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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-11-23 · Heft 99 (23.11.1839) · p. Seite 608

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 99 (23.11.1839)
Date
1839-11-23
Page
Seite 608 (sequence 4)
Language
German
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603 chen sei; daß für die zu Versorgenden jede mögliche Berücksichtigung ihres Standes, Alters und. Charakters in Betracht und Geltung kommen müsse; daß die Mittel des Vereins keineswegs in kleine und willkürliche Gaben und Unterstützungen zersplittert werden dürfen, sondern zur wirklichen oder theilweisen Versorgung der Hilfsbedürftigen verwendet werden müssen." ... Das Schreiben schließt mit den Worten: „Schließlich bemerke ich, daß ich einer bereitwilligen Lhcilnahme um so eher entgegen sehe, da ich bei der Vorlage der zu entwerfenden Statuten zur hohen und höchsten Genehmigung die jetzt beitretenden Gemeindegliedec und Teilnehmer als Stifter und Gründer des Vereins namhaft zu machen wünsche, und ich erkläre, daß ich, wenn 10 Mitglieder mit ihrem Beitritt und. Beitrag schriftlich bezeugen, den Verein als constituirt und ins Leben tretend betrachte , und für mich kein anderes Recht in Anspruch nehme, als das, welches jedem Beitretenden und Theilnehmenden zusteht." Der Verein ist seitdem wirklich ins Leben getreten, und ich werde hoffentlich nächstens im Stande sein, Ihnen die Statuten, die eine Meisterhand entworfen, mitzutheilen. Gegenwärtig belauft sich das Stiftungscapital auf 12000 fl. C. M. — Sie sehen, welch' ein guter, edler Wille hier, und im ganzen Lande waltet; überall erstehen Institute, welche bald Verbesserung der Erziehung und des Unterrichts, bald zeitgemäße Verschönerung des Gottesdienstes, bald zweckmäßige Regulrrung des Armenwesens erstreben, denn rmn , i-mn? und tr'-jön werden noch immer als die moralische Grundlage in Israels Lehre und Leben erkannt, als die drei Punkte, welche den Kreis des Iudenthums bestimmen. Möge der Himmel bald auch Wünsche in Erfüllung gehen lassen, deren Erfüllung ganz außerhalb des Bereiches der Gemeinden liegt! Preß bürg, 31. Oktober. (Privatmitth.) *) Tout coimue cliez nous, ist ein recht leidiger Trost, aber es gibt doch eine gewisse Beruhigung, wenn man erfahrt, daß es anderswo nicht besser bestellt ist, und daß aller Orten ein tapferes Ankämpfen nothwendig ist. Die Notiz aus Würzburg in diesem Blatt über die Wahl eines Rabbinen hat wo! nirgend starkem Anklang gefunden, als in der hiesigen Gemeinde, wo durch das Absterben des berühmten Herrn Moses Schreiber diese Stelle vacant wurde. Der verblichene Greis ist in der Judenschaft hinlänglich bekannt. Wer ihn kennen lernte, wird uns bedauern, daß dieses Genie, mit den Fesseln talmudischer Studien, sich einkerkerte, und diese Gefangenschaft als Freiheit, als den Culminationspunkt aller Moral und Religiosität, als das wahre Judenthum anpries und mit aller Energie eines willenskraftigcn Geistes fefthielt. Es ist wahrhaft staunenswerth, wie Erziehung selbst einen solchen Genius in unlösbare Bande zwangen kann;, selbst die allergrößten Begebenheiten vermoch¬ •) Wir haben bereits über den Tod des Herrn M. Schreiber zwei verschiedene Sliiiuuen sprechen laffen. Die Unparteilichkeir verlangt auch noch die Aussprache dieser dritten, womit wir nunmehr die Modifikationen der Ansichten erschöpft, und die Sache für. ab ge sch lossen halten. D. Redakt. ten nicht, ihn aus dem Starrkrampf zu wecken. Er war zur Zeit der französischen Revolution in Stcaßburg; aber so wenig wie diese welthistorische Epoche hat auch der Fortschritt des Geistes seit dem letzten Quartal des verflossenen Saculums für ihn gar nicht existirt, oder den geringsten Einfluß auf seinen strengst-orthodoxen Glauben ausgeübt. Seit 30 Jahren ist er der religiöse Vorstand der tausend Familien in Preßburg, und seine immense Gelehrsamkeit in der hebräischen Theologie verschaffte ihm bei allen Juden Europas und Asiens Ruf und Ansehen; allein seinem langen Wirken nah und fern, kann nur der segensreiche Folgen zurechnen, dem ein Festhalten an Aeußeclichkeiten mit der Bewahrung und Heilighaltung unsrer Religion identisch scheint. Die jetzige Generation lacht schon darüber, daß die Alten das Lesen deutscher Bücher verboten; der selige Rabbine Schreiber hintertrieb mit allen Mitteln den Unterricht im Deutsch-Lesen, und das Studium von Philosophie u. dgl. war höchlich verpönt. Die hiesige Gemeinde, kaum eine Halde Tagereise von der Residenz entfernt und in ununterbrochener Communication mit dem intelligenten Pesth, hat kaum die unterste Stufe der Cultur erklimmt, unddaran ist fast allein der Verblichene Schuld. Er widecfttzte sich allen Unternehmungen, welche Schulbildung und Aufklärung bezweckten, aus Furcht, der Mosaismus könnte dadurch erschüttert werden; er war so ängstlich, als wankte schon die heilige Schrift und drohte der Sturz des Talmuds. Sein zelotischer Eifer vereitelte die schönsten Bestrebungen und die wohlthätigen Pläne des leider zu früh verstorbenen Gemeindevorstehers Breisach und mehrerer Gleichgesinnten verloren durch ihn ihre gemeinnützige Wirkung. Einige, insonders Gebildete, trachten sich zu übecstedeln, wie z. B. Herr Schwabachersohn. — Es wäre gar Vieles zu erzählen, wollte man nicht das Sprichwort beachten: Laßt die Tobten ruhen! Herr Moses Schreiber hat nach seiner Ueberzeugung gehandelt, er glaubtedas Beste zu stiften; er irrte, aber er täuschte nicht, und sein frommes, häusliches Walten war ein erhebender Patriarchenspiegel, jenes stille Beglücken eines Rabbinen, welches noch nicht öffentlich anerkannt und gewürdigt wurde. Friede seiner Asche! Allein das Abscheiden dieser ehrfurchtgebietenden Autorität mahnt laut, an die Spitze dcr Gemeinde einen Mann zu berufen, der mit den Erfordernissen der Jetztzeit bekannt ist, dessen Charakter unsere Liebe und Geneigtheit verdient, dessen Wissen Achtung gebietet, dessen Wollen zeitgemäß fördert. Der Mann, dessen Gelehrsamkeit blos auf dem Talmud sich beschränkt, ist nicht mehr fähig, als Religionsvorsteher zu fungiren; jeder Student zuckt mitleidig die Achsel, und um einen fo einseitig gebildeten, unfruchtbaren, knorrigen Menschen nicht der Böswilligkeit oder des Eigennutzes zu zeihen, nennt man ihn lieber einen Ignoranten. Traurige Alternative! und bedauernswerth eine Gemeinde, wo man sie in Bezug des Rabbinen anwenden kann. Leider ist bei uns dermalen der Fall. Um dem sterbenden Rabbinen eine Freude zu bereiten, sammelte man Stimmen, seinen Sohn zum Nachfolger zu wählen. Der Moment überraschte Viele, die nach dem Tode des- Alten eine wohlthatige Aenderung ersehnten, und soweit wurde der 25 jährige Mann als Rabbine ausgenommen.

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