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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-07-06 · Heft 79 (6.7.1839) · p. Seite 327

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 79 (6.7.1839)
Date
1839-07-06
Page
Seite 327 (sequence 11)
Language
German
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327 hindurch, wie die Fliegen auf ihrem Berge kleben bleiben? Allein sie wissen auch kein Sterbenswörtchen darüber zu sagen, als nur ihr ewiges „genug, wir sind die wahren ächten Israeliten, und wir wissen, daß wir die wahren ächten Cvhanim sind. Deshalb das Weglaufen von den Lodten und das Beschneiden durch Muselmänner. (?)" Die Einrheilung der Sidrot und Parschiot ist dieselbe wie bei uns, auch hüben sie unsere 3 Parschiot zum Schemalesen; benutzen solche auch sehr häufig in den-Gebeten. ' Lefillin haben sic nicht und stau der Mesusa habe ich an derOberschwekle beim Kanon, doch nicht an anderen Häusern, einen viereckigen Stein bemerkt, worauf das ganze b£T)i2’1 2)212 eingehauen ist. Chanuka und Purim kennen sie nicht. Ihre Physiognomie ist von der jüdischen sehr verschieden, und ihr Glaube ist durchweg an den Berg Gerisim geknüpft: von da wird die Erlösung ausgehen, da ist Jerusalem, da ist daS Bet hammikdasch, der Messias, alles, alles von diesem Bcrgc.j Sie selbst nennen sich üHI^/2112 und 'auch von den Moslems werden sie S'amrani genannt. Mit diesen sowol als den Juden in Nablous leben sie in täglichem Verkehr und passabler Freundschaft, erlauben letzteren jedoch in der Regel nicht den Besuch ihres Tempels, doch dies wahrscheinlich nur deshalb, weil sie wegen ihrer krassen Ignoranz häufig deren Spöttereien auögejetzt sind. —-Ob im Orient alle Juden „fromm" leben? Darauf erwiedere ich: in Aegypten, d. h. in Alexandrien und Kahira, so wie in Syrien, namentlich in Damask, gibt cs wie bei uns Fromme, Halbfromme und Nichtfromme; in Palästina jedoch ist ibi'D wenn, nicht etwa einmal jemand das Waschen vor Tische oder daS Arbitgebet vergißt. Die Frauenzimmer hingegen sind überall fromm und sittlich, selbst in Smyrna und Damask, wo sie ausgezeichnet schön und reizend sind; und wenn bisweilen Nichtjuden sich ihrer Gunst rühmen, so glaube ich meinerseits, es ist leere Prahlerei. Uebrigenö heirathen die Mädchen sehr jung und die Männer sind sehr eifersüchtig. (Aus Konstantin opel). In Konstannnopel können die Israeliten wohnen in welcher Straße sie wollen, indessen haben sie nur ihre Läden in allen Theilen von Galara und Stambul zerstreut; ihre Wohnungen, Synagogen, Lehranstalten und Stiftungen aber ausschließlich in den drei Quartieren Skutörr, Ballata und ChaS-Köuy, in welchem letzteren, das einen Berg bildet, die Karaiten oben auf der Anhöhe eine besondere Abtheilung haben. Ich ging zu dem Chacham - Bascha der Karaim, den ich aber nicht zu Hause traf und dessen Gemahlin, eine junge kostbar geputzte Dame mich nach einer sehr höfiichen Aufnahme durch einen Diener zu einem anderen Chacham, NamenS Esschak, begleiten ließ. Diesen, einen Schulvorsteher, fand ich umgeben von einer Anzahl Knaben von 3 und 4 bis zu 14 und 15 Jahren die alle, Lehrer und Schüler, nach orientalischer Sitte auf der Erde saßen, und ich hörte bald einen türkischen, bald einen griechischen, bald einen spanischen Verweis geben. Ich setzte mich neben den Lehrer, der eben einen Knaben von etwa 9 Jahren vor sich hatte, der im Michlol las. Herr Esschak sprach ein viel reineres hebräisch als die gewöhnlichen türkischen Chachamim; immer Bibelsprache ohne Einmischung chaldäischer und aramäischbr Worte. Er fand sich durch meinen Besuch 'sehr geschmeichelt und zeigte mir sogleich alle seine Schulbücher mit der Bemerkung: unsere Lehre muß vor Allem auf Grammatik und Logik gegründet sein, deshalb haben wir Bücher dieses Inhalts auf Türkisch und aus Tatarisch. Er zeigte mir hierauf, wie der vor ihm sitzende Knabe im Michlol bewandert war, und dann einen zweiten, den er in griechischer Sprache examinirte, weil dieser aus Salonichi war. Eö war gerade an einem Freitage, und er sagte mir sogleich: auf diesen Abend will ich dich nicht einladen, weil wir früh zu Bette gehen, und auch in unserer Synagoge nicht lang verweilen: wir gehen dahin während es noch Tag ist, und kommen gegen Sonnenuntergang schon heraus. Morgen aber erwarte ich dich im Brthause (Kehal Karai genannt). Am Sabbatmorgen ging ich um 7 Uhr dahin, und fand einen schönen großen Saal mit Teppichen belegt, worauf die ganze Gemeinde in Reihen saß, und zwar alle auf den Knieen ohne Schuhe, oder in ledernen Strümpfen, daS Gesicht gegen die heilige Lade gewendet, und dir Taletim von den Schultern yerabhängend. Der Talir besteht aus einem viereckigen Stücke Baumwollenzeug und hak an jeder Ecke eine weiß und blau in einander geflochtene Schnur, die sich in eine dicke Quaste endigt. Der Betende hat um jeden kleinen Finger eine solche Schnur gewickelt und. läßt die Quaste frei, so daß sie bei der kleinstem Bewegung zum. Vorschein komme. Mir ward, sobald man mich erblickte, ein Platz neben den beiden Chachamim angewiesen, die ihre Talerim ganz über den Kopf gezogen hatten und ihren ganzen Körper damit bedeckten. Die Gebere werden alle still abgelesen, ganz ohne Melodie; der Chacham beginnt die ersten Worte und die Anwesenden sehen das ganze Gebet fort"). Es war eben ein Geber das mit den Worten -pu “JVD l)22b STmn anfing, und Verse wie Ez chajim hi u. s. w. enthielt. Ein Knabe von etwa 10 Jahren ging hierauf vor den Schrein und warf sich ganz nieder, so daß die Srirn den Teppich berührte, was die ganze Gemeinde, nachahmte. Als nun der Vorhang weggezogen und der Schrein geöffnet war, erblickte ich zu meinem größten Erstaunen — ein Buch statt eines Sefer T.ora; eö war schön eingebunden und mit einer goldenen Decke behängen. Der Knabe ging bis zur Bima,. legte das Buch nieder und entfernte sich, worauf sich. Herr Esschak näherte,' sich aufs Angesicht warf und das Buch öffnete. Hierauf wiederholte die Gemeinde das vorige Gebet und der Chacham Bascha, welcher Jizchak heißt, trat herzu und las die ersten Worte der Sidra yp?2 VTl, der Chacham Esschak las die Fortsetzung und die Gemeinde fiel ein. Weder Cohen poch Lewi kam vor die Tora. Nachdem die Sidra beendigt war, laS der Ch. Bascha wieder die letzten drei Worte und schloß mit einem kurzen Gebet, worauf denn der CH. E. tnsiü 1-irD "nas “pha und las die Haftara vor, warf sich aufs Antlitz und die Gemeinde rief ihm Chasack ubaruch zu. Nach einigen Gebeten sagte nun der Ch. B. Haökarot neschamot, eine Menge Namen mir ungeheuer langen Titeln <eS sind die Namen der Stifter der Secte von Onen an, und ihrer Nachfolger) und darauf von einem geschriebenen Zettel die Namen der jüngst verstorbenen Gemeindeglieder. Nach einem kurzen Gebete trug ein Knabe das Buch nun wieder in den Schrein, während sich alle Anwesenden aufrichteren und bis zum Schluß desselben stehen blieben. Hierauf folgte Schema Jisrael, wobei Alle ihre Hände ausstreckten und dieselben dann zu beiden Seiten ihres Gesichts hielten, so daß es wie zwischen zwei Wänden war, wie bei den Arabern, wenn sie auSrufen Allah akbar. Dann folgte En Kclohenu nebst einigen anderen Versen und der Gottesdienst war beendigt. Hierauf ward ich neben den Chacham Bascha gesetzt und vor uns auf eine Bank mehrere Bibeln gelegt. Die Knaben setzten sich uns gegenüber und neben ihnen der Ch. E. Der erste Knabe las nun einen VerS aus. Mikkctz — die Gemeinde wiederholte. Hierauf sagte der Knabe den Vers auf türkisch, was wir ebenfalls wiederholten. °°) So ging es eine - ganze Parascha durch, ' und darauf ward ein Kapitel Nebuim und Kerubim auf dieselbe Weise gelesen. Nun la» der,Ch. B. den Rabenu Bechay und gab eine türkische Uebersetzung mit eigenen Erläuterungen, alles sehr gewählt an Inhalt und an Sprache. Als dies beendigt war, fügte er das Gespräch, daß ich zu einigen Erklärungen aufgefördert ward, und ich entledigte mich dieser Aufgabe glücklich, ^indem ich ihnen einen ganzen Derasch auf türkisch und hebräisch gab, den sie noch nie gehört zu haben versicherten. Die ganze Gemeinde begleitete mich nun zum Chacham Pascha, und nachdem ich mich auf einen eleganten Divan gesetzt hatte, sagte die ganze Gemeinde Schabat Schalom, indem ich ihnen meine beiden Hände reichte, sie dieselben mir den ihrigen berührten und dann ihre eigenen Finger küßre (orientalische Art zu grüßen). Herr Esschak bediente uns mit Confirüren, setzte sich aber nie, weil Herr Jizchak, sein Lehrer, zugegen war. Nachdem ich hier' nun . *) Von Damen scheint in diesem Tempel nicht die Rede zu sein. •°) Man muß gestehen, diese Karaiten wissen ihren Knaben Eifer «knzuflößen. Ein wirksameres Mittel, als daß «in Schüler der ganzen Gemeinde vorsagt, gibt «6 wol nicht.

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