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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1839-06-25 · Heft 76 (25.6.1839) · p. Seite 308

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
3 (1839)
Issue
Heft 76 (25.6.1839)
Date
1839-06-25
Page
Seite 308 (sequence 4)
Language
German
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508 geistigen Gestalt das Dasein abgefprocheN wird / - o h n e daß sie sich dazuhercililäßt, die Unterschiede-' des wirklichen Lebens Aufheben -zu wollen? ' Nein^ Aber als charakteristisches Merkmal zeigt sie-jenes' „ Noch!" auf, und versammelt ihre Anhänger, unter diesem einfältigen ,/Noch!" — Mag man nun von andrer Seite dieses „noch"' in der Regel finden, und gleichgültig anschen: wir könnenes nicht vorüberlassen, im Interesse aller Religiosität'müssen wir dieses „noch"- zurückweisen-, i und in die-Blöße seiner ganzen Verächtlichkeit.stellen. ' Entnervte Personen mögen -vor diesem -„Noch!" erbleichen, schwächliche Enkel geschwächter Eltern mögen zittern, wenn sie als ein „Noch" erkannt werden, aber Juden, die wir für das Dasein als „Noch-Juden" mit vollem Bewußtsein"leben und streben, wie anders könnten wir" als ' mit verächtlichem Leben die Begrüßung dieses „Noch!" entgegennehmen? Aber im vollsten, .trübsten Ernste, wir sehen die Menschheit seit ihrem Beginne nach vollendeter religiöser Anschauung und Erkenntniß streben, wir sehen sie im Schweiße ihres Angesichtes nach dieser wandern und eifern, nie ftug sie danach,- ob ihre Füße auf diesem Wege wund, ihr Fleisch auf diesem Wege von Dornen zerrissen würde, Sokratesse nahmen hiefür den Schierlingsbecher, Gali'lai's schmachteten hiefür im Kerker,, und wir Juden trugen hiefür Jahrhunderte der Schmach und des Drucks — und nun sollten alle Resultate dieses unablässigen Keuchens und Mähens schwinden vor einer Zeit des faden „Noch?" Dies wäre das Ziel, daß', nachdem Rohheit und Unbildung abgeworfen, nachdem jede geistige Gestaltung-sich aus Schmutz und Verunstaltung herausgearbeitet-, Alles verschwimmen und verschmelzen soll, nicht aus innerer . Harmonie, sondern vor der einfältigen Beschämung eines „Noch?" — — Es lieget zu offenbar, daß die Menschheit ein Anderes im .Sinne hat, als daß wir noch Etwas darüber hinzufügen sollten! C o r r e s p o n d e rr z e n. Aus Westphalen, Januar. Neber den Stand der Juden in Westphalen. (Schluß.) Manche Juden der höbern Stände widmen sich auch' dem Stande der Gelehrten, studiren besonders Medizin, einzelne auch Jura und selbst unter d§n Angestellten finden wir einzelne Juden. Der Handel in seiner ganzen Ausdehnung bleibt aber immer noch das Hauptaugenmerk derselben und große, geachtete Häuser verbreiten Leben und Wohlstand'unter denselben mit über Westphalen. Dann aber wird erst eine goldene. Zeit.für.die Juden kommen, wenn sie auch den Gewerben und Handwerken mehr angehören und auf diese Weise'noch mehr in den untern Standen an das Volk und dies an,.sie gebunden wird. Die Lebensweise trennt noch den Juden'von dem Christen, ich meine den niedern Stand der Juden; er vagirr noch zu viel, ist zu unstär, muß zu vigilant und verschmilzt sein, wenn er sich erhalten will — und wie er sich oft noch erhalt bleibt ein Rathsel —; ist aber erst mehr Ruhe, mehr Stillsein oder besser Stillleben bei ihm eingczogen, was bei den niedern Juden am meisten durch daS Erlernen ehrbarer Handwerke geschieht, dann wird der Jude ganz vergessen werden und ein ,Band ihn mit seinem Landsmanne einen, das jetzt noch nicht ganz der Fall ist, obschon unendlich vieles seit dem Antritte des jetzigen Jahrhunderts geschehen ist. Noch mehr bleibt zu wünschen übrig und die Zeit wird es auch bringen. Der Stand, oder,vielmehr. Zustand der Juden hier in Westphalen ist vielleicht günstiger,. als in manchen andern Landern; aber cs ist.auch ein sonderbarer Gedanke, daß der Jude nicht alle und dieselben Rechte unter uns genießen solle,' deren wir theilhafrig sind. Seit der grauesten Vorzeit theilt der Jude mit uns ein und dasselbe Vaterland, seit der grausten Vorzeit nährt ihn derselbe Boden, den wir in tausend Ländern als unser Vaterland preisen;^ hat der'Allmächtige Baumeister denn diesen Tbeil der Erde für unö Christen allein geschaffen'! Nein wahrlich nicht! Am Hochaltars der Katholiken, von den Kanzeln der .Protestanten, in den Tempeln der Juden preißt Alles denselben .kertn der Welt und für uns alle schuf er die Erde und keinem gab er ein Recht über den andern,, nur Zeit, Ort und Verhältnisse ließen .den Andern das Recht über den Einen erwerben und immer dort, wo die Minderzahl gedrückt wird, thut es Noch, daß man ihr daS Wort rede. Gedrückt wird nun zwar der Jude in Westphalcn gewiß nicht, aber, seine Rechte sind noch nicht den Rechten der Christen gleich und gedrückt fühlen kann er sich dadurch, obschon sein Loos hier viel besser ist, er selbst aber auch viel besser ist, als in vielen andern Ländern. Indem ich diesen Artikel schließe, schließt sich unser Jahr, daS Jahr der Christen! Tiefe Stille ruht über das waldige.Thal, in welchem mein einsames Forsihauü liegt; klar und Helle leuchtet der Mond durch die entlaubten Zweige in mein nächtliches -Zimmer, hie ganze'Natur ruht in dem weißen Gewände des ersten Schnees, dann und wann herüber in daS Thal dringt der Schall entfernter Dorfglocken, die mir ehrcnem Munde des"Jahres letzte Stunde über Wald und Flur dahin tragen und deren Schall am Gebirge sich bricht. So wie der Schnee, dies große Leichentuch,- jetzt die Erde bedeckt, mögen im nächsten Jahre, das kaum noch eine Stunde von mir entfernt ist, alle Vorurtheile gegen das' Judcnthum mit dem Schleier ewiger Vergessenheit bedeckt, .werden und leuchtend über sie hinaus, wie jetzt.durch die Winternacht des Mondes Sikberscheibe eine Tagcshelle verbreitet, ein neues Licht und Leben übep die Verhältnisse der Juden.aufdämmern, damit der Jude ganz daS wird, waS er sein soll, unser Landsmann, unser Bruder! ' Frrtz vom Walde. , Skedacteur: vr. L. Philippfon. — Verlag von Baumgartners Buchhandlung. — Druck von I. B. Hirschfeld.

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