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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-08-10 · Heft 84 (10.8.1839) · p. Seite 399

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 84 (10.8.1839)
Date
1839-08-10
Page
Seite 399 (sequence 11)
Language
German
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399 A « szü ge. Die jüdische Seile der Kanülen in Süd-Rußland.") Bo» Z. G. Kohl. DaS semitische Wort „Kara" 'bedeutet soviel als „in der Schrift .lesen." Davon ist das Wort „Karar" (Karaff), so viel als „schriftgetreu" gebildet, von welchem Singular wiederum der Plural „Karami"(Karaffen) lautet."') Und so nennen sich die Juden welche die im Talmud enthaltenen Zusätze zu den kanonischen Büchern und Schriften der mosaischen Religion verworfen, und alle ihre religiösen und moralischen Lehrsätze und Vorschriften allein und ausschließlich aus dem Gesetze Moses schöpfen.; „Wir sind," sagte mir der gelehrte Rabbi Ufsuff in der Synagoge von Dschuffur-Kale """), wo er mir und einigen andern Reisenden die Aeußcrlichkeiten ihres Gottesdienstes zeigte, „wir sind dasselbe, was die Protestanten, die auch den Codex de6 kanonischen Römischen Rechts °°") nicht anerkennen, in derChristenheit, dasselbe, was die Schiiten, die gegen die Sunna protcstiren, unter den Muhammedanern, und unsere Geschichte bietet dieselbe Erscheinung, die sich am Ende in der Geschichte jeder Religion offenbart. Die ersten schönen und reinen Lehren der Religions-Stifter umgeben und verderben Eigennutz, Herrsucht und Deutelei mir einer Menge von Auslegungen und Zusätzen. Die Meisten folgen dem weiterschreilenden und revolutionirenden Strome der Zeit. Nur wenige Feste, Treue und Redliche wagen es, im Namen des ReligionsstifterS das Banner zu erheben und gegen die Aenderung zu protestiren. Beide Parteien, die Protestirenden und die Kanonischen, gerathen mit einander in Kampf, und die gemeiniglich schwächere Partei der Ersteren hat dabei viele Verfolgungen von der. anderen zu dulden, auf deren Seite sich in der Regel die Mächtigen und Gewalthaber befinden. — So einfach und natürlich unsere Geschichte auf diese Weise im Ganzen ist, so dunkel und unbestimmt ist sie doch in Bezug auf die einzelnen Daten und Jahreszahlen unserer Trennung und eigenthümlichen Entwickelung." In Europa ist Weniges und nichts Vollständiges über die Geschichte der Karaffen zur Publizität gekommen, und auch bei ihnen selber existirt noch keine Geschichte der Sekte. Die Quellen, aus denen man eine solche schöpfen könnte, sind,^wie ihre Väter einst selber, im Oriente zerstreut. Viele intcrestante alte Bücher befinden sich bei den Karaitischen Familien in Odessa, in der Krim und in Konftantinopel. Die Haupt-Sammlung aber ist ln Jerusalem, wo in den Händen der dortigen Karai'ten 17 große und kostbare Folianten historischer Schriften und Urkunden in arabischer Sprache vorhanden sind. Manche setzen den Beginn der Lossagung der Karai'ten von den übrigen Juden in das erste. Jahrhundert vor der gewöhnlichen Zeitrechnung, wo schon auch die talmudischcn Auslegungen und. Schriften beginnen: Doch ist dabei wohl aus keinen Fall an, den Beginn einer Ausbildung ihres jetzigen Zustandes und Nackens zu denken, so wahrscheinlich und natürlich es auch ") Ans dem Mag. f. Lit. des Auslandes. Wir haben in letzter Zeit Originalberichte über die Kara'tten in Konftantinopel gebracht, denen dieser ein,Gemälde der russischen Karaffen zur Seife,stellt. R ed a k t. *") Die heilige Schrift der Muhammedaner, der „Koran,ff hat von derselben semitischen Wurzel ihren Namen. Verf. Hauptsitz der Karaffen in der Krim. Verf. """") Sollte dieser Rabbi wirklich so gelehrt gesprochen haben? vnd gibt eS überhaupt einen „ Rabbi" unter den Karaffen? Redakt. «»**») Schon in der Mlschna, dem Grundtexte deü Talmud, findet sich der Rame ,,Kara-m" als Bezeichnung einer streng an der Schrift haltenden Partei. Verf. übrigens ist, daß alsbald mit dem Auftreten talmudischer Zusätze sich auch Widersprüche und Protestationen geltend machten. Die Geschichte ihrer jetzigen Sitten und ihrer heutigen Verhältnisse beginnt ohne Zweifel erst mit Muhammed. An Muhammed schlossen sich die jüdischen Protestanten sogleich entschieden an, und dieser Anschluß, so wie das nachfolgende beständige Zusammenhalten der Karai'ten mit den Muhammedanern, welches sich überall verfolgen ^,läßt, drückte ihnen ihr ganzes jetziges Gepräge auf, und gab ihnen nicht nur ihre Sprache, Gesichts - und Geistesbildung, sondern auch ihre Kleidung, Speise und Lebensweise. Die älteste Schrift, welche die Karaiten besitzen, ist ein Privilegium , welches ihnen M u h a m m ed selbst für die freie Ausübung ihres Glaubens verliehen haben soll. Wenn man alsdann diese Jahreszahlen und die Druck- oder vielmehr. Schreib-Orte der späteren karaitischen Bücher verfolgt, so geht daraus deutlich hervor, daß die Verbreitung der Karaiten immer mit der der Muhamedanischen Völker gleichen Schritt hielt. Mit diesen kamen sie nach Afrika und Kleinasien; sie begleiteten sie bis nach Spanien, waren mit ihnen zu Antiochia, Edessa, Nicäa, setzten mir ihnen nach Europa über und hatten anfangs ihre Haupr-Kolonien in Adrianopel und dann in Konstantinopel, verzweigten sich aber auch unter türkischer Hoheit in mehreren anderen Städten von Europa. Eben so kamen nun auch die Karaiten mit der Turko-Tatarischen Herrschaft unter Batü-Chan nach der Krim. Das Auffallendste bei dieser Verbreitungs-Geschichte der Karaffen, ist,-daß alle diese Kolonien in Asien und Afrika, die doch, dem Daten zufolge, nach denen man auf ihren Zustand schließen kann, im 13. und 14. Jahrhundert recht blühend gewesen sein müssen,'.in den meisten Städten dieser Erdtheile mit der Zeit wieder fast spurlos verschwunden sind. In den klcinafiatischen und syrischen Städten gibt es fast gar keine Karaiten mehr; eben so wenig in den Städten der afrikanischen Nordküste," mit Ausnahme Kahira'ö und der südlichen Provinzen Marokko's, -in welchen letztem besonders viele karaitische Gemeinden vorhanden sein müssen, da fast alle, selbst spätere krimsche Manuskripte, auf sie, als auf einen Hauptsitz der Karaiten Hinweisen.' Dieses Verschwinden der karaitischen Kolonien aus so vielen asiatischen und afrikanischen Städten erklärt man sich auf folgende Weise. 'Die Muhamedancr brachten eine-Partie ihrer fleißigen und ehrlichen karaitischen' Freunde mit, und siedelten sie in den von ihnen eroberten Städten an. In diesen fand sich nun aber gewöhnlich schon eine sehr starte Kolonie talmudischer Juden seit alten Zeiten ansässig ^vor, die sich nun in ihrer Existenz durch neu ankommende, abtrünnige und ihnen verhaßte Brüder bedroht sahen, und daher sogleich mit diesem einen Jntriguen - und gelegentlich auch wohl einen Waffenkampf auf Leben und- Tod begannen. In diesem Kampfe nun siegten fast überall die schlauen, gelehrten und unermüdlichen Talmudisten über die einfacheren und, als mit den Türken verschwistert, minder gewandten Karaffen, die mit der'Zeit fast überall weichen mußten, und^ deren Kolonien daher, durchweg verkümmerten, ja meistens völlig verschwanoen.") Nur im südlichen Theil des europäischen Rußlands erging es ihnen besser, und sie erhielten sich hier, vermuchlich weil keine Talmudisten am Hofe des Chan's sie bekämpften. Batü-Chan soll nur 40 karaitische Familien mitgebracht und hier auf einem Felsen in der Nähe des Standlagcrs (der Residenz) seines Krimschen, Statthalters angesiedelt haben. - Die. Niederlassung', welche sie daselbst gründeten, nannten sie daher auch „Kürkivli," d. h. „ die 40 Wirthschaften,". welcher-Name sich aber späterhin verlor, indem die, Ansiödlung .sich vergrößerte und zu etissem Städtchen anmuchs, besonders'■ als sich in jenem tatarischem Gouverneuers-Standlager eines eigenen unabhängigen Chan's Haupt- "). Mehrere Schriften, die sich in den Händen des gelehrten Herrn St..., Direktorder jüdischen Schule in Odessa, befinden, lassen 'keine andere Deutung zu Sv z. B. ein Buch, auf dessen Titel zu lesen ist» , .Geschrieben im Jahre der Schaffung der Welt so und so, in der armen von dm Talmudisten gedrückten Gemeinde der Karaffen zn Warna." Verf.

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