Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 98 (16.11.1839)
- Date
- 1839-11-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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ni. Jahrgang. Allgemeine No. S8. Zeitung -es Zudenthums. Ein unpartheiischcs Organ für alles jüdische Interesse. Redacteur: Verlag von ®r. Ludwig Philippsorr, BarrMgärtrrers Buchhandlung israelitischer Prediger in Magdeburg. Leipzig. (Mit Königl. Sächsischer allergnädigster Concession.) Leipzig, den .16. November 1839. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal, Sonnabends, und wird jährlich 96 Bogen in Quart incl. deS Titels, Registers u. s. w. umlaffen. In Gemäßheit deS Zweckes derselben die allgemeinste Verbreitung zu geben, ist der Preis äußerst niedrig: mit 3 Thlr. für der« Jahrgang — 1 Thlr. 12 Gr. für sechs Monate — 18 Gr. für das Vierteljahr angesetzt worden. .Alle Buchhandlungen, Postämter und ZeitungSei'peditionrn nehmen Bestellungen an; der Hauptspedition sür beide Letztere bat sich die Königl. Säass. rvohllöbl. ZeitungS - Expedition alltzier mu terzogen. Zeit«»gs«achrichten. Rußland und Polen. Warschau, 28. Okt. (Privatmitth.) Ich erlaube mir in meinem heutigen Berichte Ihnen ein, wie mir scheint, würdiges Seiten- und Gegenstück zu der in dem Aufsätze des Dr. Steinthal (unseres Freundes in Berlin) gegebenen Skizze eines russischen jungen Mannes, zu liefern. Wir sagen Seitenstück, weil unser Bericht ebenfalls einen russischen jungen Mann aus der in Wilno durch Frömmigkeit, Wohlthatigkeit und Bildung rühmlichst ausgezeichneten Familie der Placzko betrifft; wir sagen aber Gegenstück, weil, .während1 öi-T mithe7T« jpernJr. I. Levin, bei seiner schlechtgeleiteten, nur auf's Hebräische beschrankten Erziehung, als zwanzigjähriger Gatte und Vater alle Hindernisse zu überwinden und durch Talent, Fleiß und Eifer die Bahn zum medicinischen Studium sich zu eröffnen gewußt, wir hier umgekehrt unseren ll^iczko, bei-einer sorgfältig geregelten und auf die moderrwn Sprachen besonders gerichteten Erziehung, schon in seinem dreizehnten Jahre ein bedeutendes poetisches Talent entwickeln sehen. Es liegen uns hierüber drei polnische Berichte vor. Der warschauer Courier vom 18. Oktober d. I. Nr. 277. schreibt: Schon vor einiger Zeit haben wir von einem dreizehnjährigen Knaben, einem Israeliten in Wilno, berichtet, welcher durch sein ungewöhnliches Talent zur Poesie in der polnischen Sprache sich, auszeichnet. Er heißt Judelek Maczko. Es befindet sich jetzt im Petersburger Wochenblatt eine ausführliche Beschreibung. Diese rührt von dem wohlbekannten Hrn. Ludwrck von Pokiew her, ist vom 28. September datirt, und führt den Titel: Judelek Placzko, Israelit, jetziger Dichter. Der Referent hat, wie ec schreibt, bei feiner Anwesenheit in Wilno von der außerordentlichen Erscheinung eines dreizehnjährigen Dichters, eines Israeliten, gehört. Es war dies gerade die Zeit, da man in allen Sälen dieser Stadt von nichts Anderem sprechen hörteals,vom Judelek Placzko, dem Wunderknaben. Wahrend Einige dessen dichterisches Talent mit Enthusiasmus priesen, und seine Gedichte himmelhoch erhoben, wollten Andere denselben durchaus keinen Werth zuerkennen und meinten sogar, die ihnen zum Lesen vorgelegten Gedichte rührten gar nicht von jenem her. Bei so sehr widersprechenden Urtheilen über ein so seltenes Phänomen gesteht Nef. ein, daß er frei von allen Vorurtheilen als Christ in das Haus des jungen Dichters sich begab, und bekennt nun offen, daß er beim Letztem so viel herrliche Talente zu finden kaum vermuthete, als er wirklich antras. In derThat, ruft er aus, ein dreizehnjähriger Knabe und Israelit als polnischer Dichter! Es ist dieses eine überraschende, in den Annalen der Literatur bisher unerhörte Erscheinung. Er unterhielt sich mit dem jungen Placzko über die polnische und französische Literatur. Hierin besitzt dieser Knabe ungemein viele Kenntnisse, ist in den Dichtern so bewandert, daß er alle nur irgend schöne Stellen aus denselben auswendig weiß, dabei urtheilt' er auch über schriftstellerische Leistungen, wie ein reifer Mensch und, was noch>mehr gilt, er hat über Alles seine eigene Ansicht. Bedenkt man nun, was andere Kinder in diesem Atter wissen und leisten, muß man über den Reichthum von Kenntnissen und über die dichterischen Produkte unseres Placzko wahrhaft erstaunen. Die letztere zeigt er nur mit einer gewissen Art von Bescheidenheit und Schüchternheit vor; unter denselben zeichnen sich besonders die Gedichte unter dem Titel: „Powodz',“ (die Ueberschwemmung), „Pierwsza ofiara“ (das erste Opfer, vielleicht bei Gelegenheit seiner iöar Mizwa versaßt) und der „Nachruf an seine Schwester" aus. Aus dem letztem wird auch eine Probe mitgetheilt, die wir unüberseht lassen müssen, weil sonst ein großer Thekl des poetischen Reizes verloren gehen würde, ( Natürlich halt unser Placzko die polnische Sprache für die'geeignetste zur Dichtkunst, weil sie ihm besonders zusagt, und überschätzt deshalb auch die polnische Literatur, indem er sie über die aller anderen Nationen setzt. Wir wissen aber, daß der Enthusiasmus der Jugend, wie hoch und schön ec ist, nicht immer die Grenzen der Wahrheit und Gerechtigkeit beobachtet. —