüdische, jedoch -tiefe Weltanschauung, die im bilderreichen Orient in den vorpbilosophischen Zeiten dem jugendlichen Menschengeiste als unmittelbare intellektuelle Anschauung sich offenbarte; — enthalt große Wahrheiten, in der Form, der nach innen gewandten Beschauung ausgesprochen, die erne 2ä0l>jährige Philosophie nach unermüdlichen Ringen erfassen konnte. — Da aber das Wahre in ihr nicht als Bewußtes, auf dem Wege der Reflexion erlangtes, sondern blos implieite Enthaltenes auftritt; so mußten ihm ein ganzes Heer von Jrrthumern folgen. — Schsn halt eö beim ausgebildelen Geiste schwer, die intellektuelle Anschauung, die das Primitive unseres Denkens ist, die daher nur den reinen Gedanken^ - als Objekh erfaßt, von der sinnlichen Anschauung, die es nur mit Räumlichen und Zeitlichen zu thun hat, und die daher am Körperlichen Hafter, auseinanderzuhalten, weil beide Anschauungsweisen in der Organisation deö AkenschcngeisteS zu sehr in einander laufen. Ist daS aber mit dem denkenden Geiste der Fall, wie wird cS erst mir dem unentwickelten, vom Sinnlichen befangenen Geiste fein f ES wird Alles zum Sinnlichen herabziehen; was eigentlich nur abstrakt ist, wird ihm bald conkret werden. — ES wird seinen Himmel mir Menschen - und. Thierg^bilden auSfüllen, sein Paradies und seine Hölle werdennur Tummelplätze seiner thierischen Leidenschaft, deö sinnlich Angenehmen und Unangenehmen. Daher laboriren alle altere orientalischen Religionen an Anthropo- und ZoomorphiSmen. *) — Die Kabbala theilt diese Schmacken, aber indem sie sich an daS Judenthum, an diese klare Quelle des getäutersien Monotheismus anschloß, hat sie zum Theil ihre Begriffe veredelt, — Sie beherbergt ferner die unschätzbare Theorie der Emanation. Diese unendlich große Wahrheit ist schon an der Wiege der Menschheit entstanden, und ist mir ihr großgezvgen. Diese Wahrheit ist in der Kabbala wiedergegcben, aber nicht al6 entwickelter Gedanke, sondern nur.noch als ein dunkeleö Ahnen. — Der Kabbalist spricht von Ensoss (ps tpD) von Sefirot (nrpDÖ iw) von verschiedenen Olemot / , ohne angeben zu können, wie auö dem Unendlichen, Allervollkommenften die ganze Reihe der Emanation bervorgehen konnte, bis zu dem Punkte, wo das Sinnliche in seiner schlechtesten Endlichkeit .qiiftratj— Wie hängen jene obersten emanirten Sefirot.(zumal die Trias ^->2 -ir>3 n?22n) mit dem Absoluten emanirenden Ensoff zusammen? — Seine Antwort (ri^N52 rüribius) „ wie der Flammenftrahl^mit dem brennendem Lichte zusommenhängt;" ist allegorisch und giebt keinen Aufschluß. . Eben smvermag er nicht die unendliche Kluft zwischen Emanation und Kreation, wo jene.aufhört und diese anfängt (nämlich in der xhTJ STNi ^2!"!) auszusüllen, und somit bleibt ja. das Problem der Schöpfung, um dessen Lösung es ihm allein zu lhun war, wie vorher völlig ungelöset. — Die Kabbala fühlte indeß ihren unjudischen Ursprung, ja sie ahnete auch die Schlage, die ihr das Judenthum, als Repräsentant des reinen Monotheismus beibringen werde, wenn sie in ffein Gebiet sich wagen dürfte, daher suchte sie sich ihm anzuschmiegen. Listiger griff sie diejenigen Stellen -es Pentateuchs an, die mit ihreivJdeen in Einklang standen,, und die nur in allegorischer Auslegung einen vernünftigen Sinn zulicßen (wie die ganze Schöpfungsgeschichte und die adamitische Sünde) und erklärte sie auf ihre Weise. — Charakteristisch ist in der Kabbala das selbstständige Auftreten des Bosen. Während im Pantheismus das Böse nur als Negation genommen wird, erscheint es hier in der Kabbala im wirklichen Kampfe mit dem Guten. — Als zwei wohlgeordnete sich feindliche Reiche erscheint die Geisterwelt, hier thront daS Gute (Göttliche, Elohim) dort daS Böse (der Samiel, die Urschlange). Die Korperwelt ist die lockende Beute, um welche gekämpft wird. Jede gute That erschafft einen Engel, vermehrt dadurch das Reich des Guten, und dessen Triumph ist entschieden; jede böse That erschafft einen Teufel, der dem Bösen beistehet und selbst zur Geißel wird für seinen menschlichen Schöpfer (als RemeS hiezu pv"iN73 ir-L'' ‘"pstt p2^Mdl). Diese Ansicht sucht die Kabbala mit dem Judenthume innigst zu verbinden. Jedes Gebot und jedes Verbot (N'i^V) wurde in die Geistcrwelt hinaufgezogen, sie haben daher die unendliche Wichtigkeit gewonnen, eine Zeugüngsstätte für Engel und Teufel, ein wirkliches Bindemittel zwischen Gott und Welt, (nicht blos zwischen Gott und Menschen), zu werden. Die Befolgung oder Nichtbefolgung der Torcr hatte also nicht bloß auf den betheiligtcn Menschen einen' sübjkctiv moralischen Einfluß, wie eS das Judenthum verspricht, sondern auch *) Wem ist nicht das Adam Kadmon vNdi) und die ' spL'ILLN'l ^2^2 bekannt! — Corr'esp.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.