Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 3 (1839)
- Issue
- Heft 78 (29.6.1839)
- Date
- 1839-06-29
- Page
- Seite 72 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225013-3225092--01982-3234536- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
72 Leben sei der sicherste Weg zur Tora*) und viele von ihnen führten ein solches Leben, ohne deshalb unruhig oder unzufrieden zu sein. Ich bin nun zu Ende mit meiner Zusammenstellung, und hoffe durch sie einen erklecklichen Beweis für die Behauptung unseres Aaron geliefert zu haben, daß der Inhalt des Talmuds, so weit er sich auf die Moral beziehe den Lehren der besten griechischen und römischen Schulen materiell, nicht nachftehe. Nicht eine bloße Aehnlichkcit in Beziehung auf die äußere Farbe des Ausdrucks, nicht eine bloße Analogie einzelner Begriffe glaube ich nachgewiesen zu haben, sondern die Gleichmäßigkeit der Richtung der Systeme im Ganzen und der vorherrschenden Charaktere derselben, denn so kurz auch die auf beiden Seiten angeführten Satze sind, sie'haben doch im-Systeme mächtige Bedeutung, sind die eigentlichen Keime und Träger desselben. Es lehrt der Talmud, wie die Stoa, daß Erkenntniß und Tugend nicht nur das höchste, sondern das einzige Gut des Menschen sei, daß die Lugend Kraft genug besitze, jeden, der sie zur Richtschnur seiner Handlungen nehme, glücklich, reich und frei zu machen, daß dagegen das Laster zum Elende, zur Armuth und Geistesverwirrung führe; es ermahnt der Talmud, wie die Stoa, keine gute That für so gering zu halten, daß sie vernachlässigt, keine schlechte für so unbedeutend anzusehen, daß sie verübt werden dürste. Wenn nun die Rabbinen in ihrer Moral, als einer religiösen, mit dieser Strenge doch auch die Lehre verbinden können und verbinden, daß selbst dem schlimmsten Sünder der Weg zur Rückkehr nicht verschlossen sei (s. die Erzählung in Abod. Sar. 17/1), so wird man wol mit Recht fragen dürfen, ob es eine Moral geben könne, die da trefflichere und erhabenere Principien habe? die geeigneter wäre, Liebe zur Tugend und Scheu vor dem Laster zu erwecken, und den Verderbten zur Besserung zu führen? Ist es nun aber nicht ein schlimmes Zeichen der Zeit, daß ein Buch, in welchem solche Grundsätze gefunden werden, nicht nur vernachlässigt/ sondern verlacht und verspottet wird? Daß die Männer, welche nach solchen Grundsätzen lebten, ohne-alles Bedenken der Vergessenheit übergeben werden? Wahrlich, es laßt sich in dieser Beziehung von unserer Generation sagen: zweimal Böses hat das Volk gethan, den Quell des lebendigen Wassers haben sie verlassen, um sich Brunnen zu hauen, durchlöcherte Brunnen^ die das Wasser nicht halten; denn solche durchlöcherten Brunnen sind gar viele von den Wecken der Vorzeit sowol als den Erscheinungen der Gegenwart, denen man sich mit so großem Eifer und Liebe zuwendet. Levi: Ereifere dich nicht sosehr, Wertester! Du hast cs,- wenn es dir blos um meine Bekehrung zu thun ist, in der That nicht mehr nothwendig, denn bei der hohen Achtung, die ich, wie du weißt, vor der Würde und dem Ernste der Stoa habe, kann ich unmöglich langer mit Geringschätzung von einem Buche sprechen, in welchem sich so viele der ersten Grundsätze der jener Schule eigenen Moral finden. Du Haft also den sichersten Weg zu meiner Umwandlung eingeschlagen, und wenn du'mit mir auf die begonnene Weise forrfahrst, so wirst du am Ende noch einen eifrigen Verehrer des Talmuds aus mir machen. *) (Abot 6, 4i 'ist Vsxn N2722 nö vgl. Diog. Laort. VII, 122. y.vri&iv rs cdnoP (sc, t'ov Gotfov) iivcu yao xov y.wißftov fsvvxOfxov ln (iQtirjV odov. Befremdend aber ist es für mich, wie mir trotz des unermüdlichen Studiums des Talmuds, dem ich in früherer. Zeit eine lange Reihe von Jahren oblag, so viele äußerst nrerthvol-- len Stellen aus demselben gänzlich entgehen,, oder doch außer Acht bleiben konnten, so daß sie mir jetzt als eine Erscheinung aus einem mir völlig fremden Gebiete Vorkommen. Moses: Das laßt sich sehr leicht erklären. Du hast, wie dies bei den meisten Talmudisten der Fall ist, wahrend du dich mit dem Tal nud beschäftigtest, wahrscheinlich nur den halachischen Theil im Auge gehabt, die Agada aber wenig beachtet, und gerade dieser Theil des Talmuds gibt für Theologie und Moral die reichste Ausbeute*). Levi: Wie aber, Bester! magst du unserer mit Arbeiten schon überladenen Jugend zumuthen, auf dem großen Meere des Talmuds herumzuschiffen, um die moralischen Sentenzen aufzusuchen, die darin wie Insel-Gruppen, oft auch wie völlig vereinzelte Inseln zerstreut liegen? Soll sie alle-Schriften der Allen durchwühlen, um die Geschichte der von dir gepriesenen gottesfürchtigen und tugendhaften Männer kennen zu lernen, deren Biograp'yieen nirgends zusammengestellt sind, und von denen sich nur hier ein wenig und da, ein wenig findet? Moses: Ich stelle keine so großen Anforderungen, da ich einerseits die Unmöglichkeit, sie zu befriedigen, einsehe, und andrerseits wohl weiß-, daß dem, der zu vielfordert, nicht einmal wenig gegeben werde. Ich verlange blos, daß unsere besser unterrichtete, höher gebildete Jugend dem Geiste und der Sprache des Talmuds nicht ganz entfremdet, und cs ihr nicht völlig unmöglich gemacht werde, das Treffliche, das sich darin findet, zu verstehen und zu würdigen. Des Lehrers Ausgabe .wäre es, auf dieses Treffliche und dse Beispiele hoher Begeisterung für dasselbe planmäßig aufmerksam zu machen, und es wäre in unserer an literarischen Erzeugnissen so reichen Zeit wohl möglich, daß ihm hierin durch die Herausgabe einer Chrestomathie ein Leitfaden in die Hand gegeben werde**). Ich schließe nun lieber Freund! unsere heurige Unterhaltung (über den intellektuellen Zustand Israels), und rechne auf euere beiderseitige Zustimmung, wenn ich am Ende derselben unfern Zeitgenossen mit den Worten des Predigers (7,18) den. Rath ertheile: es ist gut, wenn ihr dieses erfasset, und von jenem euere Hand nicht lasset. Mühringen, d. 9. Jan. 1839. Dr. Wassermann, _ Rabbiner. °) Vgl. Sifri P. Ekeb p^Xia 17a nrr vs'm pnm 1^272 nnx ‘■p ^dN72w *n?2b und bab« Kam. 30, 1 XT'Dn ,nrp72b "'22N "5X72 *>XN mäNi ^72 S»« xs^r °°.) Aehnliche Ansichten' und Wünsche wurden von uns schon im zweiten Hefte des Israelitischen Predigt- und Schul-Magazinö Bd. I. „Sendschreiben über den ersten Unterricht im /Talmud" ausgedrückt. Die seit dem erschienene „Rabb. Anthologie" von Fürsten th al kann zu diesem Zwecke wegen Mangel an Systematik, wegen Unzulänglichkeit der Texte und Weitläufigkeit der Erklärungen — abgesehen von anderweitigen Verdiensten — nicht gebraucht werden. Die trefflichen „Perlenschnüre" von Fürst haben allein den äramäisch-linguistischen Zweck. Der gewünschte „Leitfaden" müßte in systematischer Folge die Aussprüche der Talmudisten über die verschiedenen Moralparticen mit möglichster Vollständigk.it der Texte geben. AuSgeschloucn müßte der dogmatische Theil sein, weil die talmudische Bearbeitung der Dogmatik schon ein tieferes, besonders historisches Studium Mi* aussetzt und erfordert.Redakt. Redactkur Dr. L. Philipps»». — Verlag von Bittrirrgärtnees BrichHandlung — Druck von I. B. Hirfchfeld.